Doku "Neukölln Unlimited" bei Arte "Sie schüren den Hass in mir"

Frustrierte Gespräche und verstörende Wortwechsel: Die Dokumentation "Neukölln Unlimited" erzählt vom Leben einer aus dem Libanon stammenden Familie in Deutschland, die gegen ihre Abschiebung kämpft. Die Regisseure zeigen ein Neukölln fernab jeglicher Skandalisierung.

Von René Martens

"Wir helfen Ihnen bei der Rückkehr in Ihr Heimatland" steht auf einem Schild in der Berliner Ausländerbehörde. Dabei suchen die beiden Geschwister Hassan und Lial Akkouch, die zu Beginn der Dokumentation Neukölln Unlimited bei einem Ämtergang zu sehen sind, ganz andere Hilfe: Sie wollen mit ihrer Familie in ihrem Heimatland bleiben. In Deutschland.

Verstörender Wortwechsel am Rande einer Diskussion mit dem Berliner Innensenator Ehrhart Körting (links): Hassan stößt mit der Geschichte seiner Familie auf wenig Gehör - und der SPD-Politiker meint betonen zu müssen, dass zeitweilig Menschen aus dem Libanon gekommen seien, die den deutschen Staat "beschissen" hätten.

(Foto: GMfilms)

Lial und Hassan sind hier immerhin befristet geduldet, solange sie sich in der Ausbildung befinden - sie lernt Eventmanagerin, er macht Abitur -, aber ihre Mutter sowie ihre Geschwister können jederzeit ausgewiesen werden. Eines Morgens im Jahr 2003 hatten Polizisten schon einmal die gesamte Familie abgeholt und in ein Flugzeug Richtung Libanon gesetzt.

Ein Jahr lang haben die Regisseure Agostino Imondi und Dietmar Ratsch die Familie Akkouch in ihrem Alltag begleitet. Hassan, der vor einigen Jahren schon in der ZDF-Dokusoap Kingstylekickers zu sehen war, und Lial erweisen sich als Integrationsweltmeister: Hassan betreut nebenbei Kinder in Neukölln, bringt ihnen Breakdance bei und ist selbst mit einer Tanzgruppe unterwegs.

Umso größer ist der Ärger, wenn sie merken, dass ihre Anstrengungen nicht den gewünschten Erfolg bringen: Die Filmemacher zeigen frustrierende Gespräche bei Behörden und einen verstörenden Wortwechsel am Rande einer Diskussion mit dem Berliner Innensenator Ehrhart Körting: Hassan stößt mit der Geschichte von seiner Familie auf wenig Gehör - und der SPD-Politiker meint betonen zu müssen, dass zeitweilig Menschen aus dem Libanon gekommen seien, die den deutschen Staat "beschissen" hätten. "Sie schüren den Hass in mir", sagt Hassan zu ihm.

Imondi und Ratsch vermitteln in ihrem Film ein Neukölln-Bild, das mit den skandalisierenden Darstellungen des Problemstadtteils nichts gemein hat. Die Erinnerungen an die zwischenzeitliche Abschiebung der Akkouchs werden mit animierten Illustrationen bebildert - ein beliebtes Stilmittel bei Doku-Autoren, wenn traumatische Erlebnisse zu schildern sind.

Neukölln Unlimited, dessen Kinoversion mehrere internationale Auszeichnungen gewann, zeigt den Druck auf eine Familie, die weiß, dass sie jederzeit auseinandergerissen werden kann. Dieser Druck bringt gesundheitliche Probleme mit sich - und bei Hassan und Lial, den Familienmanagern, ein Gefühl der Überverantwortung beim Kampf um die Zukunft. Als Zuschauer fühlt man mit ihnen in den resignativen Passagen. Einmal etwa sagt Lial, wenn die Familie nicht gemeinsam in Berlin bleiben könne, werde sie sich vorwerfen, versagt zu haben.

Aber auch der Kampfgeist der Geschwister ist spürbar. Ihr großes Ziel ist es, eine Kartoffelparty zu feiern. Einer ihrer Freunde hat das getan, als er die deutsche Staatsbürgerschaft bekam. Das Speiseangebot bei solchen Partys ist offenbar eine Anspielung auf Klischees in Sachen Nahrungs-Folklore. Zu essen, sagt Hassan, gebe es da Kartoffelsalat oder Bratkartoffeln. Was man so isst in seinem Heimatland.

Neukölln Unlimited, Arte, 23.05 Uhr.