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Diskussion nach dem Abhörskandal:"Wir sprechen über kulturelles Versagen"

Braucht die Presse eine Wahrheits-Kommission? Eine Runde mit Watergate-Enthüller Carl Bernstein diskutiert über die Konsequenzen aus dem Abhörskandal.

Christian Zaschke, London

Das Ende der Debatte zeigte, dass die Presse keineswegs ein grundsätzliches Problem mit der Glaubwürdigkeit hat - es kommt nur darauf an, wer die Presse vertritt. Auf Einladung des Guardian hatte eine hochkarätig besetzte Runde in London diskutiert, wie das Vertrauen in die Printmedien nach dem Abhörskandal wiederherzustellen sei, der zur Einstellung der Zeitung News of the World (NOTW) geführt hatte.

Carl Bernstein gestures during an interview in his apartment in New York

"Die Idee, dass es eine klare, überprüfbare und zu sanktionierende Trennung gibt zwischen wahren Fakten hier und Meinung dort - man begibt sich mit dieser Idee auf ganz gefährliches Gelände": Carl Bernstein hält nicht viel von der Trennung zwischen Fakten und Meinung.

(Foto: REUTERS)

Als die Gespräche beendet waren, strömte das Gros des Publikums zum Podium, als säße dort ein Filmstar. Der Journalist Carl Bernstein, einer der beiden Watergate-Enthüller, fand sich umlagert von Fans. Minutenlang schrieb er Autogramme und stand für Fotos bereit, ältere Herren posierten neben ihm ebenso wie junge Frauen. Es war der amüsante Ausklang einer Debatte, die zuvor 90 Minuten lang sehr ernst und sehr grundsätzlich gewesen war.

Mit Bernstein diskutierten Alan Rusbridger, Chefredakteur des Guardian, Sylvie Kauffmann, Verlagsgeschäftsführerin von Le Monde, sowie der Abgeordnete George Eustice, ehemals Pressesekretär des konservativen Premierministers David Cameron. Zur Einstimmung wurde dem Publikum ein Film gezeigt, der eine so erhellende wie aberwitzige Sequenz enthielt: Es war eine Szene aus dem amerikanischen Sender Fox News, der (wie vormals die NOTW) dem Medienunternehmer Rupert Murdoch gehört.

Murdoch wurde von einem Moderator gefragt, wie er die Befragung durch einen englischen Untersuchungsausschuss im Zuge des Abhörskandals erlebt habe. Murdoch versetzte gereizt, dass er dazu kein einziges Wort verlieren werde. Der Moderator knipste ein devotes Lächeln an und sagte: "Selbstverständlich, Herr Vorsitzender." Es war ein eigenartiges Gelächter, das den Vortragssaal der Royal Institution of Great Britain anschließend erfüllte: Einerseits war es natürlich sehr witzig, den geschniegelten Moderator kuschen zu sehen wie ein braves Hündchen, dessen strenger Herr "Sitz!" gerufen hatte. Andererseits war es ein unheimlicher Beweis von Murdochs Macht.

Dass Großbritannien diese Macht jahrzehntelang spürte, erläuterte Rusbridger. "Murdoch besitzt die angesehenen Zeitungen wie die Times, um sich Zugang zu den wichtigen Kreisen zu verschaffen. Er besitzt die Boulevardpresse, um seine Muskeln spielen zu lassen - um eine gewisse Angst zu verbreiten. Und er besitzt die Fernsehsender, um Geld zu verdienen. Als die Praktiken der News of the World im Juli endlich offen diskutiert wurden, in der Presse, im Parlament, da fühlte man überall eine große Erleichterung. Es war, als ob ein Fluch von uns genommen wurde." Was Rusbridger allerdings weiterhin umtreibt: "Die ersten Veröffentlichungen über das Abhören von Telefonen gab es 18 Monate, bevor das Thema wirklich hochkochte. Die wirkliche Geschichte ist, warum in dieser Zeit nichts passiert ist - das politische System von 'checks and balances' und die Polizei haben versagt."

Der öffentliche Druck war erst dann wirklich groß geworden, als der Guardian enthüllte, dass die NOTW das Telefon eines entführten Mädchens gehackt hatte, das später ermordet aufgefunden wurde. Als die Mailbox dieses Telefons voll war, hatten die Reporter Nachrichten gelöscht, weil sie neue hören wollten - die Angehörigen mussten glauben, das Mädchen hätte sie gelöscht - es lebe also noch. Carl Bernstein sagte: "Wir sprechen hier über einen kulturellen Zusammenbruch, über ein kulturelles Versagen, das uns noch lange beschäftigen wird."

Die Frage, ob und wie die Presse das Vertrauen der Leser zurückgewinnen könnte, drehte sich im Wesentlichen darum, ob künftig stärker reguliert werden solle. Der Abgeordnete Eustice befürwortete energisch strengere Regeln zur Überprüfung der Presse. Unter anderem führte er aus, dass Meinung und Nachricht streng zu trennen seien - und dass Zuwiderhandlung bestraft werden solle. Bernstein erwiderte: "Ich bin schockiert. Das klingt für mich nach dem Weg zu Wahrheits-Kommissionen. Die Idee, dass es eine klare, überprüfbare und zu sanktionierende Trennung gibt zwischen wahren Fakten hier und Meinung dort - man begibt sich mit dieser Idee auf ganz gefährliches Gelände." Eustice versetzte, er meine ja nicht, dass die Presse überparteilich sein müsse, wofür er von Bernstein mit einem milden Kopfschütteln bedacht wurde. Sylvie Kauffmann warf ein, Journalismus sei nun einmal keine exakte Wissenschaft, und als die Diskussion ein wenig ins Ungefähre zu driften drohte, war es Alan Rusbridger, der sie mit einer deutlichen Formulierung wieder ins Konkrete beförderte: "Eines ist jedenfalls sicher: Ohne Reporter wären wir im Arsch."

© SZ vom 04.10.2011/cag
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