"Das Verschwinden" im Ersten Krimispannung ohne Kommissar

Vier Familien, vier Geschichten: Julia Jentsch spielt Michelle Grabowski, eine alleinerziehende Mutter.

(Foto: ARD Degeto)

Der Regisseur Hans-Christian Schmid hat für Das Erste eine Serie gedreht. "Das Verschwinden" ist richtig, richtig gut. Und schafft etwas, was im deutschen Fernsehen nur selten gelingt.

Von Katharina Riehl

Vor fünf Jahren bat die Frankfurter Allgemeine Zeitung drei große deutsche Regisseure zum Gespräch, Matthias Glasner, Christian Petzold und Hans-Christian Schmid. Es ging anlässlich der Berlinale um das deutsche Kino, den Festivalbetrieb - und die Frage, warum die drei damals nicht oder kaum oder ungern fürs Fernsehen arbeiteten. Hans-Christian Schmid, mit Kinofilmen wie Nach fünf im Urwald, Requiem und Was bleibt bekannt geworden, formulierte es so: "Das Kino bietet mehr Möglichkeiten als das Fernsehen, die Geschichten so zu erzählen, wie ich es für richtig empfinde, offener, ambivalenter, weniger erklärend."

Das ist, wie gesagt, fünf Jahre her, und man kann sagen, dass sich seither ein paar Dinge verändert haben. Christian Petzold hat zwei sehr gelobte Episoden des Münchner Polizeiruf mit Matthias Brandt inszeniert, Matthias Glasner (Der freie Wille), der mit dem Fernsehen allerdings ohnehin die wenigsten Berührungsängste hatte, drehte im Jahr 2015 seine erste Miniserie, Blochin mit Jürgen Vogel für das ZDF. Dann ist da natürlich noch ihr Kollege Tom Tykwer, der gerade sein Seriengroßereignis Babylon Berlin ins deutsche Bezahlfernsehen gebracht hat. Und an diesem Sonntag startet nun Das Verschwinden , die erste TV-Arbeit von Hans-Christian Schmid. Eine Generation von Regisseuren (Schmid, Tykwer und Glasner sind alle im Jahr 1965 geboren, Petzold 1960) hat das deutsche Fernsehen für sich entdeckt.

Keine Figur, die man immer lieben kann - aber eine, für die man sich immer interessiert

Das ist selbstverständlich kein Zufall, denn die neue Nähe zwischen großem Kino und kleinem Bildschirm hat viel mit dem TV-Format Serie zu tun und dem äußerst dringenden Wunsch des deutschen Fernsehens, endlich auch mal eine richtig gute Geschichte über mehrere Folgen zu erzählen. Hans-Christian Schmid jedenfalls sagt jetzt, im Jahr 2017, eine Serie habe "die Chance, die Entwicklung einer ganzen Reihe von Figuren vergleichsweise differenziert zu schildern". Das Fernsehen bietet plötzlich etwas, was es im Kino so nicht geben kann: die Langstrecke.

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Tom Tykwers Hauptstadt-Serie ist optisch wirklich wunderschön und zeigt, was deutsches Fernsehen kann. Aber der große Sog, weiterzuschauen, bleibt leider aus.

Schmid hat also für den Bayerischen Rundfunk und die Degeto gemeinsam mit seinem Co-Autor Bernd Lange eine Serie geschrieben, acht Teile mit je 45 Minuten, und - Vorsicht Spoiler! - Das Verschwinden ist richtig, richtig gut geworden. Denn Hans-Christian Schmid löst ein, was er sich selbst versprochen hat. Schmid sagte Anfang 2016, die Finanzierung seiner Serie war noch nicht komplett gesichert, es solle Krimispannung geben, aber keinen Kommissar. Er könne "keine Szene schreiben, in der ein Kommissar am Tatort auftaucht, weil ich das Gefühl hätte, diese Situation ist schon tausendmal erzählt". In Krimideutschland dürfte das eine eher konservative Schätzung gewesen sein.

Das Verschwinden ist eine Familiengeschichte, besser gesagt die Geschichte von vier Familien, miteinander verbunden durch die Freundschaft ihrer erwachsenen Kinder. Janine Grabowski (Elisa Schlott) verschwindet aus der niederbayerischen Kleinstadt Forstenau nahe der tschechischen Grenze, und weil erwachsene Frauen ja grundsätzlich verschwinden dürfen, wohin sie wollen, ermittelt, wie von Hans-Christian Schmid versprochen, weniger die Polizei, sondern vor allem Janines Mutter Michelle. Julia Jentsch spielt diese Alleinerziehende zwischen vergehender Jugend, Überforderung und einer Resolutheit, die man bisweilen kaum aushalten kann; eine Frau mit randloser Brille zum Autofahren, schlechtem Haarschnitt und völlig ausgelastet mit der Mission, sich und ihre beiden Kinder von zwei verschiedenen Vätern möglichst unfallfrei durch dieses Leben zu navigieren. Michelle Grabowski ist keine Figur, die man immer lieben kann; aber sie ist eine Figur, für die man sich immer interessiert.

Julia Jentsch gehört gemeinsam mit Nina Kunzendorf, Sebastian Blomberg und Martin Feifel zu den prominenten Schauspielern, die es hier gibt und die so eine Produktion vermutlich braucht. Hans-Christian Schmid und seine Casterinnen aber haben etwas geschafft, das tatsächlich selten ist im deutschen Fernsehen: Sie haben Gesichter gefunden, die man nicht kennt, und die man so schnell nicht vergessen wird. Johanna Ingelfinger, 23, hatte bislang ein paar Episodenrollen in Krimireihen, und ist als Manu Essmann, Janines Freundin, die größte Entdeckung von Das Verschwinden. Manu nimmt Drogen, Manu lügt, Manu ist wunderhübsch und total im Arsch. Und kaum etwas in Forstenau ist so, wie es am Anfang scheint.

Die ARD ist ein komplexes Universum. Also wo findet sich da ein Sendeplatz?

Hans-Christian Schmid erzählt Das Verschwinden einfach so dahin, ohne Rückblenden und Effekte, acht aufeinanderfolgende Tage in acht Episoden, und er schafft, was eine Serie unbedingt schaffen muss: Man kann nicht mehr ausschalten.

Natürlich ist auch bei Das Verschwinden nicht alles nur gelungen, das ist es ja selten. Da ist zum Beispiel die Frage, warum in einer niederbayerischen Kleinstadt kaum jemand Bairisch spricht geschweige denn Niederbairisch. Spuren von Dialekt gibt es nur bei ein paar wenigen Figuren, und die haben alle so richtig einen an der Waffel. Da ist auch die ein oder andere Logikfrage, die man sich stellen kann - auch weil diese Serie ja wie ihre großen internationalen Vorbilder ja dazu einladen würde, sie an einem Stück anzuschauen, wenn man das außerhalb von Filmfestivals und Pressezugängen denn könnte. Und damit wäre man beim letzten größeren Einwand: der Frage des Sendeplatzes.

Dass es schwierig werden würde, bei einer Auswahl von 365 Tagen im Jahr gute Sendeplätze für Das Verschwinden zu finden, war schon klar, bevor überhaupt gedreht wurde. Die ARD ist ein komplexes Universum, und um für so ein Projekt mehrmals hintereinander einen Platz um 20.15 Uhr freizuräumen, ist die Liebe zum Unbekannten dann eben doch nicht ausgeprägt genug. Das Verschwinden läuft nun in Doppelfolgen an zwei Sonntagen auf dem Sendeplatz von Anne Will nach dem Tatort und dann noch am darauffolgenden Montag und Dienstag. Sehr wahrscheinlich, dass unterwegs Zuschauer verloren gehen. Und sehr wahrscheinlich, dass Hans-Christian Schmid als nächstes wieder einen Film fürs Kino dreht.

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Das Verschwinden, Das Erste, 22., 29., 30. und 31. Oktober, jeweils um 21.45 Uhr.