"Das Supertalent" auf RTL "Mehr möchte ich davon nicht sehen"

Das merkantile Funkeln in seinen Augen wurde noch deutlicher, als mit dem jungen, kantigen Pianisten Jean-Michel Aweh dann tatsächlich noch das einzig echte potenzielle Mehrwert-Talent des Abends "entdeckt" wurde. Der 28-jährige sang sich mit viel Gefühl durch zwei Songs von "Revolverheld" und von Philipp Poisel - und empfahl sich per neu eingeführter Direktbeförderung unmittelbar fürs Halbfinale. Dass Bohlen mit ihm noch viel vorhat, war dem RTL-Selbstvermarktungsexperten bereits anzusehen.

Das Publikum reagierte auf alle Darbietungen so überparteilich geschlossen, wie sich auch die Jury in allen Entscheidungen des Abends einig war. Nur dass den Klatschgästen auf den Rängen ein wenig mehr Sportlichkeit abverlangt wurde. Jeder Beifall geht in der rigiden "Supertalent"-Inszenierung stets in Standing Ovations über.

Doch dann zerstörte das wirklich dicke Ende alles: Man musste sich nur noch einmal vor Augen führen, warum Thomas Gottschalk nun tatsächlich seine Leoparden-Shirts bei RTL aufträgt. Es war der Moment, in dem der ZDF-Klassiker "Wetten, dass ..?" für immer seine Unschuld verloren hatte - durch den Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch. Der wollte in der Live-Sendung vor laufenden Kameras und einem entsetzen Publikum über ein entgegenkommendes Auto springen, stürzte bekanntlich schwer und sitzt seitdem im Rollstuhl.

Gottschalk versicherte damals glaubhaft, wie tief auch sein Schock saß - und dass er danach nie wieder einfach so weitermoderieren könne und wolle. Der schlimmste anzunehmende Zwischenfall der deutschen Fernsehgeschichte liegt noch nicht ganz zwei Jahre zurück - schon findet sich Gottschalk in einer Sendung wieder, die er eigentlich nicht zulassen wollte - und dürfte.

"Von jugendlichem Leichtsinn kann man ja nicht sprechen", quälte er sich nämlich um etwa 22 Uhr, als ihm die Sendung komplett entglitt, noch einen unpassenden Scherz ab. Dann gab er zusammen mit Dieter Bohlen die Bühne frei für eine Nervenkitzel-Einlage, die an Unangebrachtheit nicht zu überbieten war: Helmut Wirtz, ein wohlgemerkt 87-jähriger Extremsport-Fanatiker, stürzte sich an einem Bungee-Seil 80 Meter in die Tiefe. Und dieses wurde von Franz Müllner, einem österreichischen Kraftkerl, mit bloßen Händen gehalten. Es war der 105. Sprung des Dortmunder Rentners - und er ging zum Glück gut aus. Nur Gottschalk, der mit der irrsinnigen Wette seine Glaubwürdigkeit riskierte, wollte man wirklich zustimmen, als er sagte: "Mehr möchte ich davon nicht sehen."

Zu diesem Zeitpunkt saß Michelle Hunziker in der von der Regie wild zusammengeschnittenen Sendung gar nicht mehr neben ihren Männerkollegen auf der Jury-Bank. Sie war schon mit dem Krankenwagen zur Untersuchung abtransportiert worden. RTL zeigte nur noch die Lichter des Rettungswagens - und verwies auf mehr Nervenkitzel mit Messerschluckern, Schlagbohrer-Akrobaten, Feuerkünstlern sowie einer in den Ankündigungstrailern erfreulicherweise bereits wieder putzmunteren Co-Jurorin. Nur sehen möchte man das dann alles wirklich nicht mehr. Selten wirkte Blaulicht schockierender.

Obwohl das Gespann Bohlen-Gottschalk-Hunziker im Vorfeld mit Spannung erwartet worden war und in der Gunst der Zuschauer am Samstagabend an erster Stelle lag, startete die neue Runde des "Supertalents" mit einer schwächeren Quote als die vergangene Staffel. Durchschnittlich 6,34 Millionen Zuschauer schalteten ein. Das entsprach einem Marktanteil von 22 Prozent. Die erste Folge der fünften Staffel hatte im September 2011 im Schnitt 7,37 Millionen Zuschauer erreicht (25,3 Prozent).