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Computerspiele zur Wissensvermittlung:Zynisch bis bewegend

Gelegentlich endet dieser Versuch leicht zynisch, wie im Spiel "Bin Laden Riad", in dem man als Spieler zugegen ist, wenn amerikanische Spezialeinheiten Osama Bin Laden töten. Bewegend ist dagegen das Spiel "Los 33", bei dem man erlebt, wie quälend lange die Rettung der chilenischen Bergarbeiter in der Mine von San José dauerte.

Marcus Bösch, 37, entwickelt solche Spiele mit Nachrichtenwert, zuletzt eines zum Abhörskandal um das Geheimdienstprogramm Prism. Für Bösch sind Newsgames Journalismus, er unterscheidet sogar Darstellungsformen wie Kommentar, Glosse oder Reportage unter den Spielen. Dennoch hat er Zweifel an der Zukunft des jungen Genres. "Das Geld fehlt", sagt er. Sowohl hier als auch in den USA sei der Markt noch klein. Auch Shannon Perkins arbeitete viele der 500 Stunden, die er für "Cutthroat Capitalism" benötigte, unbezahlt.

Dementsprechend selten sind Newsgames noch im Netz zu finden. In Deutschland gibt es kaum welche, in den USA und England nutzen die New York Times und der Guardian sporadisch das Format. Sie schätzen ihren Zusatznutzen: Mit guten Spielen kann sich eine Nachrichtenseite vom übrigen Angebot im Netz unterscheiden, zudem steigt die für Werbekunden interessante Verweildauer des Nutzers auf der Site an, wenn er ein Newsgame spielt.

Newsgames sind durchaus ernst

Spielerische Elemente gibt es auf Nachrichtenseiten schon länger. Interaktive Grafiken haben den Prozess, den Fachleute als "Gamification" bezeichnen, beschleunigt. Noch verbinden viele Menschen mit dem Begriff "Onlinespiel" Unterhaltung, sie halten das Dargestellte für Fiktion. Parallel dazu wächst die Gruppe derer, für die Onlinespiele das "Leitmedium des 21. Jahrhunderts" sind, wie der Entwickler Marcus Bösch meint. Das klingt übertrieben, aber tatsächlich schließen sich Spiel und Ernst bei der Wissensvermittlung nicht zwangsläufig aus. Ärzte spielen längst Operationen zu Übungszwecken am Computer durch, das US-Militär bereitet seine Soldaten mit Simulationen auf Einsätze vor.

Newsgames sind in der Regel nicht weniger ernst. Dahinter verbirgt sich meist eine Redaktion, die den Inhalt aufwendig recherchiert. "Für Newsgames gelten dieselben Standards wie für Zeitungsartikel", sagt Bösch. Trotzdem kämpft das Genre um Glaubwürdigkeit, bei Journalisten und beim Publikum. Die Berliner Forscherin Breitlauch glaubt an einen Gewöhnungsprozess. "Das Genre steht am Anfang und entwickelt sich noch." Sie vergleicht die Entwicklung mit den Anfängen von Radio und Fernsehen, denen viele mit Skepsis begegneten. Die Glaubwürdigkeit komme im Laufe der Zeit, meint die Forscherin, wenn sich Nutzer an Newsgames gewöhnt haben. Aber wollen sie das überhaupt?

In jeder Hinsicht liegen Welten zwischen einer guten Dokumentation über den syrischen Bürgerkrieg und einem Spiel. Das eine ist die passive Erfahrung, Nachrichten zu konsumieren, das andere fordert vom Nutzer selbst Entscheidungen: Würde ich in dieser Situation töten? "Endgame: Syria" heißt ein aktuelles Newsgame, das in vielen Foren seitenlange Diskussionen ausgelöst hat.

Neutralität ist manchmal schwierig

"Die Frage ist: Will ich das emotional so nah an mich ranlassen", sagt Linda Breitlauch. Die Spielemacher hätten eine große Verantwortung gegenüber den Nutzern: Die Spieler erlebten die Brutalität des Krieges intensiver als der normale Nachrichtenleser. Für Spiele-Entwickler Bösch liegt genau darin die Stärke der Newsgames. Die Gefahr, dass so komplexe Themen wie der syrische Bürgerkrieg zu einfach dargestellt werden, sieht er nicht: "Besser schmal und tief als breit und flach."

Das klappt nicht immer. Bei "Endgame: Syria" kämpft der Spieler in der Rolle eines syrischen Rebellenführers. Die Möglichkeit, eine neutrale Position einzunehmen, gibt es nicht. Die Entwickler entscheiden, wie ein Newsgame aufgebaut ist und beeinflussen damit, wie der Nutzer Fakten und Zusammenhänge eines Ereignisses wahrnimmt. So stellt sich auch die Frage nach objektiver Berichterstattung neu, denn noch stärker als in klassischen Nachrichten, basieren die Szenen in einem Newsgame zwar auf realen Ereignissen, bleiben aber immer auch ein Produkt der Fantasie ihres Programmierers und Entwicklers.

Befeuert durch die aktuellen Enthüllungen rund um den amerikanischen Geheimdienst NSA, es im Netz nun Newsgames, die sich mit Prism auseinandersetzen, wie auch Entwickler Bösch es schon getan hat.

Ideen und Potenzial sind da

Die Ideen und das Potenzial sind also da, auch, weil die Technik einfacher zu bedienen wird. Einfachere Newsgames lassen sich mittlerweile in wenigen Tagen herstellen, mit standardisierter Software. Anspruchsvolle Projekte, sagt Bösch, können aber auch bis zu einem halben Jahr in Anspruch nehmen.

"Nur durch gute Produkte finden Newsgames in den Journalismus", glaubt er. Spiele, bei denen Inhalt, Aufbau und Grafik perfekt passen, müssen aber meist von externen Entwicklern produziert werden, weil in Redaktionen viele Journalisten, aber kaum Programmierer arbeiten. Das kostet Geld, das im Medienwandel nicht gerade locker sitzt. Da hört das Spiel dann auf.

© SZ vom 12.07.2013/khil/pak
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