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Fall Relotius beim "Spiegel":Abbitte in Fergus Falls

Collage für die Medien vom 22.12.2018

Im März 2017 druckte der Spiegel diese Reportage von Claas Relotius. Die Dokumentationsabteilung des Magazins übersah haufenweise Fälschungen.

(Foto: Spiegel/Bearbeitung: Michael Mainka)
  • Zwei Bürgerjournalisten aus der amerikanischen Kleinstadt Fergus Falls veröffentlichten nach Bekanntwerden des Skandals um Claas Relotius einen Blogeintrag, in dem sie auf Fehler in einem seiner Texte hinwiesen.
  • Der Blogeintrag wirft kein gutes Licht auf die Dokumentationsabteilung des Spiegel.
  • Der Spiegel reagierte nun, indem er seinen USA-Korrespondenten als Vermittler in den Ort im US-Bundesstaat Minnesota schickte.

Es ist keine schöne Recherchereise, auf die sein Arbeitgeber Christoph Scheuermann geschickt hat. Der Washington-Korrespondent des Spiegel ist am Donnerstag nach Fergus Falls in Minnesota gereist, in "eine kleine und sehr kalte Stadt voller zuvorkommender Menschen, die erstaunlicherweise ihre Gutmütigkeit nicht verloren haben", wie er auf Facebook schreibt. Zu verdanken hat Scheuermann diese Mission seinem Kollegen Claas Relotius, bis Montag Reporter des Nachrichtenmagazins, der sich knapp einen Monat in Fergus Falls aufgehalten haben will, aber eine "Lügengeschichte" zurückgebracht habe, so Scheuermann. Wie seine Kollegen in Hamburg ist Scheuermann wütend und traurig, "mir ist das alles sehr peinlich".

Nachdem die Spiegel-Redaktion am Mittwoch einen der größten Medienskandale der vergangenen Jahre offengelegt hatte, wonach Relotius, der als Autor oder Co-Autor knapp 60 Texte bei Spiegel und Spiegel Online veröffentlicht hat, in vielen davon manipuliert und gefälscht hatte, Zitate und Protagonisten erfunden hatte, meldeten sich Michele Anderson und Jake Krohn, zwei Bewohner von Fergus Falls, mit einem Blogeintrag auf der Onlineplattform medium.com zu Wort. Seit der Spiegel-Veröffentlichung im März 2017 hätten sie sich mit den Fehlern in Relotius' Text beschäftigt, schreiben sie, zwischendurch pausiert und sich dann diesen Herbst wieder drangesetzt, "gerade rechtzeitig, um heute zu erfahren, dass Relotius nach der Aufdeckung von Erfindungen in vieler seiner Artikel gefeuert wurde". Ob der Druck dieser Recherche dafür ausschlaggebend war, dass der Spiegel am Mittwoch an die Öffentlichkeit ging, ist unklar, aber nicht auszuschließen.

In eigener Sache SZ-Magazin vom Fall Relotius betroffen
SZ-Magazin

In eigener Sache

SZ-Magazin vom Fall Relotius betroffen

Auch das "SZ-Magazin" hat im Jahr 2015 zwei manipulierte Interviews von Claas Relotius veröffentlicht, der umfangreiche Fälschungen im "Spiegel" eingestanden hat.

Auch andere Medien, für die Relotius vor seiner Festanstellung beim Spiegel frei arbeitete, sind von den Fälschungen betroffen, darunter, wie eine erneute Prüfung ergab, auch das Magazin der Süddeutschen Zeitung, in dem Relotius 2015 zwei Interviews veröffentlicht hatte.

Der Spiegel widmet sich in der Titelgeschichte seiner aktuellen Ausgabe intensiv der Aufarbeitung des Falls und stellt 23 Seiten frei ins Netz.

In ihrem Blogeintrag listen Anderson und Krohn die elf aus ihrer Sicht "absurdesten Lügen" in der Reportage "In einer kleinen Stadt" auf, so etwa die, dass man dort besessen sei von dem Hollywoodfilm American Sniper, der auch zwei Jahre nach dem Kinostart noch immer gezeigt werde. Und was fanden die beiden Factchecker aus Fergus Falls heraus? Rund einen Monat, vom 16. Januar bis zum 19. Februar 2015, wurde American Sniper im örtlichen Kino gezeigt, schrieb ihnen eigenen Angaben zufolge der Betreiber des Kinos per Mail. Der Spiegel hat die Vorwürfe auf seiner Website dokumentiert, "ohne bislang jeden einzelnen überprüft zu haben". Das ist nun auch Scheuermanns Aufgabe. Ziel der Reise sei es, "ein besseres, realistisches Bild dieser Stadt" zu zeichnen, schreibt er auf Facebook, das hätten die Menschen verdient.

Der angebliche Filmgeschmack der Bewohner von Fergus Falls war eines dieser Details in den Geschichten von Relotius, die gespenstisch gut zu seinen Arbeitsaufträgen passten. So irre gut, dass der Mann nur zweierlei sein konnte: Genie - oder Scharlatan. Aber misstrauisch wurden nur wenige. Im Fall der Geschichte über Fergus Falls war die Idee der Redaktion, schreibt Spiegel-Edelfeder Ullrich Fichtner in seiner umfangreichen Rekonstruktion des Falls Relotius, "die ersten Monate von US-Präsident Trump nicht immer nur von oben herab aus europäischer Sicht zu verteufeln, sondern sie auch einmal aus der Perspektive derer anzuschauen, die den großen Donald mutmaßlich gewählt hatten". Etwa der von Neil Becker, einem 57 Jahre alten Kohlewerksarbeiter, der in Wahrheit Doug Becker heißt, für einen Paketdienst arbeitet und lange ein Fitnessstudio geleitet hat.