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"Buchtipps" vor dem Aus:Und Schluss

Christine Westermann

Christine Westermann empfiehlt mitunter auch weniger auffällige oder prominente Bücher für ein breites Publikum.

(Foto: Linda Meiers/WDR)

Nur fünf Minuten brauchte Christine Westermann pro Monat im WDR-Fernsehen, um Bücher populär zu machen. Nun schickt der Sender sie vom Schirm. Eine Zäsur für Verlage und Leser.

Von Felix Stephan

Als Norbert Himmler vor ein paar Tagen nach seiner Wahl zum künftigen ZDF-Intendanten sein erstes Interview im Heute-Journal gab und bei dieser Gelegenheit zwanzig Sekunden Zeit hatte, die Linien seiner ersten Amtszeit zu umreißen, nutzte er auffällig viele dieser Sekunden dafür, die Rolle der Kultur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu betonen. Die könnte Hilfe von oben tatsächlich gut gebrauchen, in den Landesrundfunkanstalten der benachbarten ARD werden gerade Sendungen gestrichen, dass man mit dem Zählen kaum mehr hinterherkommt: Der NDR hat sein Bücherjournal eingestellt, der WDR wollte sein tägliches Rezensionsformat verlegen, bevor er nach öffentlichen Protesten wieder zurückzog, dem Hessischen Rundfunk ging es bei der Reform seines Klassiksenders HR2 ähnlich, das Literaturmagazin des SWR2 gibt es im Zuge der Programmreform fortan seltener, jetzt trifft es, SZ-Informationen zufolge, - wiederum beim WDR - die Fernseh-Buchtipps der populären Christine Westermann.

Die Begründungen sind bei all diesen Reformen, die jeweils auf ein reduziertes Kulturprogramm hinauslaufen, mehr oder weniger identisch: Zum einen geben die Verantwortlichen an, den "Kulturbegriff erweitern" zu wollen, um auch Milieus für sich zu gewinnen, die eher dem Bilder- als dem Bildungsbürgertum angehören. Und zum anderen sollen klassische Rezensionen durch Talks und Expertengespräche ersetzt werden, weil dialogische Formen als lebendiger gelten.

Wenn es nun tatsächlich darum gehen sollte, die Einstiegshürden zur Buchkultur zu senken, erscheint die Absetzung von Christine Westermanns Buchtipps als skurril: Westermann, eine der überregional bekanntesten Moderatorinnen des WDR, ist vor allem, seit das ZDF Elke Heidenreichs Lesen!-Sendung vor vielen Jahren schnöde aus dem Programm kippte, gerade für die Teile des literarischen Publikums eine Integrationsfigur, die nicht täglich die Feuilletons studieren, die aber trotzdem gerne gute Bücher lesen möchten - es geht also um den größten Teil des deutschen Lesepublikums. Angesichts der unüberschaubaren Zahl an Neuerscheinungen ist Westermanns Orientierungsfunktion in der deutschsprachigen Medienlandschaft derzeit einzigartig.

Ihre Buchtipps wenden sich an den größten Teil des deutschen Lesepublikums

Einmal im Monat standen ihr fünf Minuten Sendezeit innerhalb des TV-Magazins Frau TV zur Verfügung, um über jeweils zwei Bücher zu sprechen. Es handelt sich also nicht um Sendezeit, die sich der WDR schmerzhaft aus dem Fleisch schneiden musste. Für die Auflagen von Büchern, die von Kritikern sonst wenig wahrgenommen werden, hatten diese fünf Minuten Westermanns pro Monat aber erhebliche Auswirkungen: Als Westermann vor Kurzem zum Beispiel die Alltagsbeobachtungen einer Berliner Busfahrerin empfahl, verkaufte sich das Buch umgehend tausendfach. Gerade für kleinere Verlage können solche Interventionen schon mal eine ganze Saison finanzieren.

Entsprechend überraschend kam die Einstellung der Buchtipps für die Moderatorin selbst: Vor fünf Wochen sei sie von der Frau TV-Redaktion darüber informiert worden, dass das Format nach der Sommerpause aus dem Programm genommen werde, teilte Westermann der SZ auf Anfrage mit. Auch der WDR bestätigte das Ende der Rubrik, nach der Sommerpause werde es "Veränderungen geben". Westermann aber bleibe im Radio bei WDR2 und WDR3 aktiv. Als Grund für den Umbau, so Westermann, sei ein "Monitoring" ins Feld geführt worden, also eine Zuschauerbefragung, bei der die Mehrheit der Teilnehmer angab, kein Interesse an Büchern zu haben. Wie die Zahlen genau aussehen, wisse sie nicht, sagte Westermann, sie habe sie nie zu Gesicht bekommen.

Ihre eigenen Erfahrungen weisen in eine andere Richtung: Ihre Tourneen sind ausverkauft, ihre Empfehlungen im Fernsehen erklimmen jeweils aus dem Stand die Bestsellerlisten. Es gebe eine Menge Menschen, für die das Lesen "keine Last, sondern eine Lust" sei. Immer wieder habe sie der Redaktion vorgeschlagen, die Buchtipps zu modernisieren, daraus geworden sei nie etwas: "Die Skala meiner Gefühle, nachdem ich es erfahren habe: erst Fassungslosigkeit, Zorn, Traurigkeit, Resignation. Jetzt Aufbruch." Dann mache sie die Buchtipps eben woanders.

Sie ist am ehesten das deutsche Pendant zum US-amerikanischen Modell der nicht-akademischen Buch-Influencerin

In den USA ist die von Oprah Winfrey erfundene mediale Figur der zugewandten, nicht-akademischen Buch-Influencerin ein Wachstumsmodell, das zunehmend kopiert wird und neben der klassischen Kritik ein eigenes literarisches Ökosystem aufbaut. Schauspielerinnen wie Reese Witherspoon und Sarah Jessica Parker empfehlen in eigenen digitalen Buchclubs Titel, die sie mit ihren Followern diskutieren und mitunter selbst verfilmen. Christine Westermann ist zu diesen literarischen Multiplikatoren, die von den klassischen Feuilletons mitunter dünkelhaft behandelt, von Verlagen für ihr Engagement aber aus nachvollziehbaren Gründen sehr geschätzt werden, am ehesten das deutsche Pendant.

Die Verleger kritisieren die Entscheidung des WDR hart: Christine Westermann gehöre zu den wenigen Buchpersönlichkeiten, die praktisch allen Leserinnen und Lesern hierzulande ein Begriff seien, schreibt die Münchner Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg auf Anfrage, "ihre empathische, identifikatorische Art, über Romane zu sprechen und über Neuerscheinungen zu informieren", sei ein Fixum des literarischen Lebens in Deutschland. Auch für Kerstin Gleba, Verlegerin von Kiepenheuer & Witsch in Köln (und als solche auch, wie der Ordnung halber betont sei, von Büchern Westermanns), ist die Einstellung der Buchtipps eine "sehr schlechte Nachricht": "Schlecht für viele bis dato wenig bekannte Autorinnen und Autoren, die dank der Entdeckung und Empfehlung durch Christine Westermann ein Publikum gefunden haben, das ihnen sonst verschlossen geblieben wäre. Schlecht für die kleinen Verlage, die dank eines ihrer Buchtipps einen solchen Aufwind in den Bestellzahlen sahen, dass sie Rückenwind für weitere Entdeckungen bekamen. Schlecht für die Buchhandlungen, die sich über Kunden freuten, die gezielt nach dem von Christine Westermann empfohlenen Buch fragten, und sich über Umsätze freuen konnten, die nicht allein auf den sicheren Bestsellern beruhten. Eine so wichtige Botschafterin des Buches jetzt vom Spielfeld des öffentlich rechtlichen Fernsehens zu nehmen, finde ich skandalös."

Der fatale Eindruck: Die meisten Maßnahmen berufen sich allein auf Publikumsbefragungen

Dass die Kulturberichterstattung sich in einem digitalen Umfeld neu sortieren muss, wird niemand bestreiten. Der fatale Eindruck bei den meisten dieser Maßnahmen ist jedoch, dass sie sich allein auf Publikumsbefragungen und Quotenmessungen berufen und ein konzeptionelles Nachdenken darüber, wie der öffentlich-rechtliche Kulturauftrag in digitale Formate übersetzt werden könnte, kaum spürbar stattfindet.

Gerade regionale Programme und Formate geraten unter Druck, wenn sie über die digitalen Kanäle ausgespielt werden. Anders als über UKW treten die Formate unterschiedlicher Rundfunkanstalten in direkte Konkurrenz zueinander und wenn etwa "Die Literaturagenten", die Literatursendung des RBB, online hohe Abrufzahlen erzielt, gerät Diwan - Das Büchermagazin im Bayerischen Rundfunk zwangsläufig unter Rechtfertigungsdruck. Und andersrum. Dass das Publikum online jederzeit alles haben kann, führt nach den Erfahrungswerten des unregulierten Internet zu einer ungeheuren Konzentration: Wenn am Ende ein einziges digitales Literaturformat übrig bliebe, das ohnehin überall empfangbar ist, wäre für die Grundversorgung theoretisch gesorgt.

Dieser Tendenz zu widerstehen, erfordert von den Programmverantwortlichen einen erheblichen Gestaltungswillen, denn die Zahlen lügen nicht und der Spardruck ist groß. Für die Vielstimmigkeit, die Bandbreite der besprochenen Bücher und die kulturelle Landschaft des Landes aber sind solche Zusammenlegungen fatal. Je weniger Sendungen und populäre Menschen als Vermittler es gibt, desto schmaler wird der Flaschenhals, desto geringer also wird die Chance für jedes einzelne Buch, die Geltung zu erlangen, die es womöglich verdient hat.

© SZ/gor
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