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"Capitani" auf Netflix:Die zerstörten Spiegel

Im Wald, nahe einem fiktiven luxemburgischen Dorf, wird die Leiche der 15-jährigen Jenny gefunden. Jil Devresse spielt die Tote und ihre Zwillingsschwester.

(Foto: Netflix)

Die luxemburgische Serie "Capitani" verleiht dem klassischen Krimi-Genre einen frischen Anstrich - auch durch eine ungewöhnlich farbenfrohe Ästhetik .

Von Lina Wölfel

Was braucht es für eine gute Krimi-Serie? Einen mysteriösen Fall, einen leicht mürrischen Ermittler, eine sympathische Watson-Figur, einen verschwiegenen und intriganten Kreis an Verdächtigen und ein ordentliches Fährten-Wirrwarr. All das hat Capitani. Und doch wirkt die Serie auch auf den zweiten Blick nicht wie ein klassisches Exemplar ihres Genres.

Seit Mitte Februar ist die luxemburgische "Detektivgeschichte" von Thierry Faber auf Netflix streambar. Im einem Waldstück, nördlich des fiktiven Dorfes Manscheid in Luxemburg, wird die Leiche der 15-jährigen Jenny (Jil Devresse) gefunden. Um den mysteriösen Mordfall aufzuklären, wird Inspector Luc Capitani (Luc Schiltz) hinzugezogen. Als Außenstehender hat Capitani jedoch Schwierigkeiten, zu den verschwiegenen Dorfbewohnern und -Bewohnerinnen vorzudringen. Deshalb bekommt er Unterstützung von der jungen Polizistin Elsa Ley (Sophie Mousel), die in Manscheid aufgewachsen ist. Gemeinsam muss das Ermittlerteam nicht nur den Mörder finden, sondern auch jeden einzelnen Dorfbewohner und seine individuellen Motive durchschauen. Denn wie schon Usch, der "Dorfkauz", zu Beginn der ersten Folge sinnbildlich vor sich her murmelt: "Die Spiegel sind kaputt".

Der Serie liegt ein klassisches Krimi-Narrativ zugrunde. Deshalb ist in Manscheid natürlich auch nichts so, wie es scheint. Die Ermittlungen entpuppen sich immer mehr als ein aufwendiges Puzzlespiel: Capitani und Ley müssen erst die einzelnen Teile wieder zusammensetzen, bevor sie das Bild des Mörders zu sehen bekommen.

Neue Farben braucht der Krimi: Schluss mit Grau- und Sepiatönen

Das Besondere an Capitani ist nicht die wenig innovative Story, sondern wie die Geschichte auf Bildebene erzählt wird. Die Serie schafft es, einen spannenden und mysteriösen Krimi zu erzählen, ohne sich dabei auf die in dem Genre so typischen Grau- und Sepiatöne zu verlassen. Da hängen an einer Sandsteinmauer rote, pinkfarbene und gelbe Geranien, dahinter leuchten Büsche und Sträucher in sattem Grün, auf der Straße spielen Kinder Fußball. Auch der Wald, in dem Jenny tot gefunden wird, ist nicht düster und grau verwaschen, sondern lichtdurchflutet und hell. So überträgt Capitani die Unsicherheit darüber, wem oder was man noch trauen darf, von der Erzählebene auf die Bildebene - als Zuschauer kann man seinen gelernten Sehgewohnheiten nicht mehr trauen.

Beeindruckend ist auch das Figurenensemble, das ein breites Spektrum an Persönlichkeiten und Autoritäten auffächert. Die Ermittlerfigur des Luc Captani funktioniert durch ihre Menschlichkeit. Er ist kein Mastermind, sondern ein Beamter, der sein Handwerk beherrscht. Das bedeutet, dass er, während er versucht, sich Orientierung zu verschaffen, auch mal im Dunkeln tappen darf. Elsa Ley bildet als bodenständige, aber unnachgiebige Vermittlerin einen starken Gegenpart zu Capitani. Das anfängliche Machtgefälle zwischen der Polizistin und dem Kommissar rückt sich rasch zurecht, als klar wird, dass Capitani ohne ihre Verbindungen zu den Dorfbewohnern nicht weit kommt. So spinnt sich ein immer komplexer werdendes Netz von Verdächtigen, zwischen Kirche, Militär, der eigenen Familie und auch den Angehörigen der Ermittler. Als Zuschauer mag man dazu verleitet sein, anzunehmen, den Fall wie in einem luxemburgischen "Cluedo"-Spiel vor Ende der Ermittlungen selbst lösen zu können. Aber um eins vorwegzunehmen: Das wird nicht gelingen.

Du willst „Capitani“ sehen? Dann hier entlang zur Seite unseres Kooperationspartners Just Watch*:

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