Britische Tageszeitung "Guardian"-Chefredakteur Rusbridger steigt auf

Er geht - und bleibt doch: Alan Rusbridger wechselt von der Chefredaktion des "Guardian" zur Stiftung, der die Zeitung gehört.

(Foto: REUTERS)
  • Der Chefredakteur des "Guardian" tritt ab. Alan Rusbridger wird stattdessen ab 2016 neuer Vorsitzender des Scott Trust, der gemeinnützigen Stiftung, der die Zeitung gehört.
  • Unter Rusbridger veröffentlichte der "Guardian" die Enthüllungen von Edward Snowden über die Machenschaften des Geheimdeinstes NSA.
  • Während Rusbridgers Zeit wurde die Internetseite der linksliberalen Zeitung zu einer der meistgelesenen englischsprachigen Nachrichtenseite weltweit.
Von Björn Finke, London

Kurz vor seinem Abschied nahm er noch eine weitere Auszeichnung entgegen: Alan Rusbridger, Herausgeber und Chefredakteur der britischen Tageszeitung The Guardian , erhielt vergangene Woche im schwedischen Reichstag den Alternativen Nobelpreis - zusammen mit Edward Snowden, dem Whistleblower, der über die Machenschaften des US-Geheimdienstes NSA und anderer Dienste ausgepackt hatte. Am Mittwoch teilte Rusbridger dann mit, dass er im Sommer sein Amt niederlegt. Und aufsteigt. Er wird 2016 neuer Vorsitzender des Scott Trust, jener gemeinnützigen Stiftung, der die Zeitung gehört und welche geduldig die jährlichen Verluste finanziert. Wer ihm als Chef der Zeitung nachfolgt, wurde nicht bekannt gegeben.

An der Spitze des Trust löst er Liz Forgan ab. Der heute 60-jährige Rusbridger, der mit seiner Wuschelfrisur jünger aussieht, leitet den Guardian seit 1995, er wird also nach 20 Jahren abtreten. Diese Jahre seien "eine ziemlich außergewöhnliche Phase im Leben" des Blattes gewesen, schrieb er zum Abschied in einem Rundbrief. Es passt sehr gut, dass er kurz vor dem Good-bye noch einmal wegen der Snowden-Enthüllungen ausgezeichnet wurde. Denn diese Affäre prägte die letzten Jahre seiner Amtszeit. Und sie prägte das Image des Guardian als investigative linksliberale Qualitätszeitung - nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern weltweit.

Mit einer Auflage von knapp 200 000 mag das Blatt in Großbritannien zu den kleinsten überregionalen Zeitungen gehören, doch seine Internetversion ist inzwischen eine der meistgelesenen englischsprachigen Nachrichtenseiten weltweit. Ein weiterer Skandal, den die Zeitung schon 2011 aufdeckte, war die Abhöraffäre des Murdoch-Konzerns: Die Blätter des Medien-Giganten Rupert Murdoch hatten auf der Jagd nach Geschichten systematisch Mobilboxen gehackt und Gespräche belauscht - nicht nur von Prominenten, sondern ebenso von Verbrechensopfern in Großbritannien.

Die britische Regierung fand die Snowden-Artikel nicht preiswürdig

Den Alternativen Nobelpreis verdiente sich Rusbridger aber, weil der Guardian - wie andere Medien auch, etwa die Süddeutsche Zeitung - Dokumente auswertete, die der frühere Geheimdienst-Mitarbeiter Snowden den Journalisten zukommen ließ: Papiere, welche die massenhafte Überwachung unbescholtener Bürger durch die Geheimdienste beweisen. Für diese Artikel erhielt der Guardian zusammen mit der Washington Post im April den begehrten Pulitzer-Preis. Doch die britische Regierung fand die Geschichten keineswegs preiswürdig - sondern im Gegenteil brandgefährlich für die Sicherheit des Landes.

Mitarbeiter sagen über Rusbridger, er könne hart und entschlossen führen, und er habe Rückgrat. Das bewies er vor ziemlich genau einem Jahr, als ihn der Innenausschuss des Parlaments wegen der Snowden-Artikel vorlud. Vor allem die konservativen Abgeordneten gingen ihn da scharf an. Rusbridger entgegnete jedoch ruhig und bestimmt, dass die Redaktion bei sämtlichen Veröffentlichungen vorher prüfe, ob sie die nationale Sicherheit gefährdeten. Und er versprach, dass weitere Enthüllungen folgen werden.

In seine Amtszeit fällt auch der Ausbau des Internetangebots. Die Inhalte des Guardian sind im Web frei zugänglich. Das erhöhte die Online-Leserzahlen, führt aber bisher nicht dazu, dass die Zeitung Geld verdient. Im vergangenen Jahr machte das Blatt 34 Millionen Pfund Verlust. Das ist allerdings kein drückendes Problem: Zum einen schaut die Eigentümer-Stiftung nicht auf Gewinne, zum anderen ist nach dem Verkauf eines Auto-Magazins viel Geld in der Kasse.

Als neuer Chef des Verlags-Eigners Scott Trust kann sich Rusbridger demnächst überlegen, was er mit dem Geld anstellen will.