"BoJack Horseman" auf Netflix Pferd mit Hundeleben

Trinkt gerne mal einen über den Durst: BoJack Horseman, Protagonist der gleichnamigen Netflix-Serie.

(Foto: Netflix)

Schwachsinnig oder hintersinnig? Wer Cartoons sonst eher doof findet, sollte der zweiten Staffel "BoJack Horseman" eine Chance geben. Fünf Gründe, die Serie zu gucken.

Von Josa Mania-Schlegel

1) Comic-Figuren mit Persönlichkeit

Egal, welche Hölle die Charaktere durchmachen - in der nächsten Folge sehen sie wieder aus wie frisch aus der Feder. Krassestes Beispiel ist Kenny aus South Park: Er kehrt in schöner Regelmäßigkeit - und ohne Erklärung - von den Toten zurück. Anders BoJack Horseman, Protagonist der gleichnamigen Netflix-Originalserie: Dem Pferd, das nach einem wilden Leben als TV-Star versucht, den Ruhestand zu meistern, fehlt der automatische Reset-Knopf. Im Gegensatz zur Narrenfreiheit von Genre-Kollegen wie Homer Simpson oder Spongebob Schwammkopf gehen seine Exzesse und Fehltritte nicht spurlos an BoJack vorbei.

Bricht ihm eine Frau das Herz, wird er viele Folgen lang zum Melancholiker. Und schläft er abends vor einer Flasche Gin ein - was nicht selten passiert -, wacht er in der nächsten Folge mit einem fiesen Kater auf. Zudem ist das BoJack-Universum voller Nebencharaktere mit eigenen, komplexen Erzählsträngen, die kontinuierlich weiterverfolgt werden. Das ist erfrischend, weil untypisch für die bunte Trickfilm-Welt, in der oft nur Gag auf Gag folgt.

2) Das Pferd ist warmgelaufen

Die erste Staffel BoJack Horseman? War witzig, aber auch oft belanglos. Bis ein tagelanger Horrortrip dem Protagonisten die Sinnlosigkeit seines verwirkten Daseins vor Augen führt - auf dem Gipfel der Verzweiflung schluckt er viele bunte Pillen. Hinterher ist BoJack ein Anderer. Anstatt weiter gegen sein Scheitern anzukämpfen, begegnet BoJack der Absurdität des Lebens nun mit hintergründigem Zynismus. "Ich finde es unglaublich, wie manche Leute jeden Morgen aufstehen und sagen: 'Ja, ein neuer Tag. Packen wir's an!'", erklärt er einmal.

Das empfindsame Cartoon-Pferd ist in Staffel zwei ein Protagonist mit Tiefe. Die anfangs nur alberne Serie entwickelt sich zur informierten Branchenanalyse. Denn in der Welt der aufsteigenden, fallenden und längst gefallenen Stars wartet die ein oder andere Erkenntnis - über das erbarmungslose Showbiz, oder das Leben selbst.

3) Ein klares Bild von Hollywood

BoJack Horseman - ein greller Cartoon für Erwachsene, ein rauschhafter Spielplatz, auf dem Sex und Drogen zu den Grundbedürfnissen zählen. Also genau wie Hollywood? Überzeichnete Charaktere der realen Scheinwelt werden im Comic-Kosmos buchstäblich überzeichnet. Neben BoJack haben sich noch weitere Tiere unter die Menschen gemischt: BoJacks fauchende Agentin fährt nicht nur im übertragenen Sinne gerne mal die Krallen aus - sie ist wirklich eine Katze. Und BoJacks treudoofer Kontrahent Mr. Peanutbutter? Wird verkörpert von einem bräsig grinsenden Labrador.

Die Serie kann auch mit Gaststars aufwarten: Paul McCartney, Naomi Watts oder Daniel Radcliffe sprechen sich selbst. In überhöhten Selbstparodien koppeln sie das BoJack-Universum an die Wirklichkeit. Das erinnert an die Simpsons, wo es regelmäßig ironische Starauftritte gibt - doch im Vergleich zu den gepfefferten Monologen in BoJack Horseman wirken diese eher zahm.

4) Das Comeback-Genre auf seinem Höhepunkt

Ob Serien wie Curb Your Enthusiasm und The Comeback oder Filme wie "Birdman": Abgezehrten Film- und Fernsehstars nach dem Karriereende zuzusehen, ist witzig. Besonders, wenn der Abspann ihrer Karriere schon längst gelaufen ist. So geht es auch BoJack: Die letzte Episode der Erfolgs-Sitcom Horsin' Around, in der er die Hauptrolle spielte, liegt Jahre zurück. BoJack steht vor der Entscheidung: Setze ich mich zur Ruhe? Oder wage ich einen letzten kühnen Schritt zurück auf die Bühne?

Zwei Staffeln lassen dem exzentrischen Pferd die Möglichkeit, beides zu probieren. So viel sei verraten: Er scheitert beide Male grandios. Denn letztlich, das ist die Moral der BoJack-Saga bis hierhin, ist der Ruhestand eines Hollywodstars eine ausweglose Situation: Nach Schichtende in der Traumfabrik warten Verarmung und Verzweiflung. Oder Respektverlust und Blamage.

5) BoJack kann alles: Binge-Watching, Easter Eggs und Insider

Nein, eine Staffel BoJack Horseman lässt sich nicht in Etappen zurücklegen, sondern nur am Stück. Netflix will es so: Der Streamingdienst spielt nach jeder Episode automatisch die nächste ab. Aber auch das Tempo der Serie selbst ist rauschhaft, Rückblenden gibt es nicht. "Was zuvor geschah" muss nicht erklärt werden, wenn sich das Gefühl für Raum und Zeit längst vor dem daueraktiven Bildschirm verflüchtigt hat.

Die versteckten easter eggs erhöhen den Suchtfaktor: Im szenischen Hintergrund sind immer wieder Botschaften versteckt, die das Geschehen witzig-doppelbödig kommentieren. Die Serie treibt das Spiel mit den Ostereiern so weit, dass hier manchmal ganze Nebenhandlungen ablaufen. Auch deshalb würdigte die New York Times Staffel eins mit dem Prädikat "hard to describe". Und auch Staffel zwei ist so schwer zu erklären, wie die Insider-Gags zweier langjähriger Freunde.

Das BoJack-Gefühl gleicht am Ende einer wilden Nacht, deren verrückten Verlauf einem niemand abnimmt. Dann schüttelt man lächelnd den Kopf, nimmt noch einen Schluck Gin, wie Bojack es gerne tut, und behält das Geheimnis eben für sich.

Die zweite Staffel BoJackHorseman ist seit vergangenem Freitag bei Netflix Deutschland online.