Besuch in Seriencafés:Als hätte Mama Sophia die Lasagne gemacht

Better Call Saul branding event in New York A pop up of the renowned Los Polos Hermanos chicken fas

Nur für kurze Zeit öffnete Netflix einen Serien-Imbiss für Better Call Saul.

(Foto: Levine-Roberts/imago)

Mit Rezepten aus "Golden Girls" oder Fast Food aus "Breaking Bad" geben US-Cafés ihren Gästen das Gefühl, Teil ihrer Lieblingsserie zu sein.

Von Johanna Bruckner, New York

Der jüngste Gast im "Rue La Rue" in New York ist etwa anderthalb Jahre alt und schaut von seinem Kinderhochstuhl aus wie gebannt auf den riesigen Flachbildschirm. Auf dem 75-Zoll-Technikwunderding - so wirkt es zumindest inmitten der hier vorherrschenden 80er-Jahre-Deko - läuft eine Folge der Golden Girls aus dem vorigen Jahrhundert. Der Plot: Blanche, Rose und Dorothy, drei Frauen jenseits der 50, leben gemeinsam in einem Haus in Miami, Florida. Schon das Setting war eine Pointe. Das ganzjährig warme Florida hat in den USA den Ruf einer Rentner-Hochburg.

Auch sonst setzt die preisgekrönte Serie, die von 1985 bis 1992 im US-Fernsehen und lange auch in Deutschland lief, auf bissigen Witz. Die voller Alltagsweisheiten aus ihrem Heimatort St. Olaf in Minnesota steckende Rose erklärt in der Folge, die im "Rue La Rue" gerade auf dem Bildschirm zu sehen ist: "The older you get, the better you get. Unless you're a banana." Im Anschluss natürlich das bei amerikanischen Sitcoms obligatorische Gelächter, das mal vom Studiopublikum, mal aus der Konserve kommt.

Das kleine Mädchen mit den Rattenschwänzen lacht nicht, vermutlich fehlt ihr das Verständnis für Geriatrie-Gags. Dafür haben die übrigen Gäste ein seliges Lächeln im Gesicht. Denn im "Rue La Rue" laufen nicht nur die Golden Girls in Dauerschleife, Fans können ihre Gabeln dort auch in die berüchtigte "16-Stunden-Lasagne" von Mama Sophia stecken. Oder in ein Stück "Betty White Cake", in Anlehnung an Betty White, die Rose spielte.

Das Prinzip der Cafés

erinnert ein bisschen an Disneyland. Forscher sprechen von "parasozialer Interaktion", wenn Menschen eine Beziehung zu TV-Figuren aufbauen.

Das Café im Norden von Manhattan ist damit Teil eines popkulturellen Phänomens: Während es hier nur ein Rezept ist, findet andernorts die komplette TV-Kulisse ihren Weg in die Wirklichkeit. Seriencafés setzen da an, wo der Fanshop aufhört: Warum dem Zuschauer nur einen Schlüsselanhänger mit nach Hause geben, wenn man ihm ein echtes Erlebnis verkaufen kann? Dass das sehr erfolgreich funktionieren kann, zeigen die Disneyland-Themenparks seit Jahrzehnten. Fiktion wird zur Realität. Abschalten? Wie, wenn man als Zuschauer mittendrin ist?

Schon vor einigen Jahren gab es in New York kurzzeitig das "Central Perk", einen originalgetreuen Nachbau jenes Cafés, in dem in der Serie Friends regelmäßig über Leben, Liebe und Freundschaft sinniert wurde. Die Schlange vor dem Café war zeitweise länger als 100 Meter, von weither angereiste Fans warteten Stunden auf Einlass - nach nur einem Monat war die Friends-Jubiläumsaktion zu Ende, das "Central Perk" schloss wieder. Eine ähnliche Werbeidee hatte jüngst der Streamingdienst Netflix. In verschiedenen amerikanischen Städten gab es für ein einziges Wochenende ein neues Schnellrestaurant: "Los Pollos Hermanos". In der Erfolgsserie Breaking Bad heißt so der Imbiss, den ein Drogenhändler als seriösen Geschäftszweig betreibt. Mit der Pop-up-Gastronomie bewarb der Sender einen Gastauftritt von Breaking Bad-Bösewicht Gustavo Fring im Serienableger Better Call Saul.

´Golden Girls"-Café in New York

Im Café "Rue la Rue" in New York: Lasagne und Golden Girls in Endlosschleife.

(Foto: Johannes Schmitt-Tegge/picture alliance)

Wenn Menschen jenseits der Teenagerjahre begeistert ins Etablissement eines Kriminellen pilgern, ist klar: Das Fernsehen mag unwichtiger werden, die Serie ist mächtiger denn je. Kommunikationswissenschaftler sprechen von "parasozialer Interaktion", wenn Zuschauer Beziehungen zu Fernsehfiguren aufbauen. Für das Privatleben von Darstellern kann das mitunter nervig sein. Wolfgang Bahro, bekannt als GZSZ-Fiesling Jo Gerner beim Sender RTL, trug zeitweise in der Öffentlichkeit ein T-Shirt mit der Aufschrift "Ich heiße nicht Jo Gerner!".

Seriencafés sind ein amerikanisches Phänomen

Das "Mauerwerk" hat es dagegen noch nicht in die Realität geschafft. Das Restaurant dieses Namens mit Bar im Keller ist eine der Hauptkulissen des RTL-Formats. Gute Zeiten, schlechte Zeiten ist eine der stärksten deutschen Serienmarken neben Tatort und Traumschiff. Im "Mauerwerk" treten regelmäßig echte Musiker auf: Nena stand dort schon auf der Bühne, aber auch die schwedische Band Mando Diao. Die Zuschauer können diese Verschmelzung von Fiktion und Wirklichkeit allerdings nur am Bildschirm erleben. Real begehbare Seriencafés sind ein weitgehend amerikanisches Phänomen.

In den USA machen sich auch clevere Geschäftsleute den Wunsch von Zuschauern zunutze, Teil des Serienkosmos zu werden. Das "McGee's" in Midtown Manhattan profitiert zum Beispiel von der Legende, Vorbild für eine der bekanntesten TV-Kulissen überhaupt zu sein: für das "McLaren's Pub" aus How I Met Your Mother. Hier trafen sich über neun Staffeln die Protagonisten, um Ted bei der Suche nach seiner Traumfrau moralisch zu unterstützen und Barney beim Anflirten von Barbesucherinnen zu beobachten. Meist jedoch saßen sie in ihrer Booth aus rotem Kunstleder.

Im realen "McGee's" riecht es nach feuchtem Teppich, und auch sonst hat die echte Bar wenig mit dem Fernsehfreundschaftstraum zu tun. Zumindest gibt es jeden Montag eine spezielle Karte: Die Gerichte haben dann an die Serie angelehnte Namen. Die "Bro Code Combo", bestehend aus Buffalo Wings, Chicken Fingers, Potato Skins und Mozzarella Sticks, kostet stolze 18 Dollar.

Der Besitzer des "Rue La Rue" bekam von der Seriendarstellerin sogar einen Heiratsantrag

Wer die Fahrt mit der U-Bahn ins entlegene Washington Heights auf sich nimmt, kommt im "Rue La Rue" günstiger weg: Die hausgemachte Lasagne kostet hier nur knapp 13 Dollar und schmeckt wirklich so, als könnte sie von einer garstig-liebevollen, italienischen Großmutter wie Sophia gemacht sein. Tatsächlich hat Michael La Rue, der das Restaurant gemeinsam mit dem Sohn der verstorbenen Golden Girls-Darstellerin Rue McClanahan (Blanche) betreibt, einen professionellen Koch engagiert, der eine ganz eigene Interpretation des berühmten Seriengerichts herstellt und seinen Chef damit gar nicht erst in die Verlegenheit etwaiger Lizenzstreitigkeiten bringt. Im Café kommen überdies auch Kreationen von Prominenten auf den Teller.

Die stammen aus einem privaten Kochbuch von Rue McClanahan, in das sie Rezepte befreundeter Schauspielkollegen und anderer Künstler schrieb. Café-Besitzer La Rue hat die Sammlung geerbt, genauso wie die unzähligen Film- und Bühnen-Memorabilia, die sich in dem kleinen Raum finden. Als sie seinen Nachnamen hörte, habe sie ihm umgehend einen Heiratsantrag gemacht, hat der Café-Besitzer einmal über seine Freundschaft mit der Schauspielerin gesagt: "Sie wollte Rue La Rue heißen." Auch diese Geschichte steckt in dem Café, und das macht es trotz der überladenen Kitsch-Ästhetik charmant.

Auf dem Flachbildschirm witzelt Dorothy gerade über den Männerverschleiß von Mitbewohnerin Blanche: "Siamesische Zwillinge schlafen mehr allein als du." Auch diese Pointe nimmt die jüngste Café-Besucherin ungerührt hin, sie ist damit beschäftigt, Kuchen auf dem Tisch zu verschmieren. Man kann also auch im "Rue La Rue" sitzen, ganz ohne Fan der Serie zu sein.

© SZ vom 24.06.2017/cag
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