"Berlin 36" in der ARD Jüdin im Hakenkreuztrikot

Bei den Olympischen Spielen 1936 sollte ursprünglich eine jüdische Hochspringerin für Deutschland antreten. Weil sie aber nicht gewinnen durfte, schickten die Nazis einen Transsexuellen ins Rennen - und schlossen Gretel Bergmann dennoch aus. Ein Spielfilm erzählt das Drama mit vielen künstlerischen Freiheiten.

Von Hanno Raichle

Es ist eine dieser Geschichten, die lange tief in der Vergangenheit vergraben waren, dann eines Tages nicht ganz zufällig freigelegt werden, und dann zum Beispiel auch bei Filmemachern Erstaunen auslösen: Warum hat man nie davon gehört? Und warum hat noch keiner eine Dokumentation oder eine Fiktion dazu vorgelegt? Das Leben, denkt man in so einem Fall also wieder einmal, kennt die besten Drehbücher bereits.

Sie darf aus Sicht der Nazis nicht gewinnen: Karoline Herfurth als jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann.

(Foto: NDR/Thomas Kost)

Berlin 36 (Regie: Kaspar Heidelbach, Buch: Lothar Kurzawa) wurde für das Kino hergestellt und lief 2009. Er hat einen unglaublichen, aber wahren Plot: Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin drohten die Amerikaner mit einem Boykott, falls im deutschen Kader keine jüdischen Sportler vertreten sein sollten.

Also nominierten die Nazis die erfolgreiche Hochspringerin Gretel Bergmann (Karoline Herfurth). Einen olympischen Sieg der Jüdin Bergmann durfte es natürlich nicht geben, also warfen die Nazis sie vor den Olympischen Spielen wieder aus dem Kader. In die Équipe nahmen sie stattdessen Dora Ratjen auf (im Film heißt sie Marie Ketteler), diese war jedoch in Wahrheit ein Mann.

Dass hier eine wahre Begebenheit eine so ungewöhnliche Prämisse liefert, steht außer Frage. Doch worauf konzentriert man sich? Auf Bergmanns Kampf als Jüdin im Staat der Nationalsozialisten, den sie symbolisch auch als Hochspringerin führen musste? Beschreibt man ihren Zwiespalt, ihre Angst um die Familie, um ihr Leben? Oder folgt man Dora Ratjen (gespielt von Sebastian Urzendowsky), die durch anatomische Fehlbildungen als Frau lebte?

Berlin 36 versucht, beiden Figuren einigermaßen gerecht zu werden und erfindet eine Freundschaft zwischen den Sportlerinnen. Die Absicht war wohl herauszufinden, ob die Begegnung der beiden Hochspringerinnen anders verlaufen wäre, hätten sie einander mehr und besser gekannt. Das ist ja eine interessante Hypothese, doch man merkt dem Film an, dass er überfrachtet wurde, dass das historische Korsett drückt, dass die für zwei Schicksale dann viel zu knappe Zeit die Handlung schnürt und sie viel zu dünn erscheinen lässt.

Man kann das der Inszenierung vorwerfen, andererseits war die Geschichte von Gretel Bergmann und Dora Ratjen zu lange verschollen. Sie überhaupt zu entdecken, ist hier die Leistung, und auch Karoline Herfurth wie dem Ensemble schaut man ganz gerne zu. Ende Juli beginnen in London die 30. Olympischen Spiele, das Thema passt also in die Zeit.

Berlin 36, ARD, 20.15 Uhr