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#Beckmann zum IS:"Schlimmer als man es sich vorgestellt hatte"

#Beckmann; Reinhold Beckmann; ARD

Ex-Großinterviewer Reinhold Beckmann: "Das Reportageformat erlaubt, auch mal emotionalen Kontakt zu den Menschen aufzunehmen".

(Foto: NDR/Paul Schirnhofer/beckground.)

Ex-Talkmaster Beckmann nimmt sich mit seinem neuen Reportage-Format der Schreckensherrschaft des IS an. Aber darf man dabei weinen?

Reinhold Beckmann war noch Talkmaster, da saß seine Zukunft schon neben ihm. In einer seiner letzten Sendungen hatte er im August 2014 Songül Tolan zu Gast, Berliner Doktorandin der Volkswirtschaft und Sprecherin des Zentralrats der Jesiden.

Zwischen Gastgeber, Experten und Politikern sprach sie über den Genozid des Islamischen Staats an ihrer Volksgruppe, vom Exodus aus dem Irak, von Oldenburg, wo ihre Familie wohnt. Es ging auch darum, dass Männer aus Deutschlands jesidischen Gemeinden in den Nahen Osten ziehen und dort nicht wie Hunderte deutsche Dschihadisten mit dem IS morden, sondern gegen diese Horrormiliz kämpfen. Ihr Bruder besuchte gerade ein überfülltes Flüchtlingslager.

Ende September 2014 wurde die Gesprächsreihe Beckmann dann wie geplant eingestellt, nach mehr als eineinhalb Jahrzehnten. Wegen der ARD-internen Konkurrenz hatte er auf einen ungünstigeren Sendeplatz wechseln müssen, es gibt in Deutschland ja so viele Großinterviewer: Jauch, Maischberger, Will, Illner.

Oder Markus Lanz, in dessen Runde Reinhold Beckmann vor seinem Neustart ins Journalistenleben kürzlich an das Drama der Jesiden erinnerte und auf seinen Film hinwies. Denn an diesem Montag hat die Reportagesendung #Beckmann in der ARD Premiere, und diesmal reiste er mit Songül Tolan selbst hinein in diese Tragödie im Zweistromland.

Mutige Gesandte wagen sich schon länger ins Krisengebiet

Titel: "Unser Krieg? Deutsche Kämpfer gegen IS-Terror." Der Name #Beckmann klingt dabei ein wenig gewollt, irgendwie nach Journalismus 2.0, wird aber von den Machern mit dem Hinweis auf einen umfangreich begleitenden Webauftritt und einen steten Dialog mit den Zuschauern erklärt.

Auch haben Beckmann und sein Co-Autor Helmar Büchel das Thema natürlich nicht entdeckt, die Katastrophe von Jesiden und IS geht seit Monaten durch die Nachrichten. Mutige Gesandte von Zeitungen, Magazinen und Sendern wagen sich schon länger ins Krisengebiet, gewöhnlich mit kleineren Budgets. Aber diese unfassbare Geschichte von Gotteskriegern und Verfolgten ist es allemal wert, auch diese 45 Minuten lang erzählt zu werden. Und wer würde mehr Aufmerksamkeit finden als einer der bekanntesten deutschen Fernsehmänner zur besten Sendezeit im Ersten?

Man hätte es einfacher haben können

Das Experiment, #Beckmann mit so schwerem Stoff aus einem blutigen Knäuel der Weltgeschichte zu beginnen, ist bereits ein Verdienst der Crew. Man hätte es einfacher haben können, als das für viele Uneingeweihte verwirrende Grauen im Nordirak nahe Syrien und der Türkei zu erkunden. IS, Jesiden, Peschmerga, Kurden, Schiiten, Sunniten - "komplex", sagt Reinhold Beckmann, 59, der für #Beckmann weite Teile seiner Redaktion ausgewechselt hat.

Der junge Beckmann hatte einst Filmbeiträge gemacht, ehe er die Fußballshow ran übernahm und dann die Sportschau, ehe er zu einem der populärsten Fragesteller und Unterhalter der Republik wurde.

Zwischendurch veröffentlichte er Dokumentationen über Gerhard Schröder, Udo Lindenbergs Mauertournee bei Erich Honecker oder Brasilien vor der WM 2014. "Ich wollte ein journalistisches Format", sagt er. "Mit dem Filmemachen habe ich vor 30 Jahren begonnen und eigentlich nie damit aufgehört. Talk vermisse ich nach 16 Jahren im Moment nicht so sehr."

Am Freitag vor Folge eins von #Beckmann sitzt Beckmann erschöpft im Schneideraum, draußen nieselt der Winter auf Hamburg, und spricht seinen Text auf erschütternde Bilder.