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ARD-Zweiteiler "Gladbeck":Ein Film wie ein deutsches Selfie

Gladbeck

"Gladbeck" gewährt Degowski (Alexander Scheer) und Rösner (Sascha Alexander Geršak) keine Tiefe, keine Biografie.

(Foto: Ziegler Film/ARD Degeto)

Mit "Gladbeck" spitzt Regisseur Kilian Riedhof das Geiseldrama von 1988 zur nationalen Tragödie zu. Der Film konfrontiert den Zuschauer mit der Willkür von Gewalt - und seiner eigenen Faszination dafür.

Eine deutsche Autobahn, von oben gefilmt, leer. Eine Horde Autos jagt von rechts nach links durchs Bild. Kurz darauf ist ein dumpfer Knall zu hören, splitterndes Glas. Dann fallen Schüsse. Immer mehr Schüsse, dazwischen Schreie in Todesangst. Und zu sehen ist die Autobahn, teilnahmslos und stumm liegt sie da.

So beginnt dieser Film, mit totaler Abstraktion. Doch es genügt dazu ein Wort, um Bilder entstehen zu lassen: "Gladbeck". Jeder, der vor dreißig Jahren fernsehen konnte, hat sein Gladbeck im Kopf. Den Bankräuber und Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner, der sich die Pistole in den Mund steckt, getreu seinem Lebensmotto: "Tot sein ist schöner als wie ohne Geld." Seinen Kumpel Dieter Degowski, wie er sich an die junge Geisel Silke Bischoff quetscht und ihr die Pistole an den Hals drückt, während er ein Interview gibt. Das Fluchtauto, in der Kölner Innenstadt von sensationsgeilen Journalisten umlagert. Den toten italienischen Jungen Emanuele De Giorgi, von Degowski erschossen, von Fotografen gnadenlos geblitzt. Silke Bischoff, getötet von einer Kugel aus Rösners Waffe, von einer Decke verhüllt tot auf der Autobahn.

54 Stunden dauerte diese deutsche Odyssee, beginnend mit einem Bankraub in Gladbeck, gefolgt von einer Flucht mit wechselnden Geiseln, mit einem Abstecher in die Niederlande, wo ein Polizist ums Leben kam. Die Irrfahrt endete mit dem missratenen Befreiungsversuch der Polizei auf der A 3 bei Bad Honnef, die alle überlebten außer Silke Bischoff. 16. bis 18. August 1988 - ein Schwerverbrechen als Medienspektakel, unter den Augen einer versagenden Staatsgewalt. Ein nationales Trauma, ausführlich untersucht und dokumentiert. Musste man wirklich noch einmal einen Film daraus machen, knapp dreißig Jahre danach, zweimal 90 Minuten?

Die Filmproduzentin Regina Ziegler hat einige Jahre Lebenszeit und viel eigenes Geld investiert für Gladbeck. Sie fand in Holger Karsten Schmidt einen Drehbuchautor, den dieser Stoff ebenso wenig losließ. Die ARD, als Finanzier über ihre Tochter Degeto beteiligt, betreibt mit dem Film Vergangenheitsbewältigung; auch sie hat, getrieben von der Konkurrenz des Privat-TV, damals ein Interview mit Berufsverbrecher Rösner gesendet, in der Tagesschau. Bei Radio Bremen gilt Gladbeck bis heute als Trauma, denn Journalisten des Hauses befragten Rösner, als sei es das Natürlichste der Welt. Auch deshalb beteiligte sich der Sender und produzierte zusätzlich eine Dokumentation zum Thema. Aber lohnt sich der Aufwand wirklich?

Kommt darauf an, ob Regisseur Kilian Riedhof sein Ziel erreicht: Erschütterung. Er wolle keine Schuldzuweisungen an Medien oder Polizei, sagt er. Der Fernsehzuschauer solle die Erschütterung körperlich spüren. Bei der Pressevorführung in einem Berliner Kino war jedenfalls deutlich zu spüren: Der Film entfaltet große Wucht.

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