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ARD:Unmenschlich

Die jüngsten Opfer der Mauer

Tödliche Gefahr: Zeitzeugen an der früheren innerdeutschen Grenze.

(Foto: Rainer M. Schulz/RBB)

Ein Dokumentarfilm zeigt, wie Kinder und Jugendliche zu DDR-Zeiten an der Mauer starben, durch Schüsse oder weil ihnen niemand helfen durfte.

Am 5. August 1962 fassen drei Schulfreunde in der DDR einen Entschluss. Sie wollen in den Westen fliehen, wollen schwimmend die Elbe durchqueren. Aber sie werden bemerkt von DDR-Grenzsoldaten, die auf die Flüchtenden schießen, sie aber nicht treffen. Einer der drei, der 15-jährige Gert Könenkamp, verletzt sich beim Sprung ins Wasser. Sein Freund will ihm zu Hilfe eilen, aber das verhindert einer der Grenzsoldaten. "Wenn du das machst, bist du tot", droht er. "Es wurde beobachtet, dass er unterging", steht lapidar im zugehörigen Tagesbericht. Gert Könenkamp ertrinkt an diesem Tag, obwohl er heute noch leben könnte, wenn man ihm nur geholfen hätte.

Es ist nur ein Fall, den Sylvia Nagel und Carsten Opitz für ihre Dokumentation "Die jüngsten Opfer der Mauer" beschreiben. Sie rekapitulieren Fälle, in denen Kinder und Jugendliche an der Grenze zu Tode kamen, durch Schüsse oder durch unterlassene Hilfe. Die Autoren zeigen Archivmaterial, alte Fotos, vergilbte Protokolle, begeben sich an die Orte des Geschehens und befragen Zeitzeugen. Im Fall von Gert Könenkamp sind es die beiden Freunde, die mit ihm fliehen wollten. Der eine wurde verhaftet, der andere hat es ans Westufer geschafft.

Die Dokumentation widmet sich auch jenen Kindern, die auf Westberliner Seite an der Spree spielten und ins Wasser fielen: Sie ertranken, weil die Westberliner ihnen nicht helfen konnten, nicht helfen durften, weil der Fluss zur DDR gehörte und die Grenzsoldaten Schießbefehl hatten. Stunden später kamen dann DDR-Taucher und bargen die Leichen.

Es geht zudem um tödliche Schüsse, die auf junge Flüchtende abgegeben und später vertuscht wurden, weil auf Kinder und Jugendliche offiziell nicht geschossen werden sollte. Es sind erschütternde Fälle, die hier gezeigt werden. Sie führen die Unmenschlichkeit des Systems deutlich vor Augen.

Leider verlassen sich die Autoren nicht auf die Kraft ihrer Archivfunde, ihrer beeindruckenden Zeitzeugenaussagen. Sie überlagern das, was sie zeigen, immer wieder mit einer dramatisierenden Musiksoße, die offenbar emotionalisieren soll, wo doch die harten Fakten eine klare Sprache sprechen. Zusätzlich handeln sie sich ohne Not den Vorwurf ein, nicht immer ganz präzise gearbeitet zu haben. Sie sprechen von "über 30 Minderjährigen", die zu Tode kamen und driften damit ins Ungefähre.

Schließlich findet noch ein Stilmittel Verwendung, das es auch nicht gebraucht hätte. Dreimal lassen die Autoren die Opfer im Ich-Ton zu Wort kommen. Da berichtet etwa ein Sechsjähriger, wie er mit einem Freund an die Spree ging, wo er kurz danach ins Wasser fiel und ertrank. Niemals kann das Kind diese Worte so gebraucht haben, wie sie jetzt als "nachgesprochen" präsentiert werden. Diese Dramatisierung ist fehl am Platze. So schadet man einer Dokumentation, die derlei Kunstgriffe nicht nötig gehabt hätte, die allein durch die Ergebnisse ihrer Recherche beeindrucken könnte.

Die jüngsten Opfer der Mauer , Montag, 5.8., 23.20 Uhr, ARD

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