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ARD:Teil des Bösen

Geschichte im Ersten

Dekan Johannes Stein im Kreise seiner Familie.

(Foto: Kirsten Esch/SWR)

"Das hat mich umgeworfen": Eine sehr persönliche Dokumentation erzählt von Johannes Stein, Dekan an der "Reichsuniversität Strassburg", der die Tyrannei des Naziregimes stützte - und von der Fassungslosigkeit seiner späteren Familie.

Eine Diktatur, selbst die monströseste, lebt nicht allein von Terror, Gewalt und einer allmächtigen Geheimpolizei; nicht nur von der Unterdrückung der Widerständigen und der Kontrolle der Unterworfenen. Was sie vor allem braucht, sind Menschen, die freiwillig mitmachen - aus Machtgier oder weil sie sich davon Karriere, Reichtum und Geltung versprechen und bereit sind, ihr Gewissen, soweit vorhanden, mit Beschwichtigungen und Selbstrechtfertigungen zu beruhigen. Die Tyrannei stützt ihre Macht auf diese Menschen - welche eine Wahl hatten und falsch entschieden. Ein solcher Mensch war Johannes Stein.

Wenn seine Tochter Karin Esch, heute eine alte Dame, zurückblickt in die Kindheit, sagt sie Sätze, in denen Ratlosigkeit und Trauer zu spüren sind: "Meine Kindheit ist sehr schön gewesen, durch meinen Vater. Deswegen verstehe ich das überhaupt nicht" - das, was er getan hat und womit sich ihre Tochter, Johannes Steins Enkelin Kirsten Esch, in einer wirklich eindrucksvollen Dokumentation auseinandersetzt. Johannes Stein war als Dekan der Medizinischen Fakultät an der 1941 gegründeten Reichsuniversität Straßburg ein Profiteur des Systems; er trug stolz die Uniform der Wehrmacht, genoss seinen Status und die beschlagnahmte Dienstvilla am Rande der Stadt. Viele haben sich so verhalten; aber Stein war nicht nur ein Mitläufer. Kirsten Esch geht der Frage nach, ob - nein, besser: was - der Opa von den entsetzlichen Menschenversuchen und Morden wusste, die in Straßburg quasi unter seinen Augen geschahen.

Sein Chefsessel stand nicht weit von jenem Anatomischen Institut entfernt, dessen Leiter August Hirt 86 jüdische Häftlinge aus Auschwitz kommen ließ; sie starben dort einen grauenvollen Tod, ihre Überreste nahmen Hirt und seine Mittäter für ihre "Skelettsammlung".

Diese Erkenntnisse sind zwar nicht neu, Historiker wie Hans-Joachim Lang, der die Opfer alle namentlich identifizierte, haben das Grauen von Straßburg ausführlich erforscht. Kirsten Eschs Film aber rührt an, durch seine ganz persönliche Perspektive und die Schonungslosigkeit, mit der sich zwei Generationen hier der Vergangenheit stellen. "Das hat mich umgeworfen", sagt Karin Esch über den Moment, als sie von den Straßburger Morden erfuhr. Wie schuldig sich Johannes Stein, nach dem Krieg Chefarzt in Bonn, genau gemacht hat, wird sich wohl nicht endgültig klären lassen. Sicher ist: Er war ein Teil des Bösen, das hier wirkte.

Forschung und Verbrechen - Die Reichsuniversität Straßburg, ARD, 23.30 Uhr.

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