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ARD: Politikerfilm von Stephan Lamby:Schattenboxen in der Fabrik - Steinbrück teilt aus

Offene Worte: Peer Steinbrück redet in der ARD über seine Zeit als Finanzminister, die Finanzkrise und neue Aufgaben. Der Filmemacher Lamby verrät mehr.

Er konnte poltern, scharf analysieren und schwer verletzen. Alpenländischen Schlupflochbankiers drohte er mit angaloppierender Kavallerie. Doch in den schwersten Stunden der Bundesrepublik bewies er einen kühlen Kopf und war die starke Schulter, an der sich die Kanzlerin aufrecht halten konnte.

Steinbrück

"Inzwischen sind wir alle schlauer" - Peer Steinbrück über seine Arbeit in der Finanzkrise.

(Foto: NDR)

Am 5. Oktober 2008 traten beide vor die Presse und erklärten den Bundesbürgern, dass die Spareinlagen sicher seien. Jedes Wort musste sorgfältig gewählt sein, um neue Achterbahnfahrten an den Börsen zu verhindern. Steinbrück meisterte seine Rolle mit Bravour und machte aus Staatsraison offenbar erst kurz vor dem puren Bluffen halt. Formulierungen wie "mehr als ich öffentlich bereit war, zuzugeben ..." gehen dem Ex-Finanzminister im Rückblick, befreit von der Last des Amtes, jetzt allerdings erstmalig über die Lippen.

"Inzwischen sind wir alle schlauer - auch ich", sagt Steinbrück und räumt in einem sehr sehenswerten 30-Minuten-Film von Stephan Lamby in der ARD schwere Fehleinschätzungen in höchsten Krisenzeiten ein. "Wir hätten schneller und rigider handeln müssen", sagte er über die schleppende Finanzmarktaufsicht, etwa beim Thema Hedge-Fonds. "Wir hatten die richtigen Absichten, aber es dauerte letzlich zu lange", gesteht er heute ein. Aus Krisengipfeln wie dem G-20-Treffen am 15. November 2008 sei "außer Communiques bis heute nicht viel dabei herausgekommen".

Noch deutlicher wird der gebürtige Hamburger, der im Kabinett Merkel vier Jahre lang Finanzminister war, wenn er den unglücklichen Umstand ins Visier nimmt, dass der Bundestagswahlkampf ausgerechnet in Zeiten angespannten Krisen-Managements fiel.

Reue über Tabubruch bei der Rente

Dass er im Kabinett für die Rentengarantie stimmte, wurmt ihn noch heute. "Ich hätte da nicht mitmachen dürfen", sagt er heute. "Das war ein Tabubruch." Auch die Tatsache, dass seine Partei die Rettung von Opel zu einer Wahlkampfforderung gemacht habe, bezeichnet er im Rückblick als "strategische Fehleinschätzung der SPD". Die Bürger hätten letztlich nicht die erwartete Solidarhaltung gezeigt, sondern hätten "als Steuerzahler gehandelt", so Steinbrück.

Für den erfahrenen TV-Journalisten Lamby, der neben vielen weiteren Preisen 2010 mit dem Medienpreis des Deutschen Bundestages ausgezeichnet wurde, war der Top-Politiker a. D. zwar ein dankbares, weil Klartext sprechendes Gegenüber, aber auch ein harter Brocken. "Steinbrück ist sehr anstrengend", stöhnt Lamby, "weil er außerordentlich gedankenschnell ist."

Seit mehr als einem Jahr, als er den Politiker für seinen NDR-Film Retter in Not, gemeinsam mit anderen Interviewpartnern wie Angela Merkel oder dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Guttenberg begleitete, bereitete Lamby seinen sehr kunstvoll inszenierten Gedankenschusswechsel vor. Nach seiner Abwahl im September 2009 hatte sich der sonst so wortgewandte, gerne auch streitlustige Politiker aus dem Norden erst einmal selbst eine Art Maulkorb umgehängt. Im Stillen schrieb Steinbrück nun sein Buch, um etwas Licht auf die dramatischen Tagen in und ums Kanzleramt zu werfen.

"Zunächst sagte Steinbrück, er brauche jede Sekunde, um an seinem Buch zu arbeiten", erzählt Lamby über die ersten Vorbesprechungen. Dass sein Film jetzt einige wichtige Kapitel der Steinbrück-Saga redundant machen könnte, fürchtet er allerdings nicht. Immerhin tourt Steinbrück ja auch über die Lande, um in Vorträgen vom Stresstest an der Spitze der Republik zu erzählen und um seine "unbequemen Wahrheiten zu verbreiten", so Lamby.

In Zeiten, in denen die Wirtschaft sich wieder in Partylaune wähnt, mahnt Steinbrück, dass mit einer erneuten, wenn auch weniger lang anhaltenden Talfahrt zu rechnen ist. "Das Wachstum wird uns nicht retten", warnt er.

Die Reisen des Provinz-Al-Gore

Frech nennt Lamby ihn einen "Provinz-Al Gore". Im Film sieht man die beiden Gesprächspartner jetzt eben mit dem Regionalexpress über die Dörfer reisen - und nicht mehr mit dem Regierungs-Jet. "Steinbrück redet offener als andere, er macht nicht einfach zu", resümiert Lamby. "Man hat das Gefühl, dass er noch heute über sein ehemaliges Amt hinausgeht. Das alles arbeitet stark in ihm."

Dass in Steinbrück noch Feuer lodert, bekam Lamby auch im Interview zu spüren - etwa als er sein Gegenüber mit Passagen aus dem ehemaligen Koalitionsvertrag konfrontierte, in dem weit vor der Krise "Produktinnovationen" und "neue Vertriebswege" gefordert - und letztlich vermutlich Börsen-Hasardeuren Tor und Tür geöffnet wurden. Die Unterstellung, die Politik könnte eine Mitschuld an der Krise treffen, lässt Steinbrück schnell hochfahren. "Deutschland als dritt- oder viertgrößte Realökonomie der Welt braucht einen Finanzsektor auf Augenhöhe", verteidigt Steinbrück die liberalere Linie von damals. "Das war doch völlig richtig." Danach sei man immer schlauer.

"Typische neunmalkluge Positionen" wischt er energisch vom Tisch. "Wenn man ihm Vorhaltungen macht", so Lamby, "dann springt er auch schnell mal aus dem Hemd."

Das Setting für die zentralen Interview-Passagen des Films hat er daher mit Bedacht gewählt - Steinbrück und Lamby sitzen sich in einer etwas schummrigen ehemaligen Fabrikhalle in Berlin-Prenzlauer Berg gegenüber. Nicht ganz zufällig erinnert der Schauplatz an eine Box-Halle, wie man sie aus Genre-Filmen kennt. "Ich wollte es möglichst roh und schmutzig haben", erzählt Lamby. Dass Steinbrück darauf einging, imponiert ihm noch heute.

Im stärksten Kontrast zum Schattenboxen im Berliner Kiez steht der sommerlich luftige Spaziergang, der Lamby und Steinbrück an den Gitterzaun vor dem Kanzleramt im Berliner Regierungsbezirk führt. Zum Rütteln am Zaun, wie einst vom jungen Gerhard Schröder kolportiert ("Ich will da rein ..."), lässt sich der alte Fuchs natürlich nicht verführen. "Ich werde da allenfalls als Besucher reingehen", schmunzelt Steinbrück.

Dass SPD-Chef Sigmar Gabriel ihn sogar als Kanzlerkandidaten ins Spiel gebracht hat, lächelt er souverän weg. "Das schmeichelt meiner Eitelkeit", sagt er, "hat aber mit der Realität nichts zu tun." Dass er gerne mit Merkel zusammengearbeitet hat (und sie mit ihm), ist jedoch eine Tatsache, die auch den Filmemacher nicht ruhen lässt.

Und es gelingt ihm doch noch, Steinbrück zu öffnen. Ob er sich ein Polit-Comeback als "Sonderberater für Merkel" vorstellen könne? "Das würde ich nicht ablehnen", sagt Steinbrück. Ein Mann, ein Wort.

Zwei Stunden Menthol und Zigarillo