ARD-Neuverfilmung von "Das doppelte Lottchen":Mit heutigem Happy End

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Das doppelte Lottchen

Ein gutes Dutzend Filmversionen der Geschichte von Luise und Lotte gibt es schon. Nun sollen sie von Delphine (links) und Mia Lohmann gespielt werden.

(Foto: ARD/SWR/Hendrik Heiden)

Die ARD wagt sich an eine weitere Neuverfilmung von Kästners "Das doppelte Lottchen". Dabei gibt es kaum ein Filmgenre, das von Kritikern mit so heiligem Zorn bedacht wird wie der wieder aufgelegte Kinderklassiker.

Von Katharina Riehl

Natürlich hat das Fräulein Vergissmeinnicht im Sommer 2016 ein Smartphone. In diesem Sommer kann Lotte, die eigentlich Luise heißt, per Whatsapp einen Hilferuf an ihre Zwillingsschwester schicken, wenn sie nicht weiß, welchen Kuchen die echte Lotte backen würde, wenn die Mutter Geburtstag hat.

Im Jahr 1949, als Erich Kästners Roman Das doppelte Lottchen erschien, schrieben sich die getrennten und rollenvertauschten Zwillinge Briefe, postlagernd, Vergissmeinnicht München 18. Und als Luise, die eigentlich Lotte heißt, irgendwann keine Briefe mehr aus Wien nach München schickt, nennt der Herr auf dem Postamt den traurigen Zwilling: Fräulein Vergissmeinnicht.

In diesen Tagen entsteht in Salzburg, Frankfurt und am Wolfgangsee eine Neuverfilmung von Das doppelte Lottchen, ein ARD-Film, der an Weihnachten oder Ostern im Ersten zu sehen sein soll. Delphine und Mia Lohmann heißen die beiden blonden Mädchen, die sich schon wirklich erstaunlich ähnlich sehen und an diesem Drehtag in der Salzburger Steingasse kichernd Interviews geben.

Ein gutes Dutzend Filmversionen der Geschichte von Luise und Lotte gibt es schon - jener Geschichte zweier Zwillingsschwestern, die bei der Scheidung ihrer Eltern getrennt wurden, sich mit zehn Jahren zum ersten Mal in einem Ferienheim begegnen und dann beschließen, ihre Rollen zu tauschen.

Im Jahr 1950 entstand der erste Film in Schwarz-Weiß, Erich Kästner tritt darin als Erzähler auf. Es folgten US-Versionen, britische, polnische und japanische, 1994 ein deutscher Kinofilm von Joseph Vilsmaier. Und jetzt also das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Braucht es die Neuauflage, wo es doch einen zwar altmodischen, aber sehr hübschen Film gibt?

Kinder- und Familienfernsehen ist für die gebührenfinanzierten Sender immer kompliziert, weil man diese Dinge gemäß Programmauftrag braucht, aber so richtig dick Quote macht man damit natürlich auch nicht.

Die ARD spielt mit dem Doppelten Lottchen, so wie es ihre Art ist, auf Nummer sicher. Margret Schepers, die zuständige Redakteurin beim SWR, sagt, dass man sich von den "familienaffinen Klassikern" größeren "generationsübergreifenden Zuschauerzuspruch" verspreche.

Klar, fast jeder kennt die Geschichte, es ist ein Projekt ohne Risiko und ohne nötige Marketinganstrengungen. Und doch gibt es kaum ein Filmgenre, das von Kritikern mit so heiligem Zorn bedacht wird wie der wiederaufgelegte Kinderklassiker.

Liebe zu Erich Kästner

Es gibt viele Gründe, einen so bekannten Stoff zu einem neuen Film zu machen; für den Sender ist es die Quote; für die Münchner Produzentin Uschi Reich, die fürs Kino bereits Das fliegende Klassenzimmer, Emil und die Detektive und Pünktchen und Anton neu verfilmte, ist es sicher auch die Liebe zu Erich Kästner, mit dessen Anwalt sie "sehr befreundet" ist. Und Regisseur Lancelot von Naso sagt: "So schön der alte Schwarz-Weiß-Film ist, so sehr glaube ich auch, dass der Stoff durchaus eine weitere Verfilmung verträgt, der Film ist ja auch schon sehr alt."

Sie alle sind überzeugt, dass man den Kindern von heute die alte Geschichte anders erzählen muss als noch in den Fünfzigerjahren. Aber die Frage ist doch: Braucht es die ewige Neuerfindung des immer Gleichen, wo es doch einen zwar altmodischen, aber sehr hübschen Film gibt? Und ist es für Kinder bei einem Remake wirklich entscheidend, dass digitale Kurznachrichten statt postlagernder Briefe geschrieben werden, damit sie mit einer solchen Geschichte von Liebe, Freundschaft, Verlust und Kampf um das eigene Glück auch heute noch etwas anfangen können?

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