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ARD: Ärger um Quandt-Doku:"Die Familie Quandt braucht keinen Historiker. "

Offenbar hat Stremmel keiner gesagt, dass das Institut diese Ausgabe, die voller Fehllesungen war, längst zurückgezogen und durch eine neue Edition ersetzt hat, für die erstmals das im russischen Staatsarchiv lagernde Material verwendet werden konnte. Die Bände mit den Aufzeichnungen aus den Jahren 1931 bis 1933 sind 2004 beziehungsweise 2006 erschienen und stehen im Lesesaal jeder größeren Bibliothek. Schicksal aller großen Editionen ist es, dass sie niemand liest, noch peinlicher wird es, wenn durch diesen Aufsatz offenbar wird, dass man nicht einmal in dem Institut, das fast dreißig Jahre mit der Edition der Goebbels-Tagebücher beschäftigt war, diese steuerfinanzierte Ausgabe kennt.

Aber gut, Stremmel hat ein Anliegen. Empört zitiert er den ehemaligen KZ-Häftling Soerensen, der im Quandt-Film sagt: "Die Familie Quandt braucht keinen Historiker. Sie brauchen bloß mich." Doch erklärt Soerensen damit keineswegs das "historisch-wissenschaftliche Arbeiten ohne Umschweife für überflüssig" (Stremmel), sondern verweist auf das Leid, das ihm angetan wurde und um das sich nie jemand in der Familie Quandt geschert hat.

Vor lauter Fußnoten übergeht Stremmel das Offensichtliche: dass der heutige Reichtum der Familie Quandt auch dem NS-Programm der Vernichtung durch Arbeit zu verdanken ist. So schreibt sich Stremmel immer weiter in einen seltsamen Revisionismus hinein. In der Redaktion des Instituts für Zeitgeschichte hat sich auch niemand an der kühnen Formulierung gestört, mit der Stremmel seine Leser verabschiedet. "Wir moralisieren uns zu Tode" lautet sein Verdikt über Dokumentationen wie das Schweigen der Quandts. Kann schon sein, dass bei Friedler moralisiert wird, aber gleich zu Tode?

1988 wandte sich der Hamburger Literaturwissenschaftler und Mäzen Jan Philipp Reemtsma an mehrere Dutzend Firmen und bat sie um Unterstützung für den Unterhalt einer Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme. Die Firma Varta schickte 5000 Mark und bat um eine Spendenquittung. "Was Schuld hieß", so wurde Reemtsma im Spiegel zitiert, "hat man wertberichtigt, und keiner rechnet mehr damit, zur Rechenschaft gezogen zu werden." Für den Rest gibt es Historiker wie Ralf Stremmel.

© SZ vom 30.10.2010/berr
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