Bilanz von "Time's Up":Das große Dilemma

Alanis Morisette

Alanis Morissette bei einem Auftritt in New York.

(Foto: Ben Hider/Ben Hider/Invision/AP)

Weil Alanis Morissette sich gerade über eine Doku beklagt: "Me Too" löste viele gut gemeinte Initiativen aus. Was wurde zum Beispiel aus "Time's Up"?

Von Susan Vahabzadeh

Wann genau kann man eigentlich behaupten, eine neue Initiative sei nicht mehr neu genug, um ihre mangelnde Funktionstüchtigkeit mit Kinderkrankheiten zu entschuldigen? Es ist ziemlich genau vier Jahre her, dass Hollywood den Hashtag "Me Too" kaperte und gelobte, eine neue Richtung einzuschlagen und ein frauenfreundlicher Ort zu werden. Alles hatte damit begonnen, dass der Filmproduzent Harvey Weinstein in fast gleichzeitig erschienenen Berichten in der New York Times und dem New Yorker des Missbrauchs von Schauspielerinnen und Assistentinnen bezichtigt wurde, und Harvey Weinstein sitzt inzwischen tatsächlich im Knast.

Die Musikerin Alanis Morissette beklagt sich derweil über einen Dokumentarfilm über sie, der mit Missbrauchsvorwürfen von sich reden macht, die selbst dann verjährt wären, würden sie einen Täter benennen; die Diskussion über die unterschiedlichen Gagen je nach Geschlecht ist aus den Branchenblättern verschwunden, und die Organisation, die den Frauen in Hollywood zu ihrem Recht verhelfen sollte, hat keinen Vorstand mehr. Was also wurde ansonsten aus den Beteuerungen?

Festival in Venedig: Immerhin drei von vier teilnehmenden Regisseurinnen bekommen eine der Haupttrophäen

Auf den Leinwänden sieht es besser aus als vor "Me Too". Auf Festivals und bei Preisverleihungen sind tatsächlich mehr Frauen unterwegs, die öffentliche Debatte hat da ganz offensichtlich geholfen. Gerade ist das Festival in Venedig zu Ende gegangen - und obwohl dort nur vier Filme von Regisseurinnen am Wettbewerb teilgenommen haben, haben immerhin drei davon eine der Haupttrophäen bekommen, unter anderem die Hollywood-Schauspielerin Maggie Gyllenhaal, die "The Lost Daughter" vorgestellt hatte fürs beste Drehbuch, und die Neuseeländerin Jane Campion für einen in den USA gedrehten Western, "The Power of the Dog" (den Goldenen Löwen hatte die Französin Audrey Diwan bekommen). Die oft wiederholte Behauptung aller Festivaldirektoren, es gebe keine qualifizierten Filme von Frauen, um die Wettbewerbe zu bestücken, straft das erst einmal Lügen; den Oscar für die beste Regie hat ja in diesem Jahr auch eine Frau bekommen, erst zum zweiten Mal in fast hundert Jahren, Chloe Zhao für "Nomadland".

Der Blick hinter die Leinwände ist eher ernüchternd. Nicht nur ging letzte Woche die Musikerin Alanis Morissette an die Öffentlichkeit, weil sie sich von dem Dokumentarfilm "Jagged" über sie, der beim Festival in Toronto gezeigt wurde, verraten fühlte. Sie beklagte sich, man habe ihr bei den Interviews für den Film ein trügerisches Gefühl der Sicherheit vermittelt, und in dem Film kämen nun Dinge vor, die nicht wahr seien. Sie hat die Stellen nicht genau benannt - aber im Film erhebt sie jedenfalls Missbrauchsvorwürfe, ohne zu sagen, gegen wen. Falls das die Stelle im Film ist, die sie stört, ist sie wenigstens bezeichnend für den Umgang Hollywoods mit Missbrauch: Schlagzeilen sind gut, diffuse Vorwürfe ohne Konsequenzen noch besser, aber wenn es tatsächlich um strukturelle Veränderung geht, ist die Traumfabrik nicht weit gekommen.

"Time's Up" wollte sehr viel, nämlich mit allen strukturellen Ungleichheiten aufräumen

Kevin Spacey beispielsweise, seinerseits im Zuge der "Me Too"-Debatte mit Missbrauchsvorwürfen mehrerer Männer konfrontiert, arbeitet wieder - erst mit Franco Nero in Europa, dann spielt er in einer kleinen amerikanischen Produktion mit. Ein Verfahren gegen ihn wurde eingestellt, eins ist noch anhängig. Und Rose McGowan, die Weinstein damit zu Fall brachte, dass sie sich über ihre Schweigevereinbarung hinwegsetzte, wetterte vor ein paar Wochen auf Twitter gegen Oprah Winfrey - sie hat ein Bild von Oprah und Weinstein gepostet, auf dem die beiden nebeneinander bei einem Dinner sitzen und Oprah Weinsteins Wange küsst. In dem Tweet dazu spielt McGowan darauf an, dass sich Oprah Winfrey im vergangenen Jahr aus einem Dokumentarfilmprojekt zurückzog, in dem Missbrauchsvorwürfe gegen den Plattenproduzenten Russell Simmons vorkamen.

Mit all den strukturellen Ungleichheiten in Hollywood aufräumen, die Machtmissbrauch begünstigen, wollte eine Initiative einflussreicher Schauspielerinnen, mächtiger Produzentinnen und prominenter Anwältinnen. Mit viel Rummel schlossen sie sich mit der Kampfansage "Time's Up" zusammen zu einem Verein mit der Hauptaufgabe, Frauen mit einem Rechtshilfefonds zu unterstützen, für den viele Millionen Dollar gesammelt wurden. Bei den Golden Globes 2018 trugen Mitglieder und Unterstützer bei der Gala Schwarz. Zu den Spendern gehörten Steven Spielberg und Mark Wahlberg, im Vorstand saßen Schauspielerin Eva Longoria und Produzentin Shonda Rhimes, einem Beratergremium, dem Global Leadership Board, gehörten die Stars Jessica Chastain, Natalie Portman, Julianne Moore und Reese Witherspoon an. Was kann da schon passieren? Es könnte beispielsweise eine üble Affäre in New York dazwischengrätschen.

Ende August ist der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo wegen Missbrauchsvorwürfen zurückgetreten, und wie immer man die bewertet - es gehörte sicher nicht zu den Aufgaben von "Times's Up", ihm aus dem Schlamassel zu helfen. Aber in den Tagen vor dem Rücktritt kam heraus, dass eine Anwältin aus dem "Time's Up"-Vorstand, Roberta Kaplan, Cuomo beraten hatte. Und die Vorstandsvorsitzende Tina Tchen hatte das gedeckt. Beide traten zurück.

Im Netz steht ein offener Brief, der der Organisation vorwirft, die Opfer verraten zu haben

Viel ist inzwischen nicht mehr von "Time's Up" übrig, die Mitglieder des Beratergremiums wurden im September über dessen Auflösung informiert. Man wollte sie aus der Skandalserie heraushalten, die die Organisation seit Wochen erschüttert, heißt es im Branchenblatt Variety. Der Hollywood Reporter hat inzwischen mit dem Fall Lauren Weingarten nachgelegt, die Mitarbeiterin des Fernsehsenders CBS hatte sich auch an den Rechtshilfefonds gewandt, nachdem sie eine Vergewaltigung angezeigt hatte, bekam aber keine brauchbare Unterstützung, ein Anwalt, an den sie verwiesen wurde, lehnte ab, er habe einen Interessenkonflikt.

Interessenkonflikte sind das Dilemma von "Time's Up". Die Anwältin Kaplan beispielsweise hat weiter auch Täter vertreten. Außerdem steht im Netz ein offener Brief mit 150 Unterzeichnerinnen, der der Organisation vorwirft, die Opfer verraten zu haben. Der Vorwurf an "Time's up" ist immer derselbe: Die Organisation sei zu sehr mit den Mächtigen der Branche verbandelt. 2Time's Up" will sich nun mit neuem Vorstand neu aufstellen. Mal sehen, ob das Dilemma dann gelöst wird - oder ob wieder Anführerinnen mit Verbindungen zu den Zentren der Macht gesucht werden. Macht kann eben überall dort missbraucht werden, wo sie sich konzentriert - auch in der Vorstandsetage einer Organisation, die eigentlich Frauen helfen sollte, sich gegen Machtmissbrauch zu wehren.

© SZ/hy
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