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Zehn Jahre Facebook:Eine Welt ohne Selfies und öffentliche Liebesbekundungen

  • Urlaubsneid. Was früher die völlige Erschöpfung angesichts der dreistündigen Urlaubsbilder-Vorführung war, ist in Facebook-Zeiten der Neid. Endlose Sandstrände vor türkisblauem Ozean, exotische Skyline vor Abendrot, Freunde und Bekannte vor Fototapetenidylle. Und dank der Technik kann inzwischen ja auch jeder fotografieren. Womit wir beim nächsten Übel wären.
  • Selfies. Schon der Name klingt so unerträglich wie Erdbeerzahnpasta. Ein schauriges Versprechen, tausendfach eingelöst, Selbstporträt um Selbstporträt, Duckface um Duckface und Kussmund um Kussmund. Die süße Nachbarin fotografiert sich beim Shoppen, das süße Cousinchen lichtet sich im Café ab, die süße Freundin quetscht sich mit ihrem noch süßeren Baby auf ein Bild. So viel Zucker schadet der Gesundheit. Allerdings: Der Selbstporträtwahn hätte uns wohl auch ohne Facebook erreicht. Es gibt ja noch Twitter.
  • Fremde Liebesschwüre. Es gibt diese Paare, die Personalpronomen in der Einzahl abgeschafft haben. Die sogar während des gemeinsamen Essens Händchen halten (ein Glück, dass er links- und sie rechtshändig ist!). Seit der Erfindung von Facebook scheinen sie sich vervielfacht zu haben. Erwachsene Menschen, die jede Statusmeldung des geliebten anderen umgehend liken oder mit Worten kommentieren: "Mausi, ich vermiss dich sooooo (Herzchen) (Herzchen) (Herzchen)". Von denen man Updates erhält wie: "... ist mit dem weltbesten Ehemann Kai Müller (Rotwangensmiley) hier: ...". Das nervt. Besonders wenn man zur einen Hälfte dieses Paarklumpens auch mal das Gegenstück war.
  • Zeitlöcher. Wer hat sich nicht schon einmal beim Blick auf die Uhr in der Bildschirmecke und dem Gedanken ertappt: "WAS? Schon halb zwölf? Wie konnte das passieren?" Eigentlich wollte man doch endlich die Steuererklärung machen und endlich diese E-Mails schreiben. Dann aber schob sich Heikes Neuer ins Blickfeld. Dann der hübsche Freund von Heikes Neuem, der zufällig ja der Freund von Kirsten ist - und wo war die denn schon wieder im Urlaub?
  • Gekränkte Eltern. Endlich ist man dem Alter entwachsen, in dem Mutti einem mit dem Schal hinterherlief ("Du wirst dich erkälten!"). Doch kaum hat man die Fronten geklärt ("Ich kann selbst auf mich aufpassen!"), schon zeichnet sich die nächste Konfrontation ab: Die Eltern - mittlerweile selbst in die neuen Medien eingetaucht - wollen wenigstens virtuell teilhaben am Leben ihres Lieblings. Nun ist es ein Unterschied, ob man Mama und Papa erklärt, dass sie nicht auf die Party mitkommen können ("Da sind nur junge Leute!"). Oder ob man ihnen die Freundschaftsanfrage verweigert und auf Nachfrage ins Gesicht sagen muss: "Mama, ich bin dein Kind. Nicht dein Freund."
  • I-like-Sager. Es gab eine Zeit, da haben Menschen, wenn sie etwas gut fanden, gesagt: "Das finde ich gut." Wenn ihnen etwas gefiel, sagten sie: "Das gefällt mir." Und wenn sie etwas mochten, sagten sie: "Das mag ich." In den vergangenen zehn Jahren haben sie von Facebook gelernt, wie man sich heutzutage freut - man sagt, schreibt oder postet: "I like!" Das ist nicht nur schade, weil dieser Ausdruck unvollständig ist (Wer würde im Deutschen schon sagen "Ich mag!"). Man hat zugleich auch immer diesen verdammten, hochgereckten Daumen im Kopf.