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Wetter:Wie es ist, wenn man Schnee nur aus dem Fernsehen kennt

Kein Schnee in Sicht

Ein Aufblas-Schneemann erinnert an einem Garten im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf an schneereichere Winter im Norden Deutschlands (Archivbild).

(Foto: dpa)

Der Winter hat Süddeutschland fest im Griff. Und unser Berliner Autor weiß nicht, ob er die Menschen dort darum beneiden oder bemitleiden soll.

Die Eskimos, so heißt es oft, hätten viele Wörter für Schnee. Der Ethnologe Franz Boas setzte diese Behauptung 1911 in die Welt. Er wollte damit seine These illustrieren, dass sich die Sprache von Völkern ihrer jeweiligen Lebenswelt anpasst. Boas sprach zunächst von vier Wörtern, im Volksmund wurden es bald sogar hundert.

Doch das ist Quatsch. Tatsächlich sind die eskimo-aleutischen Sprachen polysynthetisch. Das bedeutet, dass etwa für die Beschreibung von Schnee, in den irgendein Schlingel den Namen seines Lehrers mit dem Zusatz " ... ist doof" gepinkelt hat, viele Wörter zu einer komplexen Einheit verschraubt werden. Linguisten nennen das Affigierung. Die Summe der Vokabeln für den Schnee selbst erhöht sich dadurch keineswegs. Dennoch erzähle ich allzu gern die moderne Sage von den Eskimos, die für jede Flocke einen eigenen Namen haben. Sie ist zu schön, um nicht wahr zu sein, so herrlich poetisch. Und selbst wenn die Eskimos nur drei mickerige Wörter für Schnee hätten, ich würde sie darum beneiden. Ich kenne nämlich nur eines und weiß nicht mal genau, was es bedeutet: Schnee?

Ich bin ein Schnee-Laie, ein Schnee-Idiot

Es ist für mich eine leere Hülse, stets begleitet von einem Fragezeichen. Ich weiß, dass es Schnee gibt, so wie ich auch weiß, dass es Diamanten gibt. Doch beides spielt in meinem Leben keine Rolle. Ich kenne es nur aus dem Fernsehen, aus Dokumentationen und aus Märchen.

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Schnee? Was ist das eigentlich? Wie sieht er aus, wenn der Mond darauf scheint? Wie fühlt er sich an, wenn er sich zu Wehen türmt? Wie riecht, wie schmeckt er? Wie klingt er, wenn ein Fuchs hindurch pirscht? Wie klingt die Welt, wenn Schnee sie dämpft? Was bedeutet Schnee, der in Massen fällt, monatelang liegen bleibt und das Leben der Menschen prägt? Ich habe von all dem keine Ahnung. Ich bin ein Schnee-Laie, ein Schnee-Idiot.

Ich bin in einem Dorf in der norddeutschen Tiefebene aufgewachsen. Dort kommt winterlicher Niederschlag fast nur als kalter Regen vor, der einem aus allen Richtungen um die Ohren fliegt, sogar von unten nach oben. Mitunter treten seine vierschrötigen Vettern Graupel, Griesel und Hagel auf, um einem noch übler mitzuspielen. Das ist eine alberne Hänselei des Schicksals, die der Norddeutsche von Mentalitäts wegen hinnimmt wie sein ganzes Geworfensein in diesen ohnehin klammen Landstrich. Schnee aber fällt kaum öfter vom Himmel als Kröten, Sterntaler oder ein Meister.

Ich erinnere mich an die paar Male, da wir als Kinder ans Fenster stürmten und riefen: "Es schneit, es schneit!" Wir waren fassungslos und verzaubert, als galoppierte ein Einhorn durch den Garten. Wir bauten magere Schneemänner mit zehnminütiger Lebenserwartung, lieferten uns Schneeballschlachten, bei denen die Munition vor allem aus Schotter bestand, rodelten den einzigen Hügel weit und breit hinunter, ignorierend, dass das, was wir für Schnee hielten, längst weggetaut war.

In Berlin ist Schnee ein exotisches meteorologisches Phänomen

Inzwischen lebe ich in Berlin, das sich ebenso wenig einen Namen als Winterwunderland gemacht hat. Auch hier ist Schnee, echter, ernst zu nehmender, kapitaler Schnee ein höchst exotisches meteorologisches Phänomen. Unter Schnee versteht der Berliner vielmehr Matsch, der sich schon im Moment seines Fallens mit Abgasen vollsaugt, ein paar Tage trostlos liegen bleibt, weil er auch nicht weiterweiß, und die Stadt noch grauer tüncht, als sie schon ist. Gleichwohl ist dieser Matsch in der Lage, das gesamte Verkehrssystem zusammenbrechen zu lassen, unabhängig von seiner Masse.

"Du siehst die Scheiße immer erst, wenn der Schnee geschmolzen ist", sagte einst der Fußballmanager Rudi Assauer. In Berlin siehst du sie das ganze Jahr. Der Unterschied des Winters zum Sommer besteht in der Abwesenheit von Licht und, wahrscheinlich steht das in direktem Zusammenhang, noch schlechterer Laune als sonst. Ich fühle mich hier, als wäre ich in den Keller gesperrt worden, weil ich, als die Sonne noch schien, die Frechheit besaß, das Leben zu genießen. Es ist die lange Saison des Büßens, des Wartens auf Befreiung und Erlösung. Wann galoppiert endlich das Einhorn durch den Garten? "Wann schneit es, Papa?", fragen unsere Kinder seit Ende November. Auch sie kennen Schnee nur aus dem Fernsehen, sind aber noch nicht alt genug, um keine Illusionen mehr zu haben.

Ich sorge mich um meine Kollegen in München

Von Berlin aus arbeite ich für die Süddeutsche Zeitung in München. Das ist eine überbrückbare Distanz, geografisch wie kulturell. Mit dem Zug dauert die Reise vier Stunden, und die Scherze der Kollegen, die ich als Bewohner einer failed city über mich ergehen lassen muss, nehme ich nicht persönlich.

Derzeit aber habe ich das Gefühl, ich arbeite von Rio de Janeiro aus für den Grønlandsposten in Nuuk. Unendlich weit entfernt von meiner Stammredaktion, auf einem anderen Kontinent, in einer anderen Klimazone. Denn es schneit in München, es schneit massiv. Ich sehe Schnee-"Brennpunkte" im Fernsehen und denke darüber nach, ob ich Lebensmittelpakete an meine Kollegen schicken soll. Ich sorge mich um sie. Müssen sie in Iglus biwakieren? Haben sie genügend Schlittenhunde? Und bin zugleich neidisch, wie auf die Eskimos und ihre drei Wörter für Schnee, welche die Linguisten ihnen noch gelassen haben.

Dieser Text ist auch eine Erklärung, weil ich bei Telefonaten nach München nicht weiß, ob ich angesichts des vielen Schnees gratulieren oder meine Anteilnahme bekunden soll. Ich weiß einfach nicht, was Schnee bedeutet. Man möge es mir verzeihen.

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