Weihnachten Wenn nur die Geschenke nicht wären

(Foto: Andrew Neel/Unsplash; Imago; Bearbeitung SZ)

Eltern sind schnell genervt, wenn die Verwandschaft ihre Kinder mit Spielsachen überschüttet. Dabei wäre es so einfach, harmonisch zu feiern.

Von Kerstin Lottritz

Der Bescherung hat gerade erst begonnen, da sitzt die Familie bereits in einem Berg von Geschenkpapier, dessen Spitze an die des Christbaums reicht. Die lieben Kleinen reißen mit vor Aufregung roten Wagen die Verpackung der zahlreichen Geschenke ab und verteilen den Inhalt auf dem Fußboden. Juhu, ein Bauernhof - mit 100 Tieren. Und dann noch ein ferngesteuerter Feuerwehrwagen mit Sirene. Die Melodie der besinnlichen Weihnachtsmusik geht im schrillen Tatütata unter, bis das erste Kind heult. Weihnachten könnte so harmonisch sein - wenn nur die Geschenke nicht wären.

Zu Weihnachten werden Kinder von ihrer Verwandtschaft mit Geschenken überschüttet. Großeltern wollen ihre Enkel verwöhnen, Onkeln und Tanten wollen zeigen, dass es sie auch noch gibt. Die Planung des weihnachtlichen Showdowns beginnt schon lange vor der Adventszeit. Wenn Oma und Opa beschließen, dass das Kind ein Kasperletheater braucht, herrschen draußen noch sommerliche Temperaturen. Erfahren die Großeltern der anderen Seite von den Plänen, wollen sie diese übertreffen. Die Größe des Geschenks soll dabei die Zuneigung zum Kind widerspiegeln. Der Wettstreit ums tollste Geschenk ist eröffnet.

Der Nachwuchs braucht unbedingt eine Werkbank, sagen die Schwiegereltern. Um die Feinmotorik zu trainieren. Eine lebensgroße Babypuppe, da ist sich die Patentante sicher, darf auf keinen Fall in der Spielzeugsammlung fehlen. So lernen die Kleinen doch, emphatisch zu reagieren. Und der Großonkel väterlicherseits weist darauf hin, dass er ja noch eine alte Eisenbahn im Keller habe und man deshalb dem technisch interessierten Zweijährigen keine neue zu kaufen brauche. Beim Probeaufbau kurz vor den Festtagen stellt er allerdings fest, dass die nicht mehr funktioniert. Nun muss eine neue her. Mit noch mehr Waggons und einem umfangreicheren Schienennetz.

266 Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr für Weihnachtsgeschenke ausgegeben. Das hat eine Umfrage von Ernst & Young ergeben. Vor allem Menschen, die älter als 50 Jahre sind, erweisen sich als besonders spendabel. Ihr Geld lassen sie gerne im Spielwarenladen. Ein Drittel aller Weihnachtsgeschenke ist demnach Spielzeug. Oma und Opa meinen es gut mit den Enkeln. Und wenn die Generationen an verschiedenen Orten wohnen, sich nur selten sehen, ist es schwierig, zu wissen, welches Geschenk gut ankommt. Deshalb dürfen die Präsente dann auch mal etwas teurer werden.

In der großelterlichen Welt ist klein mindestens so groß wie ein Kleinwagen

Die Eltern stehen dem Konsumrausch der Familienmitglieder hilflos gegenüber. Experten raten, sich abzusprechen und geben Großeltern den Tipp, sich nicht über die Vorstellungen der Eltern hinwegzusetzen. Doch das Argument, die Kinder hätten schon viel zu viele Spielsachen, wird schlicht von der Telefonverbindung geschluckt. Die lieben Verwandten haben ihre eigenen Vorstellungen von Weihnachtsgeschenken und im Zweifel längst vergessen, was sie selbst als Eltern mal durchmachen mussten.

Experten empfehlen Mama und Papa deshalb, auf kleine Geschenke zu bestehen. Doch damit ist noch lange nicht die tatsächliche Größe definiert. In der großelterlichen Welt ist klein mindestens so groß wie ein Kleinwagen. Der Hinweis, man wolle das Wohnzimmer auch mal zum Zusammensitzen mit Freunden und nicht als Aufbewahrungsort für die riesigen Kinderspielsachen nutzen, wird mit Unverständnis aufgenommen.

Genervten Eltern bleibt dann nur noch, sich auf die Ideen und den Geschmack der Großeltern einzulassen. Schließlich könnten diese auch Ideen oder Begabungen einbringen, die die Eltern nicht hätten, sagen Familientherapeuten. Es geht also darum, Kompromisse auszuhandeln. Auch wenn sich eine solche Diskussion diplomatisch meist schwieriger als Koalitionsverhandlungen erweist. Schlagen die Eltern sinnvolle Dinge für den täglichen Gebrauch vor - wie etwa Kleidung oder eine Tasche für den Kindergarten -, blicken sie in lange Gesichter, als hätten sie den Veggie-Day in der Kantine ins Gespräch gebracht. Lässt man sich auf den ein Quadratmeter großen Bauernhof ein, kommt das der Verteilung des Postens als Außenminister gleich. Die andere großelterliche Partei fordert im Gegenzug das Finanzministerium in Gestalt des Kasperletheaters.

Was bei der Diskussion zwischen Eltern und Verwandten gerne vergessen wird: Mit einem Wettstreit um das schillerndste Präsent gewinnt man nicht die Zuneigung der Kleinen. Was in Erinnerung bleibt, sind doch vielmehr gemeinsame Erlebnisse. Deshalb liebe Großeltern: Schenkt Euren Enkelkindern doch einfach Zeit! Einen Tag Schlittenfahren in den Bergen, einen Zoobesuch im Frühjahr oder im Sommer ein verlängertes Wochenende auf dem Campingplatz. Das stärkt die Beziehung zu den Enkelkindern viel mehr als das größte Puppenhaus und ist gleichzeitig ein Geschenk an die Eltern. Anstatt zwischen Bauernhof, Kasperletheater und Schienennetz ihr Wohnzimmer zu verlieren, haben sie es eine Weile ganz für sich allein.

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