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Vorlesen:Unter diesen Kinderbüchern leiden Eltern

Kinder lieben das: sich in die Arme der Eltern kuscheln und zuhören. Eigentlich für beide schön - wenn es nicht ausgerechnet diese Bücher wären.

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Conni backt Hasch-Pizza

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Quelle: SZ

Verflucht sei der Tag, an dem ich dieses billige Bändchen aus der Wühlwanne einer Schwabinger Buchhandlung fischte. Erzählt wird in "Conni backt Pizza" ein quälend langatmiges Pizzabackmisch-Backvergnügen, das Conni einleitet, weil ihr der Spinat ihrer (Hausfrau-)Mama nicht schmeckt. Am Ende darf Connis Mama abwaschen. Die Vorlese-Mama wiederum bekommt das Rezept (Back doch auch mal mit deinen Kindern!) und einen Vorgeschmack auf das, was ihr mit Conni noch so blüht.

Denn zwar geht dieses Buch irgendwann glücklich beim Umzug verloren, Conni aber verschwindet nicht so schnell aus dem Leben einer Mädchen-Familie. Conni wächst mit, macht uns über Jahre zu Paten ihres Spießerlebens, in dem die größte Katastrophe ein Fleck Dipsoße auf der Couchdecke vorm Fernseher ist. Auf die Bilderbuch-Conni folgt die Schulkind- und seit 2013 (der Verlag kennt kein Erbarmen) sogar die Jugendroman-Conni.

Die Pubertät aber ist vielleicht eine Chance: Zeit, die Schleife aus dem Haar zu reißen und mal richtig zu rebellieren! Ein paar Buchtitel haben verzweifelte Eltern unter dem Hashtag #darkconni schon im Netz gesammelt. Wie wäre es mit "Conni backt Hasch-Pizza", "Conni treibt ab" oder "Conni liebt Julia"?

Nina von Hardenberg

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Von olchig bis furzdoof

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Quelle: SZ

Schweineschlamm und Käsefurz - bei den Olchis darf geflucht werden. Für die Vorleserin ist das eher mühsam, soll aber wohl lustig sein, also "olchig" oder "krötig", wie alles Gute in der Sprache dieser grünen Fantasiewesen heißt.

Die Olchis hausen auf Müllkippen, trinken Altöl, kochen Stinkesockensuppe und kriegen bei Sauberkeit und gesundem Essen Ausschlag. Der spießige Bürgermeister der Stadt - Achtung: Wortwitz! - "Schmuddelfing" kommt irgendwann darauf, dass die Olchis auch ein Marketingaspekt sein könnten, aber natürlich durchkreuzen die grünen Kerlchen seine Pläne.

So gesehen ist die Geschichte schnell auserzählt. Doch olchigerweise lassen sich die Olchis in jedwede Szenerie schicken, egal wie furzerfunden. Sie stänkern im Weltall, im Wattenmeer, im Dschungel herum. Sie bringen ausreichend Merchandising-Artikel hervor (Furzkissen, Freundebuch, Pups-Hupe) und funktionieren offenbar in jeder Altersstufe (von Bilder- bis Hörbuch). Die Geschichten sind weder normal noch absurd genug, und das nervt am meisten. Bei aller Unentschiedenheit ist die Konfliktlösung immer klar: notfalls Gestank ablassen. Scheiß drauf, echt, sagt die Vorleserin.

Silke Stuck

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Mit Fine und Paul durch den Ikea-Katalog

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Quelle: SZ

Sicher, manche erfolgreiche Bücher nerven. Aber viel schlimmer sind die, die es nie in Großauflage schaffen, wohl aber in großen Mengen in die Kinderregale. Bücher wie, hier nur als Beispiel, "Mit Fine und Paul durch den Advent": Weich gespülte Pseudogeschichten, in denen nichts, aber auch gar nichts passiert, das es wert wäre, erzählt zu werden, wenn es nicht die Vorlage für eine Illustrationsidylle liefern müsste.

Ja, kleine Kinder mögen es manchmal harmlos, aber da könnte man auch gleich den Ikea-Katalog vorlesen. Wahrscheinlich müssen die Zeichner und Autoren solcher Bücher im Akkord ein Buch nach dem anderen produzieren und haben deshalb noch nie einen Apfelbaum gesehen (der sieht in der Natur nämlich nicht aus wie eine Eiche mit Masern). Oder eine Familie, die nicht aus Papa, Mama, Sohn und Tochter besteht (doch, doch, das gibt es!). Oder, auch ein beliebtes Kinderbuch-Motiv, einen Fisch (macht selten Luftblasen, noch seltener "Blubb"). Die Lektoren haben vermutlich auch weder Zeit noch Lust, sich groß mit diesem Einheitsbuchbrei zu befassen, sonst wären nicht so oft Tippfehler drin. Verübeln kann man es ihnen nicht.

Marlene Weiß

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Neunmalkluger Kokosnuss

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Quelle: SZ

25 Bände des kleinen Drachen Kokosnuss gibt es inzwischen, im Moment sitzt der Autor Ingo Siegner am 26. Band, der in Afrika spielen wird. Was dort genau passieren wird, weiß der Autor selbst noch nicht so genau (schreibt er auf seiner Homepage), aber man ist kein Prophet, wenn man schon jetzt verrät: Der kleine neunmalkluge Drache mit seinem geschrumpftem Mini-Käppi wird wieder große Abenteuer erleben, die er durch seine Gewitztheit ohne Schaden überstehen wird.

Vermutlich wird viel geseufzt, gegrinst und gebrummt. Einfach etwas sagen kann Kokosnuss nämlich nicht, und mindestens einmal wird er oder seine Freundin, das Stachelschwein Matilda, erleichtert ausrufen: "Puh, das ist noch einmal gutgegangen!" Irgendein Wesen wird auftauchen mit einem Namen in bewährter Alliteration ("Klemenzia Klabuster von Klippenstein" gab es leider schon), ein paar große Drachen werden zu den kleinen "Frechdachs" oder "Quatsch mit Soße" sagen, wie man halt als Erwachsener mit Kindern redet.

Vermutlich besteht die große, nein, die einzige Anziehungskraft für Kinder bei dieser Nervkröte von Drachen genau darin: in seiner unfassbaren Erwartbarkeit.

Mareen Linnartz

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Lillifee verzaubert die Glitzerhölle

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Quelle: SZ

Die Belegschaft der rosaroten Glitzerhölle: Prinzessin Lillifee, die mit ihren aufgespritzt-runden Wangen und dem eingefrorenen Kussmund aussieht, als wäre sie dem Beauty-Doc gerade frisch von der Liege gerutscht. Dazu eine Unterwassermilf mit Schlafzimmerblick, die sagt: "Ich habe keine Zeit! Ich bereite mich auf die Verlobung mit dem Prinzen vor." Dass hier die Königin den Prinzen heiraten will, stört niemanden, dies sind internationale Gewässer.

Die Königstochter wiederum würde gerne zu Lillifees Seerosenfest kommen, kann aber wegen ihrer Schwimmflosse nicht hingehen. Zum Glück hat Lillifee mehr aus der Schönheitsklinik mitgenommen als nur Pausbäckchen. Sie schwingt ihren rosa Stab und sagt: "Ich zaubere dir jetzt wunderschöne Beine." Und simsalabim hat die Seejungfrau zwei Bohnenstangen und dazwischen einen beachtlichen Thigh Gap.

Der einzige an dem Abenteuer Beteiligte, der am Ende kein Size Zero tragen kann, ist ein feistes Schwein. Es heißt nicht Kacki, nicht Stinki, sondern Pupsi. Und als wären die Figuren nicht schon haarsträubend genug, ist noch gänsehauterregender Glitzer auf die Seiten geklebt. Was eine Scheißi.

Martin Wittmann

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Lass Leo einen Loser sein!

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Quelle: SZ

Bibi Blocksberg, Baumeister Bob, Benjamin Blümchen: Alliterationen sind ganz wichtig in Kinderbüchern. Leo Lausemaus könnte aber auch Nicki Neinsager heißen, Didi Defätist oder Tommi Totalverweigerer. Der nihilistische Nager macht seinen Eltern das Leben schwer, indem er grundsätzlich widerspricht.

Bei allem. Leo Lesemaus will nicht schlafen. Leo Lausemaus will nicht aufräumen. Leo Lausemaus will nicht teilen. Leo Lausemaus will nicht essen. Leo Lausemaus will nicht baden, nicht verreisen, nicht zum Arzt und so weiter.

Als Vorlesemaus fragt man sich bald: Was zum Teufel will diese lästige Lausemaus eigentlich? Und wann erscheint endlich der Band: "Leo Lausemaus will keine Geschichten mehr vorgelesen bekommen"? Natürlich nie. Denn jede Protest-Story endet so moralisch, dass Leo seinen Fehler einsieht und dann doch in den Kindergarten geht, nicht mehr trödelt oder brav sein Gemüse isst. Das ist, um es mit einer aggressiven Alliteration anzuprangern, ganz gemeine Gehirnwäsche! Verzweifelte Vorleseväter fordern: Lasst Leo einen Loser sein. Nicht aufessen? Nicht schlafen? Nicht teilen? Okay, dann halt auch nicht "Lausemaus" lesen, und alle sind zufrieden.

Titus Arnu

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Ritalin-Verdacht bei Bobo Siebenschläfer

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Quelle: SZ

Schon klar: Bobo Siebenschläfer ist ideal für Zwei- bis Vierjährige. Die Geschichten sind simpel und langsam erzählt, mit schlichten Sätzen, und am Schluss schläft Bobo immer ein (was wohl als superlustiger Verweis darauf gedacht ist, dass Siebenschläfer einen beträchtlichen Teil ihres Lebens schlafend verbringen).

Wenn man aber erwachsen ist und die Bobo-Geschichten immer wieder vorlesen muss, immer wieder, im-mer-wie-der, dann ist das Problem: Die Geschichten sind sehr simpel und sehr langsam erzählt, mit sehr schlichten Sätzen, und am Schluss schläft Bobo immer ein. Und das manchmal so unvermittelt, dass man als besorgte Eltern schon fragen muss, ob hier womöglich eine unnötig hohe Ritalin-Gabe im Spiel war.

Bücher vorlesen macht deshalb Spaß, weil man Geschichten vorliest. Doch: das hier? "Hoppla! Bobo hat den Becher umgestoßen. - (nächstes Bild) - Der Becher ist hinuntergefallen. - (nächstes Bild) - Bobo mag nicht mehr essen. Papa hebt ihn aus dem Stuhl." Weil Kinder aber Bobo lieben und man gerade gegenüber Zweijährigen ja nachgiebig ist, legt man das Buch an jedem Abend immerhin mit einer schönen Erkenntnis weg. Der Erkenntnis, dass man immer wieder bereits ist, alles für sein Kind zu tun, wirklich alles.

Michael Neudecker

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Quelle: behrchen / photocase.de

Sich selbst verfluchen oder die Tante, die das Buch mitgebracht hat - es hilft alles nichts. Ist man einmal mit einem der literarisch fragwürdigen Machwerke auf dem Sofa gefangen, muss man da durch. Danach kann das Kinderbuch ja aus Versehen im Altpapier landen.

© SZ vom 01.04.2017/lot
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