Vorbereitung auf den Tod:"Ich könnte selbst oft heulen"

Lesezeit: 3 min

Patienten auf den Tod vorzubereiten, ist eine der schwierigsten Aufgaben, die Ärzte meistern müssen. Ein neues Seminar soll helfen. Wir haben mit einer Teilnehmerin gesprochen.

Charlotte Frank

Wenn Ärzte ihren Patienten mitteilen müssen, dass es für sie keine Hilfe mehr gibt, bräuchten sie manchmal selber Hilfe. Viele Ärzte sind überfordert. Psychotherapeuten der Universität Heidelberg haben deshalb das Kommunikationstraining "Kompass" entwickelt: In acht Städten lernen Mediziner, schwierige Gesprächssituationen zu meistern. Die Kölner Allgemeinmedizinerin Ellen Röttgen-Burtscheidt, die in ihrer Praxis viele Palliativpatienten betreut, hat daran teilgenommen.

Trauer, iStockphotos

Die meisten Menschen sind extrem traurig und verstört, wenn sie erfahren, dass sie bald sterben werden.

(Foto: Foto: iStockphotos)

SZ: Frau Röttgen-Burtscheidt, wie reagieren Menschen, die erfahren, dass sie bald sterben werden?

Ellen Röttgen-Burtscheidt: Die meisten sind extrem traurig und verstört. Man kann richtig sehen, wie ihnen von einem Moment auf den nächsten der Boden unter den Füßen weggerissen wird, wie in einem Augenblick alle Pläne eines Lebens zusammenbrechen. Es gibt aber auch Patienten, die werden ganz geschäftig und fangen an, wild herumzutelefonieren. Manche reagieren trotzig oder aggressiv, andere versteinern.

SZ: Im Seminar haben Sie gelernt, solche Gespräche möglichst schonend zu führen. Aber wie kann die Botschaft "Wir sehen für Sie keine Heilungschancen mehr" überhaupt schonend beigebracht werden?

Röttgen-Burtscheidt: Die Nachricht zu vermitteln ist immer schwierig. Aber es wird für den Patienten leichter, dass der Arzt in einfachen, kurzen Sätzen spricht und die Botschaft klar herüberbringt. Das ist wesentlich besser, als die Patienten mit Mediziner-Latein plattzubügeln.

SZ: Der richtige Weg ist also, Menschen ins Gesicht zu sagen: Sie werden sterben?

Röttgen-Burtscheidt: Nein, so knallhart nicht. Man muss im Einzelfall spüren, wie viel Wahrheit ein Patient ertragen kann. Wenn einer direkt danach fragt, werde ich ihm sagen, dass er eine unheilbare Krankheit hat, an der er sterben wird. Da ist Klarheit wichtig. Zu mir kommen oft Patienten, die vom Facharzt eine schlechte Diagnose bekommen, sie aber nicht verstehen. Die sind völlig verängstigt. Besser ist es, ihnen die ganze Wahrheit zu erklären. Solche einfachen Regeln können die Situation schon verbessern.

SZ: Welche Regeln gibt es noch?

Röttgen-Burtscheidt: Bevor man eine schlechte Nachricht überbringt, ist es wichtig, das Gespräch im Kopf zu strukturieren. Es müssen nicht sofort alle Details erklärt werden, man kann Teile vertagen. Telefon und Piepser gehören dabei ausgeschaltet. Wichtig ist auch, Pausen zu machen, damit der Patient Fragen stellen kann. Und: ihn nie unterbrechen.

SZ: Wie viel Mitgefühl darf ein Arzt zeigen, wie viel Distanz muss er wahren?

Röttgen-Burtscheidt: Ein Arzt darf deutlich machen, dass ihn eine Situation berührt. Aber wenn er zeigt, dass er selbst von Traurigkeit übermannt wird, ist das falsch verstandenes Mitgefühl. In Momenten, in denen für den Patienten der Boden wackelt, muss der Arzt Halt bieten. Ich könnte zwar selbst oft heulen, aber ich lege Patienten höchstens die Hand auf die Schulter.

SZ: Wie wird Ihnen das alles im Seminar beigebracht?

Röttgen-Burtscheidt: In Rollenspielen, mit Schauspielern als Patienten. Mit denen stellen wir Situationen nach, die wir erlebt haben. Danach geben uns die "Patienten" ein Feedback.

SZ: Können Sie ein Beispiel nennen?

Röttgen-Burtscheidt: Ich habe mit einem Schauspieler eine Szene aus meiner Praxis nachgestellt: Ein Patient wollte nicht einsehen, dass sein Tumor trotz Strahlenbehandlung weiter wächst und dass die Therapie mehr schadet als nutzt. Er bestand trotzdem immer weiter auf der Bestrahlung. Damals war ich überfordert, ich wollte nicht zu resolut sein. Nach dem Rollenspiel haben mir die Kollegen und Schauspieler gesagt, ich wäre nicht resolut genug aufgetreten. So hätte ich den Patienten eher verunsichert.

SZ: Was hat sich für Sie seit der Schulung verändert?

Röttgen-Burtscheidt: Ich habe weniger Angst vor den Emotionen der Patienten. Ich bereite mich auf kritische Gespräche besser vor.

SZ: Hätten Sie das nicht eigentlich alles im Studium lernen müssen?

Röttgen-Burtscheidt: Eigentlich schon. Aber im Medizinstudium in Deutschland wird vor allem auswendig gelernt und zu wenig am Patienten gearbeitet. Viele Ärzte können hervorragend operieren, aber in kritischen persönlichen Situationen versagen sie.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema