Trauerkultur Der verstorbene Gatte ist jetzt ein Rohdiamant

Im Gegensatz zu diesem Prunkstück wird man den Diamanten aus Herrn Schmidts Asche nicht bei Sotheby's versteigern. Dennoch ist er für seine Frau von unschätzbarem Wert.

(Foto: Alastair Grant/dpa)
  • Die Trauerkultur hat sich gewandelt, immer mehr Menschen bevorzugen alternative Bestattungsmethoden.
  • Viele Deutsche schicken die Asche eines Verstorbenen ins Ausland, um ihre Trauer nach eigenen Vorstellungen auszuleben.
  • Die meisten individuellen Methoden erfordern das Umgehen des Friedhofszwangs. Kritiker fordern eine Liberalisierung.
Von Carolin Gißibl

Manchmal beobachtete sie ihn. Wie er am Fenster saß und auf den Garten blickte. Dann sah Elisabeth Schmidt keinen kranken Mann im Rollstuhl, sondern einen Mann, den nichts erschütterte. Ihr Ehemann wollte 100 Jahre alt werden und das traute sie ihm zu. Doch vor vier Monaten bekam er eine Infektion und sie musste zusehen, wie ein Organ nach dem anderen versagte.

In der kleinen Gemeinde, in der sie lebt, erzählte sie zunächst nichts vom Tod ihres Mannes - es sprach sich auch so herum. Ein Nachbar begegnete ihr auf der Straße. Er fragte nicht: "Wie geht's?" Sondern: "Wann findet die Feier statt?"

Die Rentnerin findet Begräbnisse heuchlerisch: "In der Kirche wird getrauert, danach schippt jeder eine Schaufel Dreck ins Loch und beim Essen sind alle lustig und fidel. Und dann gibt's noch einen Wettbewerb um das schönste Grab." Ihrem Mann wollte sie das nicht antun. Er habe etwas Edles verdient.

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Aus Asche entstehen Diamten

Die "Kristallsyntheseanlage" steht in einem roten Flachbau in der Schweiz. "Algordanza" heißt das Unternehmen, das Diamanten aus Totenasche herstellt - ab 4000 Euro, einschließlich Mehrwertsteuer. Sie sind die Einzigen in Europa mit eigener Fertigung, sagt Geschäftsführer Frank Ripka. Jeden Monat treffen etwa 35 Bestellungen aus Deutschland ein. Die Asche kommt direkt aus den Krematorien.

Aus der Asche wird Kohlenstoff isoliert. Das macht eine Maschine unter hohem Druck und Temperaturen, die den Bedingungen im Erdinneren gleichen, wo Kristalle auf natürliche Weise entstehen. Im Labor wachsen sie mindestens fünf Wochen - abhängig von der gewünschten Größe. Der Stein von Herrn Schmidt braucht mehrere Monate. Frühestens im Dezember können Elisabeth Schmidt und ihre Tochter ihn abholen: sechs Millimeter, 0,8 Karat, Blaustich.

Bestattungsgesetze sind zwar Ländersache, aber in der gesamten Bundesrepublik ist die Herstellung eines Erinnerungsstücks aus Totenasche nicht erlaubt. Asche darf weder getrennt, noch privat aufbewahrt werden. Denn in Deutschland herrscht Friedhofszwang: Ein Verstorbener muss bis auf wenige eng gefasste Ausnahmen in Sarg oder Urne auf einer als Friedhof gewidmeten Fläche beigesetzt werden. Elisabeth Schmidts richtiger Name wird daher in diesem Artikel nicht genannt.

Wo ein letzter Wille, da ein Weg

Nur in Bremen ist es seit 2015 erlaubt, die Totenasche auf Privatgrundstücken zu verstreuen, solange der Verstorbene zu Lebzeiten schriftlich eingewilligt hat, den Wohnsitz in der Hansestadt hatte und garantiert ist, dass die Asche nicht ins Gemüsebeet des Nachbarn rieselt.

Für Musiker: Schallplattenbestattung

Eine Schallplatte aus Totenasche? In England längst ein Trend. Seit 2017 sind die hörbaren Erinnerungsstücke auch in Deutschland unter https://rest-in-vinyl.de/ erhältlich. Auf die Idee kam der britische Techno-DJ und Besitzer einer Plattenfirma Jason Leach, nachdem ihm bei der Seebeisetzung seines Opas die Asche ins Gesicht flog. Nun presst er sie selbst: auf farbiges oder klares Vinyl, auf Singles oder Maxis. Tonaufnahmen von der Mailbox oder Videos sowie die Lieblingslieder können darauf gespielt werden. Zwar ist die Qualität nicht einwandfrei, da an manchen Stellen holprige Unebenheiten durch die Asche entstehen - aber so behält jeder Verstorbene seinen individuellen Klang.

Kosten: 2595 Euro inklusive versichertem Versand.

Für Elisabeth Schmidt ist der Friedhofszwang "rückständig und unpersönlich". "Ich brauche kein Grab, um an meinen Mann zu denken. Da wäre ich nur vom Unkraut abgelenkt. Außerdem: Wer hätte sich darum gekümmert?" Ihre Tochter lebt im Ausland und sie kann aus gesundheitlichen Gründen nicht. Vielen Deutschen geht es ähnlich. In einer Emnid-Umfrage von 2016 wünschten sich 47 Prozent der Befragten eine "pflegefreie Bestattungsform". Nur 24 Prozent wollten ein traditionelles Sarggrab. Seebestattungen, Ruhewälder (Naturbestattung, Fried- bzw. Bestattungswald), Kolumbarien, in denen sich Urnen in Nischen aneinanderreihen, oder anonyme Beisetzungen auf einer Aschestreuwiese sind daher besonders gefragt - und rechtlich erlaubt.

Elisabeth Schmidt hat für das "Krümele", wie sie den Edelstein nennt, die gesamte Kremationsasche verwendet. Zweieinhalb bis drei Kilogramm Asche hinterlässt ein verbrannter Körper. 500 Gramm hätten für die Herstellung eines Erinnerungsdiamanten gereicht - oder fünf Gramm der Haare, da diese aus mehr Kohlenstoff bestehen. Die Urne mit der übrigen Asche muss beigesetzt werden. Da die Asche aber geteilt ist, wird bei der Rückführung von der Schweiz nach Deutschland eine Grenze überschritten, im wahrsten Sinne, denn eine deutsche Behörde könnte ein Ordnungsgeld erheben und eine Zwangsbeisetzung fordern. Viele deutsche Kunden entscheiden sich daher, die restliche Asche bei einer Fluss-, Alm- oder Luftbestattung in der Schweiz beizusetzen.

Trauer im Wandel

Für Ökos: Promession

Einfrieren und Auflösen - das soll die modernste und ökologisch freundlichste Bestattungsform sein. Bei der Promession wird der Leichnam samt Sarg in einem Bad aus flüssigem Stickstoff auf minus 196 Grad Celsius schockgefrostet. Durch die niedrigen Temperaturen wird der Körper hart wie Glas. Und dann? Wird gerüttelt. Die Erschütterung lässt die Leiche in Granulat zerfallen, das in einen biologisch abbaubaren Mini-Sarg kommt. Dieser wird nicht so tief verbuddelt wie bei einer regulären Beisetzung, sodass in der Erdschicht noch genug hungrige Insekten lungern. Innerhalb von sechs bis zwölf Monaten ist der Verstorbene verschwunden und Happy End: Die Natur bleibt frei von Treibhausgasen.

Kosten: variieren, aber ähnlich wie bei einer Einäscherung.

Trauern wird immer individueller. Seit Jahren fordern kritische Stimmen ein liberaleres Bestattungsrecht. "Meiner Meinung nach muss die Gesetzgebung stärker auf die individuellen Wünsche der Menschen eingehen. Vor allem dem Wunsch des Verstorbenen muss Rechnung getragen werden", sagt Ulrike Gote, bayerische Landtagsvizepräsidentin der Grünen. Es sei längst überfällig, dass die Landesregierungen auf diese Entwicklungen reagieren. "Andere europäische Länder sind in dieser Frage viel weiter. Der Friedhofszwang erschwert das Ausleben einer Trauerkultur, wenn zum Beispiel die Eltern auf einem Friedhof weit weg vom eigenen Lebensmittelpunkt bestattet sind", so Gote.

Dass die Trauerkultur sich wandelt, erkennt auch der Bundesverband Deutscher Bestatter. Für Geschäftsführer Oliver Wirthmann ist die angemessene Antwort darauf aber nicht die Lockerung der Friedhofspflicht: "Trauer braucht nach wie vor einen Ort. Wir müssen daher unsere Friedhöfe modernisieren und ansprechender gestalten", sagt Wirthmann. Der Verband greift dabei selbst auf zeitgemäße Methoden zurück und hat die Webseite "friedhof2030.de" ins Leben gerufen. Darauf kann jeder eintragen, welche Rolle der Friedhof in seinem Leben spielt. Das soll Anreize für weitere Diskussionen schaffen.

Für Abenteurer: Weltraumbestattung

Nach dem Tod in den Himmel aufsteigen - die Amerikaner nehmen das wörtlich und schießen Mini-Urnen ins All. Diese kreisen um die Erde und verglühen, sobald sie in die Erdatmosphäre gelangen. Eine Sternschnuppe ist sozusagen der letzte Gruß. Es gibt auch die Möglichkeit, die Urne mit einer Forschungsrakete fliegen und mit einem Fallschirm zurück auf die Erde gleiten zu lassen. Bei Star-Trek Schauspieler James Doohan, auch bekannt als "Scotty", ging das schief: Seine Aschekapsel ist beim Rückflug trotz Peilsender verloren gegangen. Drei Wochen dauerte es, bevor er in der Wüste New Mexikos wiedergefunden wurde. In Deutschland werden keine Raketen abgefeuert. Die Urne muss in die USA übergeführt werden, viel Papierkram.

Kosten: ab 2.500 Euro plus Kremieren, Überführung, Genehmigungen, etc. Ab 25.000 Euro gibt es auch eine Mondlandung.

Einige Friedhöfe haben bereits Biotope für Tiere und Pflanzen, pflegefreie Gemeinschaftsgräber, vergleichbar mit einer "Grab-WG", und interkulturelle Areale errichtet. Für Hinterbliebene, deren Angehörige in einer anderen Stadt begraben sind, soll es Rückzugsorte auf Friedhöfen geben, an denen innegehalten werden kann. Sie nennen sich "Trauerhaltestellen". Fünf mal neun Meter große Betonwände, die einen nach oben offenen Raum bilden. Trauernde können darin ihre Gedanken mit Kohle oder Kreide an die Wände schreiben. Bei Regen verschwinden diese wieder. Ein Symbol dafür, dass alles vergänglich ist.

Die einzig legale Alternative für Elisabeth Schmidt wäre eine Baumbestattung gewesen, bei der die Asche eines Verstorbenen in einer biologisch abbaubaren Urne oder an der Wurzel des Baumes begraben wird. Doch es gab keinen Bestattungswald in der Nähe. "Für mich ist der Erinnerungsdiamant die ästhetischste Form. Mein Mann ist dadurch bei mir, nicht irgendwo unter der Erde." Elisabeth Schmidt ist überzeugt, dass der Diamant "hundert Prozent" im Sinne ihres Mannes gewesen wäre. Er sammelte Edelsteine und hat ihr zu jedem besonderen Anlass einen geschenkt.

Nun wird er selbst zu ihrem wertvollsten Diamanten. Sie konnte zwischen sieben Formen wählen. Besonders gefragt seien Brillant- und Herzschliff, sagt Algordanza-Chef Ripka. "Ich wollte meinen Mann aber in keine Form zusammenschleifen, sondern so wie er war: robust, mit starkem Charakter und starkem Willen." Also wird er ein Rohdiamant. Sobald dieser ausgewachsen ist, holt sie ihn mit ihrer Tochter in der Schweiz ab. Sie werden ihn nach Hause bringen, gutes Essen kochen und die Schatulle mit dem Erinnerungsdiamanten an seinen Lieblingsplatz stellen: das Fenster, an dem er oft saß und in den Garten blickte.

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