bedeckt München 34°

Tabu Sex und Körperbehinderung:Bordell für besondere Bedürfnisse

Hier hat die Spastikerhilfe Berlin 1992 das erste Konzept zum liberalen Umgang in betreuten Einrichtungen herausgebracht; hier wurde die Holländerin Nina de Vries 2003 zur Pionierin einer Sexualassistenz, die sinnliche Berührungen wie Streicheln, Küssen, Massieren, manchmal mit Handstimulation bis zum Orgasmus einschließt; hier entflammte auch die Diskussion über geringe Einkommen in Behindertenwerkstätten, die kaum ausreichen, diese Berührstunden öfter als zweimal im Jahr zu finanzieren.

In Berlin liegt auch, ein wenig versteckt neben der grellen Leuchtreklame des "Big Sexyland" in Schöneberg, das Edelbordell "Agentur Liberty". Inhaberin Kerstin Berghäuser hat selbst acht Jahre als Prostituierte gearbeitet und hatte dabei immer wieder Freier mit Behinderung - Kleinwüchsige, Blinde, Kriegsveteranen, die ihre Prothese zum Sex neben dem Bett abstellten. Für sie selbst sei das eine Abwechslung gewesen, "auch wenn man sich erstmal dran gewöhnen musste, dass ein Kleinwüchsiger, der gerne Sex im Stehen mag, dazu auf dem Bett stehen muss, und ich davor".

Doch 15 der 50 Frauen im "Liberty" arbeiten inzwischen ganz selbstverständlich auch mit Menschen mit Behinderung, die im Übrigen heute nicht mehr für den Sex bezahlen als Freier ohne Behinderung. "Man sieht die Behinderung irgendwann nicht mehr, man sieht den Menschen", sagt Berghäuser. Als sie sich selbstständig machte und das Bordell um eine zweite Etage erweiterte, nutze sie die Barrierefreiheit im ersten Stock - und wandte sich auf der Homepage dezidiert an Menschen mit Behinderung. Drei- bis viermal die Woche kommen diese nun in die geräumigen Zimmer, wo die Türen breiter und die Betten niedriger sind und neben dem Whirlpool ein Kran steht. "Die Nachfrage nimmt zu", sagt sie.

Von der Krankenschwester zur Prostituierten

Hier hatte Marlene, groß, blond, Anfang Dreißig, eine der älteren im Bordell, oft einen Freier mit Glasknochen, der kaum einen Meter groß war. "Der Enno war so klein und zerbrechlich" sagt sie, "wir wollten ihn auf eine leere Getränkekiste in den Pool setzen, aber die kam immer wieder an die Oberfläche, weil er zu leicht war." Statt peinlich berührt zu sein, hätten sie zusammen über die Situation gelacht, erzählt sie. Ihren Job als Krankenschwester hat Marlene irgendwann aufgegeben - "ich bin Perfektionistin; 60 Patienten am Ende des Tags nicht gerecht geworden zu sein, hat mich fertig gemacht". Berührungsängste mit Menschen mit Behinderung hatte sie dank ihrer Arbeitserfahrung nie. "Was soll's", sagt sie, "ob man jetzt ein Kittelchen anhat oder nicht - so groß ist der Unterschied nicht."

Dass die Gäste manchmal sabbern, sich über ein Rutschbrett ins Bett ziehen oder Körper haben, die durch Muskel- oder Knochenschäden deformiert sind, ist ihr egal. "Bei den Behinderten, da hab' ich das Gefühl, ich hab' was Gutes getan, jemanden glücklich gemacht, da bin ich mit mir im Reinen." Da ginge es zwar auch um Sex, meist müssten die Frauen aktiver sein, weil die Männer bewegungseingeschränkt seien, aber die Ebene der Begegnung sei eine andere: "Freier mit Behinderung sind oft Stammgäste, wie Familie. Die nehmen uns ernst, sind interessiert betrachten auch uns als Menschen", sagt Marlene. Und irgendwie, sagt Kerstin Berghäuser, sind wir doch beides Randgruppen, die Prostituierten und die Menschen mit Behinderung. Das verbindet.

Wer zu Marlene, Sofia oder Celine ins Liberty kommen kann, der ist entweder selbst noch einigermaßen mobil, oder hat unterstützende Betreuer, die dann in einem kleinen Räumchen bei Cola und Zeitschriften warten. Doch die Realität vieler Menschen mit Behinderung ist auch heute noch fast immer ein zäher Kampf um winzige Schritte zu Selbstständigkeit und Akzeptanz. Noch heute wagt es die Gesellschaft nicht wirklich, über die sexuellen Bedürfnisse der "Perfekt Imperfekten", wie Rasso Bruckert sie in seinem Fotobildband genannt hat, ernsthaft nachzudenken. Zwar hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 verpflichtet, die geforderte Inklusion umzusetzen, also ein Zusammenleben aller, in dem jeder die gleichen Rechte hat - ein Recht auf Sexualität ist darin zwar nicht verankert, kann aber indirekt aus dem Recht auf Reproduktion abgeleitet werden. Das Tabu aber ist dadurch nicht verschwunden.