Studie über religiöse Vielfalt in Deutschland:Religion spielt für Integration geringere Rolle als angenommen

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Gehört der Islam zu Deutschland? Die Deutschen sind in dieser Frage zwiegespalten.

(Foto: Carsten Koall/Getty)

Das fanden Forscher in einem Gutachten heraus. Entscheidend für den Erfolg in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt sei der soziale Hintergrund.

Von Jan Bielicki

Alle reden vom Islam - doch nach Ansicht führender deutscher Migrationsforscher wird die Rolle, die Religion für die Integration von Einwanderern spielt, "allgemein überschätzt". Und zwar gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen sehen die Wissenschaftler keine belastbaren Belege dafür, dass die Religion oder die Religiosität eines Migranten dessen Teilhabe an Bildung oder Arbeitsmarkt grundsätzlich erschwert. Zum anderen lassen sich für sie Unterschiede, die es bei der Integration verschiedener religiöser Gruppen gibt, auch "nicht in erster Linie" auf die Religionszugehörigkeit zurückführen.

Zentraler Erklärungsfaktor für Erfolg und Misserfolg in der Schule und am Arbeitsmarkt "ist und bleibt der soziale Hintergrund", heißt es in dem Jahresgutachten, das der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) am Dienstag in Berlin vorstellte.

Unter dem Titel "Viele Götter, ein Staat" haben sich die Sachverständigen mit der religiösen Vielfalt im Einwanderungsland Deutschland auseinandergesetzt. Haupttenor des Gutachtens: Entwarnung. Zwar räumen die Forscher ein, dass die wissenschaftlichen Befunde noch dünn, oft zweideutig und bisweilen widersprüchlich sind. Für "eindeutig" allerdings halten sie die Erkenntnis, dass "religiöser Pluralismus nicht generell den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährdet".

Integrationsklima laut Befragung stabil freundlich

Gerade die Integration des Islam in Deutschland sei rechtlich und institutionell "viel weitreichender und erfolgreicher verlaufen, als oft angenommen wird", lobte die SVR-Vorsitzende Christine Langenfeld. Deutschlands Politik der Religionsfreundlichkeit, angewendet auch auf die Religionen der Zuwanderer, habe sich bewährt. Langenfeld begrüßte ausdrücklich, dass die Politik - etwa bei der Einführung des islamischen Religionsunterrichts an staatlichen Schulen - den hier lebenden Muslimen weit entgegengekommen sei. Nun seien "die Muslime am Zug", sich so zu organisieren, dass sie als Religionsgemeinschaft den Kirchen und der jüdischen Gemeinde gleichgestellt werden können.

Studie über religiöse Vielfalt in Deutschland: SZ-Grafik; Quelle: SVR-Integrationsbarometer 2016; gewichtete Daten

SZ-Grafik; Quelle: SVR-Integrationsbarometer 2016; gewichtete Daten

Wie weit der Islam jedoch bei den Deutschen angekommen ist, dazu liefert eine Befragung des SVR freilich durchaus zwiespältige Ergebnisse: Demnach sind zwei Drittel der Befragten ohne Migrationshintergrund dafür, dass islamischer Religionsunterricht Wahlfach an den Schulen sein sollte.

Drei Viertel hätten demnach auch kein Problem mit dem Bau einer als solcher erkennbaren Moschee in ihrer Nachbarschaft. An der abstrakten Feststellung "Der Islam ist ein Teil Deutschlands" spalten sich jedoch die Meinungen: 53 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund lehnen die Aussage ab, 47 Prozent stimmen ihr zu.

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