SMS in Beziehungen Zeichen der Liebe

Alice Zhao hat ihre Ehe in Wortwolken gepackt.

(Foto: azhao)

Von "Kuss, Nacht, Träume, vermissen" hin zu "Okay, zu Hause, jetzt, Arbeit": Was der Wortschatz in Handy-Nachrichten darüber aussagt, wie sich eine Beziehung über die Jahre verändert.

Von Laura Hertreiter

Die Ungeduld von Verliebten erkennt man heute nicht mehr daran, wie jemand mit schwerem Herzen zu Hause vor dem Telefon sitzt und wartet, bis es endlich klingelt. Sondern am ständigen Kontrollblick aufs Mobiltelefon. Auch Alice Zhao konnte ihr Handy vor einigen Jahren nicht aus den Augen lassen, inzwischen ist die US-Amerikanerin verheiratet. Ihre Geschichte hat sie im Internet geteilt, denn die Datenanalytikerin hat unzählige Kurznachrichten zwischen ihr und ihrem Mann gesammelt, untersucht, grafisch aufbereitet und auf ihrem Blog (adashofdata.com) veröffentlicht. Innerhalb weniger Stunden wurde der Beitrag tausendfach geteilt.

Zhao untersuchte, wie häufig in den Kurznachrichten aus dem ersten Beziehungsjahr (Kennenlernen und Dating) sowie dem sechsten Jahr (Verlobung und Heirat) verschiedene Ausdrücke auftauchten: Je öfter ein Begriff in den Mitteilungen erwähnt wurde, desto größer ist er in der Grafik. Warum das Interesse an den so entstandenen Wortwolken so groß ist? Ein Grund ist sicher die skurrile Mischung aus Romantik und Analyse. Ein anderer verblüffende Inhalt: Die Grafik zeigt ziemlich allgemeingültig, wie sich die Sprache unter Paaren von der ersten Verabredung bis zur Hochzeit verändert.

Alice Zhao dokumentiert zum Beispiel das Verschwinden des Verbs lieben. Als sie sich kennenlernten, verwendeten sie und vor allem ihr Mann Ali das Wort so oft wie kaum ein anderes. Sechs Jahre später braucht man eine Lupe, um sehen zu können, ob es überhaupt noch unter den relevanten Begriffen ist. Ähnlich verhält es sich mit Kuss, Nacht, Träume, vermissen. Die Romantik scheint einem gewissen Pragmatismus gewichen zu sein, zumindest semantisch: Okay, zu Hause, jetzt, Arbeit. Nach Romanze klingt das kaum mehr.

Auch wann sie ihre Nachrichten verschickt haben, hat Zhao untersucht. Während sich die frisch Verliebten nachts mit Zuneigungsbekundungen überschütteten und dabei auch ihre Unsicherheit kaschierten (Wo steckt sie? Mit wem ist er unterwegs?), geht es nach der Hochzeit tagsüber nur um das, was nicht bis zum Abend warten kann (Wer kauft ein? Holst du mich ab?).

Die Entwicklung hinter dem veränderten Wortschatz, auch Alltag genannt, dürften viele Paare kennen. Aber ist rasche, rationale Kommunikation ein schlechtes Zeichen für die Liebe? Im Gegenteil findet Alice Zhao und finden auch Experten, die sich mit der Kommunikation glücklicher Paare beschäftigen. Der Paartherapeut Arnold Retzer etwa hält "die Banalität des Guten" für das Erfolgsrezept. In seinem Buch mit dem überspitzten Titel "Lob der Vernunftehe" schreibt er: "Es ist daher vernünftiger, uns und unsere Ehen von unrealistischen Erwartungen und Träumen zu entlasten." Gerade in schwierigen Situationen sind Beziehungen stabiler, die auf eine vertrauensvolle Partnerschaft statt auf Rosenblütenromantik und Erotikgeknister setzen - also auf okay, zu Hause, Arbeit statt auf Kuss, Nacht, vermissen.

Grafikprojekt

Ehe aus Wortwolken

Wie sich die Liebe entwickelt, lässt sich heute besser nachvollziehen als je zuvor. Seit Jahren ist jede Beziehung auch eine Onlinebeziehung und produziert damit laufend digitale Spuren. Diese belegen, dass Beziehungen in Zeiten von E-Mail, SMS, Whatsapp und Facebook zwar über neue Kommunikationskanäle, aber noch immer nach den alten Phasen ablaufen.

Anfang 2014 etwa werteten Analytiker von Facebook anonymisierte Daten von Nutzern aus, die ihren Status von "Single" auf "In einer Beziehung" umgestellt hatten. Das Ergebnis: Hundert Tage vor der Änderung begannen die künftigen Paare, sich mehr Nachrichten zu schreiben. Der Höhepunkt wurde, rein quantitativ, zwölf Tage vor der offiziellen Verkündung des Beziehungsbeginns gemessen. Das klingt bekannt: Auf den rauschhaften Flirt folgt schnell der Alltag.

Der Schweizer Therapeut Jürg Willi untersucht die Entwicklung von Paarbeziehungen seit Jahrzehnten. Während in den Siebzigerjahren Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit wichtig waren, gibt es seinen Angaben zufolge heute eine größere Sehnsucht nach Verlässlichkeit und Vertrautheit. Dass es in Beziehungen mit der Zeit pragmatischer zugeht, kann demnach ein gutes Zeichen sein, ein Zeichen für Innigkeit.

Eine aktuelle Studie der Universität von Arizona weist jedoch darauf hin, dass glückliche Paare nicht nur über Klopapierkauf und Küchenputz sprechen, sondern auch nach Jahren noch tiefergehende Gespräche führen, etwa über Ängste und Zukunftspläne. Nichts bindet Menschen so sehr wie das Gefühl, dem anderen die schonungslose Wahrheit über sich sagen zu können.

Ob Alice Zhao und ihr Mann über diese Dinge reden, wenn sie zu Hause sind, bleibt ihr Geheimnis. Die Wissenschaft jedenfalls sagt: Neben den Kurznachrichtenquickies wäre daheim ein verbaler Striptease nicht verkehrt.