Sisa-Süchtige in Griechenland:Crystal Meth mit Batteriesäure

Das Verlockende an der Droge ist ihr Preis: Da Sisa so leicht herzustellen ist (die Dealer haben mobile Labore, was es auch für die Polizei schwerer macht), kostet eine Dosis nur zwischen zwei und fünf Euro. Ein fast unschlagbares Argument in einem Land, in dem selbst Ärzte nur noch 900 Euro verdienen.

Was Ismail, Christos und Leonidas aber von der Wirkung dieser Droge erzählen, klingt so, als würde man ein Medizinlexikon mit einem Horrorfilm zusammenschneiden: Spasmen, Blutspucken, rasend schneller Verfall, psychotische Gewaltexzesse. Warum die Gewaltexzesse? "Naja", sagt Christos, "das Tier in dir - du willst einfach zuschlagen, wenn du das Zeug im Blut hast." Ismail erzählt von einem Freund, der 13 Tage nicht geschlafen habe, und alle stimmen darin überein, dass es in der Drogenszene viel aggressiver zugehe als noch vor zwei Jahren.

Okay. Wenn alle wissen, wie grauenhaft dieses Zeug ist, warum nehmen es dann trotzdem so viele? Christos zuckt die Achseln: "Ist eben die Droge der Krise. Das Land geht genauso grausam vor die Hunde wie die Sisa-User. Passt zusammen."

Charalambos Poulopoulos schaltet sich ein. Der Mittfünfziger mit seinem streng nach hinten gekämmten Haar und dem braunen Hemd leitet die landesweite Suchthilfe-Organisation Kethea seit vielen Jahren. Er sagt in Ergänzung zu Christos, sie könnten kaum noch Abhängige davon überzeugen, Entzugsprogramme zu machen. Zu sehr komme den Drogenkranken die ganze Krise vor wie ein in der Realität ablaufender Horrortrip.

Man kann es ihnen kaum verdenken: Tag für Tag stürzen neue Negativmeldungen auf die Griechen ein. Das Bruttosozialprodukt ist weiter gesunken, es gibt neue Arbeitslosigkeitsrekorde, und der Indexbetreiber MSCI hat Griechenland soeben als erstes entwickeltes Land vom Status eines Industrie- auf den Status eines Schwellenlandes herabgestuft.

Kurzum: Der ehemalige Witz, Griechenland sei das erste afrikanische Land mit weißer Bevölkerung, trifft mittlerweile für viele Lebensbereiche tatsächlich zu. Vergangenes Jahr zog die griechische Sektion der "Ärzte der Welt" alles Personal aus dem Kongo und aus Äthiopien ab. Grund: Griechenland sei nach den eigenen Standards inzwischen selbst Katastrophengebiet. Apropos Afrika, in Griechenland häufen sich Ausbrüche von Malaria, West-Nil- und Dengue-Fieber. Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Gonorrhoe ("Tripper") und Condylomata acuminata ("Feigwarzen"), Krankheiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerottet waren, sind wieder auf dem Vormarsch. Und die HIV-Infektionsrate ist in den vergangenen zwei Jahren um 1500 Prozent gestiegen. 1500? Kann nicht sein, gemeint waren 150, oder? Doch, sagt Poulopoulos: "2008 hatten wir 15 Neuinfektionen. 2011 waren es 200, im letzten Jahr dann über 500. Und alles, was wir tun können, ist Spritzen einsammeln."

Die Keramikou-Straße. Dienstagabend, Nieselregen. An der Straßenecke blinken die Neonlichter eines Bordells. In den heruntergekommenen Hauseingängen lungern obdachlose Junkies. Elendspolaroids: Die junge Frau, die sich von einem strubbeligen Mann mit öligen Fingernägeln einen Schuss unter die Zunge setzen lässt. Der Schwarze mit den weit aufgerissenen Augen, der in einen leeren Betonkübel starrt. Oder die Schwangere mit dem offenen Bein, die mit vier Spritzen in der Hand die Straße runterhumpelt. Auf Fragen reagieren sie nicht: Wie oft sie Sisa nehmen? Ob sie wissen, was da genau drin ist? Wo sie herkommen? Der Mann mit dem stieren Blick wischt in der Luft umher, als wolle er die Stimmen wie Mücken verjagen. In dem Moment kommt ein olivgrüner Bus um die Ecke und hält an. Plötzlich scheint die ganze Straße energiegeladen. Die Seitentür des Busses ist noch gar nicht auf, da kommen aus den Hauseingängen zerlumpte Gestalten angelaufen. Alle haben sie Spritzen in der Hand.

Der Kethea-Bus kommt jeden Abend. Sechs Streetworker fahren darin Tag für Tag die Hotspots der Stadt an und verteilen saubere Spritzen. Jeden Abend ist es dasselbe Spiel: Wer eine Nadel bringt und seinen Namen nennt, bekommt dafür ein neues Set. Spritze, Nadel, Desinfektionstuch, Alukappe zum Kochen. Die Junkies müssen die Spritzen vorzeigen und selbst in einen roten Abfalleimer werfen, dann bekommen sie so viele neue, wie sie gebracht haben. Dieser Tauschhandel ist die einzig wirksame Methode, um bereits benutzte Nadeln wieder von der Straße zu bekommen. Das ist für sie alle in Zeiten der Aids-Explosion überlebensnotwendig.

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