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Sicherheitsbedürfnis:Lange Zeit prägte Kommissar Rex das Bild vom Schäferhund

Zum Fernsehstar taugt der einstige Kulthund nicht mehr, seit die Krimiserie "Kommissar Rex" im Jahr 2004 endete. Und vor fünf Jahren berichteten Medien, auch in den deutschen Behörden würde die Rasse langsam ausgemustert, der Malinois aus Belgien sei zwar etwas unruhiger, aber einfach günstiger in der Anschaffung. Gefühlt sah man den Deutschen Schäferhund also am ehesten noch neben Rentnercordhosen die Bürgersteige entlangtrotten.

Dass die Nachfrage nun wieder steigt, liegt jedoch nicht nur am gestiegenen Sicherheitsbedürfnis. Nach dem Training mit dem Beißarm stapft Züchter Bodenmeier auf seinem Hof in der Oberpfalz eine Reihe hoch umzäunter Zwinger entlang, dahinter leises Winseln und dunkelbraune Blicke. Rudi läuft weit voraus, Rute gen Himmel, Ohren gen Horizont. "Der neue Erfolg", sagt sein Besitzer, "hat auch damit zu tun, dass ein Hund wie dieser mit dem alten Kommissar Rex so gut wie nichts zu tun hat."

Lange hatte der Deutsche Schäferhund keinen guten Ruf. Doch das ändert sich gerade.

(Foto: Martin Poetter)

Der Unterschied ist sichtbar. Rudi ist kleiner und dunkler als Rex, das Fell eher marmoriert als klar zweifarbig. "Wir sprechen bei Schäferhunden von einer Schaupopulation und einer Arbeitspopulation", sagt Bodenmeier, schließt einen der Zwinger auf und winkt Arbeitshund Rudi hinein, für den ihm kürzlich ein Kunde vergeblich einige Zigtausend geboten haben soll.

Über lange Zeit habe das Bild von Schauhunden wie Rex die Marke Deutscher Schäferhund international geprägt. Bis Zweifel laut wurden. Daran, dass der Rücken zu stark abfallend gezüchtet werde, der Kopf immer wuchtiger und das gesamte Skelett immer größer, dass das Tier an Wendigkeit verliere, daran, ob ein solcher Hund seinen hohen Preis überhaupt wert sei. Zwischen 600 und 900 Euro kostet ein Welpe, für ausgebildete Tiere zahlen Interessenten vier- bis fünfstellige Beträge, für Ausnahmehunde auch mal 100 000 Euro, sagt Bodenmeier. Mitte der Neunzigerjahre aber brach die Nachfrage erst einmal ein. Bis deutlich wurde, dass der Schauhund, der als solcher bis heute vor allem in China sehr gefragt ist, weniger geeignet ist für den Einsatz bei der Minensuche und im Schutzdienst, beim Aufspüren von Erdbebenopfern und Drogen als die zunächst unbekanntere, dunkle Arbeitslinie.

Beim Zoll sind knapp die Hälfte der Diensthunde Schäferhunde

Die bewährt sich derzeit in vielen Einsatzbereichen und arbeitet entgegen den Prognosen trotz Konkurrenz durch belgische Malinois weiter Seite an Seite mit den Behörden im Land. Beim Zoll sind laut offiziellen Angaben knapp die Hälfte der 380 Diensthunde Deutsche Schäferhunde. Bei der Bundespolizei, die derzeit 128 Deutsche Schäferhunde beschäftigt, heißt es, die Rasse sei optimal für den Dienst, weil sie "Kampftrieb, Schärfe, Mut und Härte" mitbringe - und zugleich: "Führigkeit".

Vor allem diese Eigenschaft, die Fähigkeit auf Kommando vom Schutz- und Angriffsmodus in entspannten Gehorsam umzuschalten, hat auch das Interesse im Ausland wieder angefacht, heißt es beim Züchterverein RSV2000. Mit der richtigen Ausbildung sei der Deutsche Schäferhund ruhig und konzentriert genug, um Minen in Bagdad und Kabul zu suchen, stark genug, um Anwesen in Hollywood und Kartellbosse in Südamerika zu beschützen, zuverlässig genug, um als Blindenführer und Therapeut in Krankenhäusern zu arbeiten.

Anruf beim Tierlogistiker Gradlyn, einer Firma, die seit 40 Jahren Tiere aller Art vom Frankfurter Flughafen aus ins Ausland fliegt. Der Schäferhund sei im Ausland derzeit der Schutz- und Spürhund Nummer eins, sagt Geschäftsführer Faruk Berberovic. Sein Unternehmen verfrachte jeden Monat eine große Zahl ins Ausland, ein gutes Dutzend gingen an nur einen einzigen Ableger der US-Polizei.

"Die Rasse darf auf keinen Fall in der rechten Ecke landen"

"Außerdem liefern wir die Rasse, salopp gesagt, überall dahin, wo's gerade knallt." Im vergangenen Jahr etwa habe er 300 Deutsche Schäferhunde nach Bagdad geliefert. Auch Züchter Bodenmeier bringt seit Jahren persönlich Nachschub aus Krummennaab in der Oberpfalz, um den neuen Hundeführern auf ihren Wüstenposten die deutschsprachigen Kommandos beizubringen. Unkompliziert seien die Lieferungen nie, sagt er. Einmal verhörte ihn der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad bei der Ausreise stundenlang. Als hätte er ein Waffenarsenal geliefert.

Ein zweiter Anruf beim örtlichen Konkurrenzunternehmen Petair. "Klar steigt die Nachfrage im Ausland", sagt der Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung. Zahlen mag er nicht nennen. Lieber möchte er erzählen, dass er sich selbst gerade drei Schutzhunde "mit richtig Feuer unterm Hintern" zulegt. "Sie glauben doch nicht, dass ich meine Tochter nach dem, was an Silvester in Köln passiert ist, abends noch ohne Wachhund rauslasse?"

Beim Verein für Deutsche Schäferhunde ist bekannt, dass sich aus dem momentanen Stimmungsgemenge aus Unsicherheit, Angst und Feindseligkeit eine neue Käuferschaft ergibt. "Wir sind darüber alles andere als glücklich", sagt eine Sprecherin. "Im Gegenteil. Die Rasse darf auf keinen Fall in der rechten Ecke landen."

Einer Ecke, aus der die Branche sich seit Jahrzehnten bemüht, den Deutschen Schäferhund herauszuholen. Immerhin war er Hitlers Favorit, die groteske Liebesbeziehung zwischen dem Nazidiktator und seiner Blondi schaffte es bis in die Geschichtsbücher. Der Deutsche Schäferhund war Wachposten an der Berliner Mauer, Kamerad der Nationalen Volksarmee und beflissener Schnüffler, als er im DDR-Ministerium für Staatssicherheit mit Geruchsproben Staatsfeinde aufspürte. Züchter Bodenmeier möchte dazu nicht ins Detail gehen, aber auch er hat in den vergangenen Wochen Interessenten erlebt, denen er "im Leben keinen Hund verkaufen" würde.

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