Sexualität:40 000 Euro weniger - weil Sex unwichtig ist

Die Klinik geht jedoch in Berufung - mit Erfolg: Im Oktober 2014 senkt das Oberste Verwaltungsgericht die zugesprochene Gesamtsumme um 40 000 Euro - das Schmerzensgeld von 80 000 auf 50 000 Euro, die Entschädigung für die Haushaltshilfe von 16 000 auf 6000 Euro. Die zuständigen Richter berufen sich unter anderem auf die Tatsache, dass die Patientin zum Zeitpunkt der Operation bereits 50 Jahre alt war und Mutter zweier Kinder. In dem Alter, so heißt es wörtlich in der Begründung, sei Sex nicht so wichtig wie in jungen Jahren.

Carvalho sieht sich durch die Entscheidung des portugiesischen Gerichtshofs als Frau und Mutter doppelt diskriminiert - aus gutem Grund: Das portugiesische Gericht verhandelt in den Jahren 2008 und 2014 zwei ähnliche Fälle, die allerdings Männer betreffen. Diese hatten aufgrund von ärztlichen Kunstfehlern ihre Potenz eingebüßt. Das Gericht stellt - unabhängig von Alter und Vaterschaft - eine enorme Einschränkung und schwere psychische Belastung fest. Und gibt den Klägern Recht.

Carvalhos Anwalt, Vitor Manuel Parente Ribeiro, kündigt CNN gegenüber an, für die reproduktiven Rechte und die Würde seiner Mandantin bis vor die höchste Instanz zu ziehen. "Die Ironie an dem ganzen Fall ist, dass zwei Frauen den Vorsitz führten", sagt er gegenüber dem Schweizer Online-Portal 20minuten. Eine der beiden Richterinnen im Obersten Verwaltungsgericht ist zu dem Zeitpunkt 55.

Nun hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) das portugiesische Urteil mit fünf zu zwei Stimmen gekippt. Die Richter in Straßburg bestätigten, dass die Entscheidung gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoße. Der EGMR bestätigt damit nicht nur Carvalos Recht auf Sexualität und damit ihre Selbstverwirklichung als Frau. Er setzt auch ein Zeichen, dass die Sexualität von Frauen über 50 den gleichen Stellenwert hat wie die von Männern.

Niemand würde sich ernsthaft fragen, ob diese Entscheidung richtig war. Doch warum hinterlässt das Urteil dann einen solch bitteren Nachgeschmack? Weil man eigentlich dachte, dass man das hinter sich hätte.

22 Jahre nach der folgenschweren Operation, im Alter von mittlerweile 72 Jahren, kommt Maria Ivone Carvalho zu ihrem Recht. Wie gesagt, eine glorreiche Siegerin ist sie nicht. Aber ein Symbol dafür, dass der Kampf um Gleichstellung von Männern und Frauen, Alten und Jungen, noch lange nicht zu Ende ist.

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