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Sexualität:Mythos Jungfräulichkeit: Heilige oder Hure

August 16 2016 Akesu Akesu China Akesu CHINA August 14 2016 EDITORIAL USE ONLY CHINA OUT

Viele Frauen muslimischen Glaubens wollen rein, also als Jungfrau, in die Ehe gehen.

(Foto: imago)

Viele junge Musliminnen leben ein modernes Leben - und wollen dann doch als Jungfrau in die Ehe gehen. Was, wenn sie keine mehr sind?

Es gibt Traditionen und Denkweisen, die unwiederbringlich der Vergangenheit anzugehören scheinen. Die strenge Pflicht, als Jungfrau in die Ehe zu gehen, gehört in den Augen der meisten Menschen dazu. Doch für viele muslimische Frauen und ihre Familien stellt ein verletztes Jungfernhäutchen eine Schande dar. Egal, wie aufgeklärt und westlich orientiert diese junge Frau auch sein mag. Egal auch, wie tolerant ihre Familie sich sonst geben mag.

Leyla (der Name wurde geändert) zum Beispiel ist eine moderne junge Frau. Sie arbeitet als Wirtschaftsprüferin. Sie trägt Jeans und hohe Schuhe und an schönen Sommertagen liegt sie am Timmendorfer Strand im Bikini. Als gläubige Muslimin betet die 29-Jährige fünf Mal täglich und trinkt keinen Alkohol. Das ist eine Frage ihres persönlichen Glaubens, nie verlangten ihre Eltern von ihr, dass sie ein Kopftuch trägt oder sich den Besuch in der Disco versagt. Eine ganz normale junge Frau also, allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Leylas Eltern haben ihr eingeschärft, sich ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe unbedingt zu bewahren.

"Beschützt es, wie euer Heiligstes", sagte die Mutter. "Männer können Jungfräulichkeit vortäuschen - Frauen nicht."

Als Jugendliche hatte sich Leyla an diesen Ehrenkodex gehalten. An mehr als Knutschen war sie nicht interessiert, der Interessenkonflikt hielt sich in überschaubaren Grenzen. Aber mit 18 verliebte sie sich und war sicher, dass sie diesen Mann heiraten würde. Es war eine schmerzliche Erfahrung, als sie sich nach vier Jahren trennten, doch neben Liebeskummer hatte Leyla noch ein anderes Problem: Für viele muslimische Familien bedeutet ein vor der Ehe gerissenes Jungfernhäutchen noch immer eine Katastrophe.

Das weiß niemand besser als türkischstämmige Familienberater und Psychologe Kazım Erdoğan: "Die Mädchen werden darauf gepolt, dass Männer böse sind und schlechte Gedanken haben, während Frauen für die Ehre der Familie verantwortlich sind." Immer wieder suchten ihn junge Frauen auf aus Verzweiflung, weil sie keine Jungfrauen mehr sind. Hin- und hergerissen zwischen patriarchaler Tradition und moderner Lebensweise in Deutschland.

Die Medizin hält wenig vom Mythos Jungfernhäutchen. Dennoch gibt es Chirurgen, die versuchen den ursprünglichen Zustand von Jungfernhäutchen wiederherzustellen. Einer davon spricht in der Reportage im Gesellschaftsteil über das genaue Vorgehen und seine Motive.

Auch Leyla kennt diese Option. Als sie sich wieder verliebt, steht sie vor der schwierigen Frage: Soll sie ihrem Verlobten die Wahrheit sagen? Oder ihm etwas vortäuschen? Aber als sie sich schließlich entscheidet, kommt doch alles anders als erwartet.

© SZ.de/bavo
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