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Sexualisierte Gewalt:Zu viele schweigen

Im New York Magazine beschreiben 35 Frauen Übergriffe des Entertainers Bill Cosby - und kritisieren die verlogene Gesellschaft. Auch in Deutschland trauen sich viele nicht, ihre Peiniger anzuzeigen.

Von Felicitas Kock

Das New York Magazine hätte auf seinem Cover einfach 36 Frauen zeigen können. 36 Frauen, die den Entertainer und Achtzigerjahre-Serienvater Bill Cosby beschuldigen, sie unter Drogen gesetzt und vergewaltigt zu haben. Doch die Macher der Titelstory haben sich dafür entschieden, auf ein weiteres Einzelschicksal zu verzichten - und dafür einen Platz freizulassen. Einen leeren Holzstuhl ganz unten rechts auf der Titelseite.

Der Stuhl solle die Frauen repräsentieren, die ihre Vorwürfe gegen Cosby noch nicht öffentlich gemacht haben, erklärt das Magazin. Im Netz ist der Platzhalter jetzt zu einem Symbol für Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. #TheEmptyChair heißt der Hashtag, der von Zehntausenden eingetippt wurde, seit das NYMag das Cover am Sonntagabend im Netz präsentierte. In den sozialen Medien verbreiten Betroffene unter dem Schlagwort ihre persönlichen Erlebnisse. Andere teilen ihr Mitgefühl mit den Opfern. Und Hilfsvereine wie RAINN liefern Statistiken über Opfer, Täter, Dunkelziffern.

Ein Vorwurf, der dabei immer wieder zur Sprache kommt: Dass Cosby auch deshalb so viel Schaden anrichten konnte, weil die Frauen nicht ernst genommen wurden. Die Rede ist von einer "Kultur des Weghörens", die in den vergangenen Jahrzehnten in den USA geherrscht habe - was den Magazinartikel umso bedeutender macht. Der Artikel steht dafür, dass Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, eine Stimme bekommen. Weil ihre einzeln vorgebrachten Anschuldigungen bislang einfach versickerten. Ganz zu Schweigen von den zahlreichen Frauen, die sich gar nicht erst trauten, sexuelle Übergriffe zur Anzeige zu bringen.

Auch in Deutschland sind die Reaktionen auf den Artikel überwiegend positiv. Christa Paul ist seit 18 Jahren bei der Beratungsstelle Allerleirauh in Hamburg tätig. Die Sozialpädagogin arbeitet vor allem mit Jugendlichen zusammen, die Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind. Es sei zu begrüßen, wenn ein derart tabuisiertes Thema auf diese Weise in der Öffentlichkeit behandelt werde, sagt Paul. Gleichzeitig warnt sie vor zu hohen Erwartungen.

Das Thema werde immer mal wieder in das öffentliche Bewusstsein gespült. Viele Hilfsvereine in dem Bereich seien seit den Achtzigerjahren tätig. "Dennoch ist der Weg zu einer Kultur noch weit, in der Opfer sexualisierter Gewalt sich ohne große Scheu an Hilfsvereine und Justiz wenden können."

Gründe für das Schweigen

Etwa 15 000 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung verzeichnet die Kriminalstatistik in Deutschland jedes Jahr. Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Sexualisierte Gewalt gehört dem Weißen Ring zufolge zu den Delikten, die am seltensten angezeigt werden. Der Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern begründet das vor allem mit dem Schamgefühl der Opfer und der Angst vor möglichen Konsequenzen. Oft würden Betroffene versuchen, ihre traumatischen Erfahrungen zu verdrängen.

Sozialpädagogin Paul nennt Unsicherheit über die Schuldfrage als wichtigen Aspekt. Vor allem jüngere Betroffene hätten Schwierigkeiten zu unterscheiden, was normal und erlaubt sei und was eine rote Linie überschreite. Darf ein Lehrer, ein älterer Verwandter, ein Kollege auf eine bestimmte Art und Weise mit mir sprechen? Darf er mich so berühren? Um das beurteilen zu können, sei ein gewisser Erfahrungsschatz notwendig.

Selbst Erwachsene seien sich in vielen Fällen nicht sicher, wie sie ein bestimmtes Verhalten einordnen sollen. "Gerade Täter aus dem Bekannten- oder Familienkreis pirschen sich oft über einen längeren Zeitraum hinweg an", sagt Paul. Sie versuchen, Grenzen auszuloten: Wie weit kann ich gehen, ohne dass Widerstand kommt? Was passiert bei scheinbar unbeabsichtigten Berührungen? Die Grenzen zu sexuellem Missbrauch, zu sexueller Gewalt seien dann oft fließend. Viele Täter würden auch versuchen, dem Opfer einzureden, dass es den sexuellen Kontakt selbst gewollt habe.

Ein Argument, das auch Bill Cosby im Jahr 2005 in einem Gerichtsprozess äußerte: Er habe zwar mindestens einer Frau Beruhigungsmittel verabreicht, der Geschlechtsverkehr sei aber in gegenseitigem Einverständnis vollzogen worden, sagte der Comedian. Das Verfahren wurde mit einem Vergleich eingestellt.

Wenn Opfern nicht geglaubt wird

Was von außen leicht durchschaubar klingen mag, führt bei vielen Opfern zu Verunsicherung. Hätten sie an irgendeinem Punkt eindeutiger Nein sagen, hätten sie sich tatkräftiger wehren sollen? "Die Betroffenen suchen die Schuld dann oft bei sich selbst", sagt Paul. Auch weil viele die Rechtslage nicht genau kennen.

Zumindest die Frage nach der Gegenwehr soll nach der anstehenden Reform des Sexualstrafrechts künftig leichter zu beantworten sein. Bislang gab es eine Schutzlücke: Wenn die Frau zwar "Nein" sagte, sich dann aber einschüchtern ließ und sich nicht mehr wehrte, wurde das nicht als Vergewaltigung gewertet. In Zukunft soll als Vergewaltigung zählen, wenn eine Frau zu sexuellen Handlungen "Nein" sagt und sich ihr Peiniger darüber hinwegsetzt - egal ob sich die Frau wehrt oder nicht.

Problematisch wird die Frage bleiben, wie dieses "Nein" nachzuweisen ist. Wenn etwa die Aussage des Opfers gegen die des Täters steht und es keine Zeugen gibt. Ein weiterer Aspekt, der viele Opfer sexueller Gewalt in Deutschland verunsichert: der immense Druck, der entsteht, sobald es zur Anzeige kommt.

Die Unschuldsvermutung, die für jeden mutmaßlichen Täter gilt, mache vielen Betroffenen zu schaffen, sagt Paul. Auch weil sie von der Öffentlichkeit oft sehr einseitig und eindeutig übernommen werde. Manche Betroffenen sind mit Situationen konfrontiert, in denen ihnen ihre Geschichte nicht abgenommen wird. Manche werden eingeschüchtert und beschimpft, weil sie eine Wahrheit aussprechen, die niemand wirklich hören will.

Wenn sie daran zweifeln, ob die Beweise für eine Anklage ausreichen, schrecken viele Vergewaltigungsopfer vor einer Anzeige zurück. Weil sie das Erlebte lieber verdrängen wollen, als sich weiter damit auseinanderzusetzen. Weil ihnen die Kontrolle über den Fall aus der Hand genommen wird, sobald die Ermittlungen beginnen und möglicherweise mehr Menschen von den traumatischen Erlebnissen erfahren, als ihnen lieb ist. Zwar werden die Opferrechte in der Strafprozessordnung seit Jahren immer weiter gestärkt - dennoch ist ein Prozess für die Betroffenen nervenaufreibend.

Bevor es jedoch zum Prozess kommt und bevor Hilfsvereine eingeschaltet werden, wenden sich die meisten Betroffenen an Familienangehörige und Freunde. Hier sieht Christa Paul die größte Wirkung des Artikels aus dem New York Magazine. Wenn die Debatte über sexuelle Gewalt und deren Tabuisierung Deutschland erreicht, wird auch im Privaten mehr über das Thema gesprochen. Dann trauen sich womöglich ein paar Frauen und Mädchen, die bisher über ihr Schicksal geschwiegen haben, sich zu öffnen.

© SZ.de/vs/rus
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