Schweden:Langsam groß werden

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Schweden: Ein klassischer A-Traktor - nur echt mit Warnschild!

Ein klassischer A-Traktor - nur echt mit Warnschild!

(Foto: Björn Nordien/mauritius images / Alamy)

Jugendliche in Schweden dürfen auf Landstraßen schon mit 15 Jahren Auto fahren - aber nicht schneller als 30 Kilometer pro Stunde. Das erzwungene Schneckentempo zelebrieren sie mit Wunderbäumen und laut aufgedrehter Musik.

Von Max Scharnigg

Autofahren ist in Schweden, wie eigentlich überall in Skandinavien, eine recht gemütliche Angelegenheit. Auf den Autobahnen liegt die erlaubte Höchstgeschwindigkeit bei 120 km/h, viele Schweden fahren aber freiwillig eher so was wie 108, wohl damit der Schock beim Abfahren auf die Landstraße nicht zu groß ist.

Genau dort, auf der schwedischen Landstraße, wird die automobile Langsamkeit heute aber auch noch mal anders zelebriert - in Form einer zeitlupenartigen Jugendbewegung. Denn während es motorisierten Teens anderswo gar nicht rasant genug gehen kann, feiern die jungen Schweden das Schritttempo. Hintergrund ist eine gesetzliche Grundlage, wonach 15-Jährige mit einem Mofaführerschein auch richtige Autos steuern dürfen, sofern diese bei 30 km/h gedrosselt sind. Solche "A-Traktor" oder "Epa-Traktor" genannten Vehikel fahren heute überall als stolze Verkehrshindernisse zwischen Bohuslän und Norrbotten herum und ziehen meistens eine lange Schleppe aus erwachsenen Autos hinter sich her, die geduldig auf eine Überholmöglichkeit warten.

Diese Langsamkultur für Teens gibt es schon lange, richtig an, pardon, Fahrt aufgenommen haben die A-Traktoren aber erst seit einem Jahr. Denn am 15. Juli 2020 machte das schwedische Verkehrsministerium weitere technische Zugeständnisse, seither ist es erlaubt, auch Autos jüngeren Baujahrs und solche mit Automatikgetriebe auf Slow zu tunen - Werkstätten bieten diesen Umbau jetzt ganz regulär an. Innerhalb eines Jahres gab es 27 Prozent mehr Zulassungen von "A-Traktoren", insgesamt fahren derzeit schon etwa 36 000 davon auf den Straßen. Wurden dabei früher die oberen Gänge einfach blockiert oder aufwendig eine Untersetzung eingebaut, wird die Höchstgeschwindigkeit bei den neuen Umbauten jetzt oft elektronisch begrenzt. Und sah man davor fast nur alte Volvos auf Schleichfahrt, die fantasievoll zum Pick-up und damit "Traktor" dekonstruiert waren, sind heute auch Audis und BMW mit einem ganz unüblichen Tempo unterwegs - sogar 76 Porsches sind auf minderjährige Schweden zugelassen.

Im Grunde ist der Trend aber schon fast hundert Jahre alt. Der Begriff "Epa-Traktor" entstand, als sich schwedische Bauern ihre ersten Traktoren selbst bauten, statt sie teuer zu kaufen. In den 1940er-Jahren erließ der Staat Auflagen, die diese Gefährte legalisierten, eine davon war die eingebaute Langsamkeit, und außerdem musste ein Warnschild ans Heck, das bis heute Symbol der gemütlichen Bewegung ist. Die kuriosen Vehikel bekamen damals den Namen Epa-Traktor, das leitete sich von einer frühen Supermarktkette ab. Epa wurde zum Synonym für billig, improvisiert und schlitzohrig, und genauso tuckerten die schwedischen Landwirte auf ihren Fahrzeugen herum, bis in den späten 1950er-Jahren die Landmaschinen-Importe erschwinglicher wurden. Die Eigenbau-Traktoren verschwanden in den Scheunen und wurden dort von Jugendlichen als Chance wiederentdeckt, die Entfernungen zwischen den Dörfern zu überbrücken.

Die Flotte der Langsamfahrer führt zu wilden Diskussionen

Generationen von Schweden rollten seither mit 30 km/h nicht nur zu Freunden, sondern auch ins Erwachsenenleben. Die Fahrzeuge wurden Bestandteil ländlicher Jugendkultur, und der Gesetzgeber förderte diese Entwicklung, indem er die Epa-Traktoren und ihre Nachfolger nicht etwa aus dem Verkehr zog, sondern es sogar erleichterte, auch normale Autos entsprechend zu modifizieren.

Die schnell wachsende Flotte der Langsamfahrer aber führte zuletzt zu Debatten in den Medien, den Gegnern sind die Kinderautos dabei wahlweise zu langsam als Verkehrsteilnehmer oder zu schnell als Spielzeug. Die Befürworter argumentieren mit soziale Kontakten, die sich damit knüpfen lassen, und mit der Tatsache, dass ein alter Schwedenstahl-Volvo mit 30 km/h ein ziemlich sicheres Fortbewegungsmittel ist. Viel mehr Knautschzone jedenfalls als bei Mofa und Co.

Natürlich auch viel mehr Knutschzone - beim Überholen eines A-Traktors erhascht man stets einen Blick in ein fahrendes Teenagerzimmer: Alberne Dekoration, viel zu viele Wunderbäume, laute Musik und individuelle Beflaggung gehören zum Slow Style heute ebenso dazu wie ein eigensinniger Stolz der flaumbärtigen Chauffeure. Den braucht man wohl, wenn man als ewiges Hindernis durch die sehr längliche Landschaft Schwedens rollt. Und vermutlich ist es die Inszenierung als auffälliger Bremsklotz, die pubertären Gemütern besondere Freude macht.

Ziele der langwierigen Ausfahrten sind meist Tankstellen, an denen sich alle Warnschild-Wagen der Region treffen. Abhängen auf dem Parkplatz, gemeinsames Rumschrauben, Kautabak unter die Zunge klemmen - der Fotograf Johan Bävman hat sehenswerte Fotos von dieser neu-alten Jugendbewegung gemacht. Es sind Bilder mit einer authentischen Coming-of-Age-Atmosphäre, die in der digitalen Gegenwart seltsam romantisch anmutet. Einblicke in eine verschworene Gemeinschaft, die schon die bittersüße Gewissheit mit sich trägt, dass diese Form des gemeinsamen Jung- und Unterwegsseins zum 18. Geburtstag enden wird. Dann beginnt der rasante Ernst des Lebens, und der führt endlich auf die Autobahn - mit etwa 108 km/h.

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