Schmachtwort der Woche:"Kleine Lügen tun nicht weh"

Schmachtwort von Max Raabe: "Kleine Lügen tun nicht weh"

Das Schmachtwort der Woche singt diesmal Max Raabe.

(Foto: Cornelia Zeug)

Der Berliner Bariton Max Raabe kann ein Lied davon singen: Zu einer guten Beziehung gehören Liebe und Vertrauen, aber auch die Bereitschaft, im richtigen Moment auf Ehrlichkeit zu verzichten. Der Partner hört nun mal nicht gerne, dass er nicht kochen kann oder sein Bauch die Kapazität seiner Lieblingshose sprengt.

von Violetta Simon

Was sagt der Mann, wenn seine Frau eine rote Sportsocke zwischen ihren rosa verfärbten, vormals blütenweißen Büroblusen hervorzieht? Dasselbe, was das Kind antwortet, wenn man ihm die Scherben der Muranoglasvase unter die Nase hält: "Das war ich nicht!" Und bevor eine Frau zugibt, dass ihr im Auto ihres Mannes der karminrote Lippenstift beim Klingeln ihres Handys vor Schreck entglitt und sich in den sündteuren Rindsledersitzen verewigte, wird sie lieber zum Gegenangriff übergehen und ihm empört entgegenschmettern: "Du fragst mich, ob ich deine Sitze ruiniert habe? Die Frage ist doch: Welches Flittchen benutzt deinen Wagen?"

Menschen lügen nicht aus Bosheit. Sie lügen aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus. In der Evolution haben sich immer jene durchgesetzt, die besser tarnen, täuschen, übertreiben und schmeicheln können. Manche Wissenschaftler sind der Meinung, dass sich die Menschheit überhaupt erst durch das Lügen weiterentwickeln konnte, weil die geistige Anstrengung, die dazu nötig ist, maßgeblich zur Vergrößerung unseres Gehirns beigetragen haben soll.

Selbst wenn Menschen aus Rücksicht lügen, tun sie das in gewisser Weise, um ihr Überleben zu sichern. Wer würde dem cholerischen Chef während seiner Schimpftirade ins Gesicht sagen, dass sein Mundgeruch es locker mit dem Pariser Kanalsystem aufnehmen könnte? Die Stimmung ist doch gleich viel besser, wenn man stattdessen fragt, ob man ihm zur Versöhnung ein Pfefferminzbonbon anbieten dürfe.

Gerade zwischen Mann und Frau gehören kleine Notlügen zum Alltag, ohne sie würden wir schon nach den ersten Wochen kein Wort mehr miteinander reden. Der Berliner Bariton Max Raabe kann ein Lied davon singen. "Kleine Lügen tun nicht weh", heißt ein Song auf seiner neuen CD. Der Mann hat vollkommen recht: Wirklich schmerzhaft ist meist nur die schonungslose Wahrheit. Wir hören nun mal nicht gerne, dass wir weder singen noch kochen können und unser Hintern die Kapazität unserer Lieblingshose sprengt.

Einen Freund für eine gute Pointe opfern?

Es soll ja Leute geben, die lieber einen guten Freund als eine Pointe opfern. Aber wem ist damit geholfen, wenn man der Liebsten, die ihre sauer verdienten Kröten in alberne Strähnchen und einen asymmetrischen Pony investiert hat, ins verfremdete Gesicht säuselt: "Ich hoffe, du hast ihn auf Schadenersatz verklagt?" Schließlich muss sie erst mal eine Weile damit herumlaufen. Und da wäre es doch sicher einfacher für sie, wenn sie sich der Tatsache gar nicht bewusst ist, dass sie aussieht wie ein betrunkenes Lama.

Gerade wenn es um ihre Frisur geht, ist eine Frau sehr sensibel - ganz im Gegensatz zum Mann, der die Veränderung auf ihrem Kopf meist gar nicht wahrnimmt. Ist es also ein Wunder, wenn man statt des obligatorischen Spitzenschneidens zu drastischeren Maßnahmen greift und sich Extensions und eine Aubergine-Tönung gönnt? Und ist es wirklich zu viel verlangt, wenn er dann die Frage "Fällt dir was auf?" ordnungsgemäß mit "Aber ja, dein Haar ist gewachsen!" beantwortet? Mit ein bisschen Phantasie müsste sogar noch etwas Schmeichelhaftes drin sein, vielleicht in der Art wie "Die Farbe erinnert mich an die hübsche violette Keramikschale, die uns deine Eltern zur Hochzeit geschenkt haben."

In Lachen auszubrechen und das iPhone draufzuhalten, um ein Bild auf Facebook zu posten, wäre zwar die ehrlichere Reaktion. Aber keine, die man in Erwägung ziehen sollte, wenn man an einer gemeinsamen Zukunft interessiert ist.

Überhaupt, wo kämen wir hin, wenn jeder plötzlich die Wahrheit sagen würde, nur weil ihm gerade danach ist? Mag ja sein, dass manche Paare es gut finden, zu einer Symbiose zu verschmelzen und sich immer und überall nichts als die Wahrheit zu sagen. Doch zuweilen tut es der Beziehung auch ganz gut, ein kleines Geheimnis für sich zu behalten. Dazu zählen übrigens nicht nur anzügliche SMS eines Verehrers oder erotische Phantasien, in denen der Partner nicht vorkommt, sondern auch interne Informationen zu Körperfunktionen oder wundersame kosmetische Verwandlungstechniken.

Und noch etwas: Eine ehrliche Antwort auf die Lieblingsfrage aller Frauen - "Was denkst du gerade?" - ist kein Zeichen von Mut, sondern Dummheit. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Stimmung zwischendurch ein wenig absackt. Wenn einer meint, er müsste seine Frau unbedingt davon in Kenntnis setzen, wie gern er einmal mit der Studentin von nebenan "Shades of Grey" nachspielen würde oder dass er jetzt viel lieber im Stadion als mit ihr beim Italiener wäre, kann er nicht erwarten, dass seine Ehrlichkeit auf Begeisterung trifft. Für solche Situationen gibt es doch weiß Gott bessere Antworten. Vielleicht nicht unbedingt ehrliche. Aber erfreulichere bestimmt.

Andersherum haben die meisten Menschen kein Problem damit, sich selbst zu belügen. Fragt man sie nach ihrem Gewicht, liegen sie immer ein paar Kilos unter der Realität. Sprechen sie über ihre Hobbys und Lieblingskünstler, kommt in der Antwort weder "Fernsehen" noch der Name "Mario Barth" vor. Wer um jeden Preis ehrlich sein will, sollte sich vor den Spiegel stellen und sich die Wahrheit ins Gesicht sagen. Da trifft es wenigstens den Richtigen.

© Süddeutsche.de/leja/rus
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