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Rituale:Nochmal, Papa, nochmal - und zwar genau wie immer

(Foto: Illustration Ahaok)

Vom Geburtstagsmorgen bis zum Ins-Bett-bring-Szenario: Kinder lieben Wiederholungen, gepaart mit einer Spur Sinnfreiheit. Doch unser Autor hasst Rituale. Wer gewinnt?

Zuerst wird Frieda ins Bett gebracht. So wie immer. Den linken Arm aufs Deckchen, frisch aufgeschüttelt. Den rechten da­runter. Dann ein Gutenachtlied, dann ein zweites. "So wie immer", bestimmt die Fünfjährige. Frieda ist ihre Puppe. Bevor Frieda nicht schläft, brauche ich beim Kind erst gar nicht anzufangen.

Es ist etwas, was einem vorher niemand so recht sagt. Ein gut gehütetes Geheimnis von Familien. Eben lebte man noch frei, impulsiv, spontan ("Saugute Musik hier. Kommste?" - "Gib mir 20 Minuten.").

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Und plötzlich - ein, zwei Kinder genügen - verbringt man ganze Tagesphasen mit nichts anderem als dem Nachgezappele einstudierter Rituale: vom an die Scheibe gehauchten immer gleichen Abschiedssmiley am Kita­fenster bis zur Bettgehprozedur, von Osterzopf bis Geburtstagszug. Und wenn die Digitaluhr eine Schnapszahl zeigt, den Zeigefinger auf die Nase drücken (was man sich dabei wünscht, darf man natürlich nicht verraten). Mann! Wir waren doch verrückte Hühner - zu allem bereit, immer anders, immer quer. Und jetzt? Käfighaltung.

Das kann, um gleich mal weit auszuholen, in den absoluten Irrsinn führen: Während des Zweiten Weltkriegs wurden die auf pazifischen Inseln stationierten US-Soldaten aus der Luft versorgt. Flugzeuge brachten haufenweise Kleidung, Essen, Baumaterial. Die indigenen Völker, die ebenfalls auf den Inseln lebten, gewöhnten sich bald an die Cargo-Lieferungen: Sie sahen darin Geschenke ihrer Ahnen und Vorfahren, absolut magisch. Mit Kriegsende riss die Versorgung aus der Luft abrupt ab, für die Einwohner so überraschend wie unerklärlich. Jahrzehntelang versuchten sie mit Ritualen, die alte Ordnung wiederherzustellen, sie treten neue Landebahnen in den Sand, bauen aus Bambusrohren Tower, bewegen ihre Arme wie US-Fluglotsen.

Wie oft zappeln wir selbst irgendeinen Popanz, nur damit das Kind isst, schläft, Trompete übt? Ich glaube an den Wert von Spontaneität, an das echte Reagieren aufeinander jenseits des Protokolls - samt aller Unwägbarkeiten. Ich habe mir vorgenommen, Rituale Stück für Stück auszudünnen. Mehr Diesseits, weniger Jenseits - ein Hoch auf die Säkularisierung der Kindheit! (Für den Osterhasen können wir ja eine Ausnahme vereinbaren.)

Wiederholung mit einer Spur Sinnfreiheit: Kinder lieben Rituale

Aber: Es ist ein harter Entzug. Denn Kinder sind Ritualjunkies. Ein-, zweimal angefixt - und schon sind sie drauf: Ein-, zweimal "Hubschrauber sucht Landeplatz ..." genügen - und schon ist absolut nichts mehr ohne Hubschrauber-Breilöffel ins Baby hineinzubekommen. Puppe Frieda ist unauffindbar? Eine Fünfjährige auf Turkey. Rituale sind richtig harter Stoff. Denn sie kombinieren zwei Dinge, die passgenau an das Suchtprofil von Kindern andocken: Wiederholung (bitte noch mal dieselbe Geschichte von gestern) mit einer Spur Sinnfreiheit (nicht auf Gehwegfugen treten, bei Oreo zuerst das Weiße rausschlecken, Gulligulli Ramsamsam).

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Natürlich haben die wenigsten Eltern wirklich Lust auf das sich ewig wiederholende Tamtam der kleinen Zeremonienmeister. Es ist ein Deal. Eltern machen die Rituale mit - und bekommen dafür Planungssicherheit: zwei Bilderbücher, nicht drei. Den einen, allerletzten Gutenachtkuss durch die runde Aussparung im Hochbett - und nicht sieben. Sonntags Nutella aufs Brot - und zwar nur sonntags. Erziehungsratgeber geben Schützenhilfe: Sie sprechen von Identität und familiärem Code: "Ein DNA-Plan unserer Kultur". Rituale, behaupten sie, erden und machen glücklich. In turbulenten Zeiten (Scheidung, Pubertät, Trump) geben sie unseren Kindern Halt, schützen vor den Auswüchsen der Optionsgesellschaft. Es gibt Millionen Möglichkeiten, was und wie man etwas tun kann, das Ritual weiß, wie es gehört: so wie immer.

Die Elternmühle als Bühnenstück, Aufführung mehrmals täglich

Und genau das ist das Problem: Wenn immer schon klar ist, was als Nächstes passieren muss, ist das im besten Fall langweilig. Und was - liebe Erziehungsratgeber - soll das eigentlich heißen, Rituale könnten ein Stück Vorhersehbarkeit in eine unübersichtliche Welt zurückbringen? Nach "Pieppieppiep" kommt Essen? Klingt verdammt nach Cargo-Lieferung.

"Du könntest dich", schlage ich der Fünfjährigen vor, "doch heute mal andersrum ins Bett legen." An der Art ihres Blicks und der Länge der Pause erkenne ich das Ausmaß meiner eigenen Hilflosigkeit. "Okay, Papa", sagt sie irgendwann, "aber nur kurz." Schließlich müsse ich danach die Puppe ins Bett bringen.

"Wer geht noch mit tanzen?", tippe ich heimlich in die Ex-Philo-Studi-Gruppe, während ich das zweite Frieda-Lied anstimme. Vielleicht geben Rituale ja auch einfach nur der Elternmühle eine sichtbare Gestalt. Sie sind Bühnenstücke, die immer das eine Thema haben: das Teilchen-im-Trott-Gefühl, Aufführung mehrmals täglich. Mein Handy brummt. "Topidee. Gerade so: Erschöpfung", "Muss mit Finn zur U8, morgen um 9", "Sonntags machen wir doch immer Pärchenabend". Keiner antwortet "Gib mir 20 Minuten" - selbst der Kumpel ohne Kinder nicht. Ich schaue auf die Uhr - 22:22 Uhr. Ich drücke reflexartig den Finger auf die Nase: Ahnen, hört ihr mich?

Süddeutsche Zeitung Familie
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