Resozialisierung:"Gefängnis ist keine Lösung"

Bernd Maelicke

Bernd Maelicke hat ein Buch über den irrationalen Umgang mit Kriminalität in Deutschland geschrieben.

(Foto: Privat)

Geschätzte vier Milliarden Euro zahlt der Staat jedes Jahr für den Strafvollzug in Deutschland. Dennoch wird fast jeder zweite Entlassene wieder rückfällig. Bernd Maelicke, Jurist, Sozialwissenschaftler und Entwickler von Resozialisierungsprojekten, wundert das nicht. Die Politik könnte viel mehr tun, um die Gesellschaft vor Wiederholungstätern zu schützen, sagt er. Indem sie weniger Menschen einsperrt. Gerade hat er ein Buch über das "Knast-Dilemma" geschrieben.

Von Anna Fischhaber

SZ: Herr Maelicke, Sie sind heute Resozialisierungsexperte. Dabei wären Sie selbst fast auf der schiefen Bahn gelandet. Wie kam es dazu?

Bernd Maelicke: Mein Vater starb 1945 im Krieg, meine Mutter war plötzlich allein mit zwei kleinen Kindern im zerbombten Berlin. Also kam ich als Sechsjähriger zu meinem Großvater und seiner zweiten Frau nach Göttingen. Aber die beiden alten Menschen blieben mir fremd, ich litt sehr unter der Trennung. Freunde fand ich auf der Straße. Als Zwölfjähriger gehörte ich zu einer Bande, die Überfälle machte. In der Schule wurde ich immer schlechter, meine Pflegeltern waren überfordert, schließlich schaltete sich das Jugendamt ein. Ich sollte in ein Fürsorgeheim in den Harz. Heute wissen wir, wie Kinder damals dort missbraucht und gebrochen wurden.

Was hat Sie gerettet?

Gerade noch rechtzeitig holte mich meine Mutter zu sich. Wir lebten als Flüchtlinge in einem Dorf am Bodensee, ich fand neue Freunde, kam aufs Gymnasium, wurde sogar Klassensprecher. Das war der Wendepunkt in meinem Leben. Die meisten Gefangenen, die ich später kennenlernte, haben ähnliche Biografien, haben auch eine lieblose Kindheit in einem sozial schwachen Milieu erlebt. Nur gab es in ihrem Leben keinen positiven Wendepunkt.

Sie haben ein Buch über den irrationalen Umgang mit Kriminalität in Deutschland geschrieben. Wieso irrational?

Das Gefängnis ist keine Lösung. Das belegen die seit Jahrzehnten konstant hohen Rückfallquoten. Im Knast wird nicht wirklich resozialisiert, im Gegenteil: Da gibt es Drogen und eine gewalttätige Subkultur, der sich keiner entziehen kann und die Häftlinge noch mehr kriminalisiert. Ein aktuelles Beispiel ist Charlie Hebdo: Die Attentäter wurden im Gefängnis radikalisiert. Zudem hat das Leben im Knast nichts mit dem Leben draußen zu tun. Die Häftlinge werden jeden Morgen geweckt, bekommen Vollpension, haben nur gleichgeschlechtliche Kontakte. Alles ist reglementiert, die totale Kontrolle. Was sie lernen, befähigt sie in erster Linie zum Überleben im Knast. Wenn sie entlassen werden, sollen sie dann plötzlich Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Wie soll das funktionieren?

Sind Sie dafür, Gefängnisse ganz abzuschaffen?

Daran glaubte ich als Student in den 68ern, damals habe ich auch angefangen, als ehrenamtlicher Betreuer im Gefängnis zu arbeiten. Die Entlassungsgruppe in der Anstalt in Freiburg hat mich schnell davon abgebracht. Ich wollte mit den Gefangenen über die Abschaffung diskutieren, aber sie haben mich geerdet, haben gesagt, ich soll mit dem Quatsch aufhören. Wichtiger war ihnen, ihre Alltagsprobleme zu bewältigen. Ihre Schulden, ihre Drogensucht, ihr sozialer Status hatten sich im Gefängnis verschlimmert. Inzwischen weiß ich, dass es zahlreiche Häftlinge gibt, vor denen man zumindest zeitweise die Gesellschaft schützen muss.

Welche Häftlinge sind das Ihrer Meinung nach?

Bei Straftaten wie Organisierter Kriminalität, Mord, Vergewaltigung und anderen gefährlichen Straftaten hat das Gefängnis als letztes Mittel einen Sinn. Aber nahezu die Hälfte der Gefangenen in Deutschland sitzt eine Strafe unter einem Jahr ab. Das geht es überwiegend um Straftaten leichterer und mittlerer Deliktschwere. Das sind Kleinkriminelle, auch Warenhausdiebe und Schwarzfahrer. Sie bekommen zu Beginn ihrer "Karriere" nur eine Geld- oder Bewährungsstrafe. Aber weil sie Wiederholungstäter sind, eskaliert die Justiz und sie müssen ins Gefängnis.

Was soll stattdessen mit notorischen Einbrechern passieren? Muss man die Gesellschaft nicht auch vor ihnen schützen?

Doch, aber wir wissen, dass mit einer intensiven Einzelbetreuung die besten Erfolge erzielt werden können. Beispiel Kalifornien: Arnold Schwarzenegger hat die Zahl der Häftlinge extrem gesteigert. Aber je mehr Menschen er weggesperrt hat, umso höher wurde die Rückfallquote. Ambulante Maßnahmen wie die Bewährungshilfe und die Straffälligenhilfe freier Träger sind viel erfolgreicher. Sie müssen aber dringend personell und finanziell besser ausgestattet werden. In Deutschland fehlen 1000 Bewährungshelfer.

"So naiv, dass ich glaube, wir könnten alle resozialisieren, bin ich nicht"

Aber es gibt doch auch Straftäter, die behandlungsresistent sind?

JVA in Stuttgart-Stammheim

Die JVA in Stuttgart-Stammheim. Bernd Maelicke will die Zahl der Häftlinge reduzieren.

(Foto: Daniel Naupold/dpa)

Das ist leider wahr. Jeder Mensch entscheidet sich immer wieder neu, ob er Straftaten begeht. Ich erinnere mich noch gut an einen Gefangenen in der JVA Lübeck. Bei ihm sind über Jahrzehnte alle Resozialisierungsmaßnahmen gescheitert. Er beging noch am Tag seines Ausbruchs einen Mord. So naiv, dass ich glaube, wir könnten alle resozialisieren, bin ich nicht. Aber ich bin sicher, wir können die Rückfallquoten massiv senken, indem wir Gefängnisaufenthalte reduzieren und die Bewährungshilfe und die freie Straffälligenhilfe ausbauen.

Sicherheit können Sie aber so auch nicht garantieren.

Sicherheit garantieren auch Gefängnisse nur zeitweise: 96 Prozent der Straftäter in Deutschland werden irgendwann wieder entlassen. Darunter sind auch ehemals gefährliche Häftlinge. In Lübeck ist gerade ein Mann nach Jahrzehnten mit bestmöglich abgesicherter Prognose entlassen worden und hat erneut jemanden mit einem Messer überfallen. Die Gutachter sind zwar überaus vorsichtig, aber absolute Sicherheit gibt es nicht.

Eine Strafe sollte doch auch gerecht sein. Beispiel Uli Hoeneß: Sollen wir prominenten Wirtschaftskriminellen das Gefängnis ersparen?

Wäre eine Verurteilung zu einer langjährigen gemeinnützigen Arbeit und einer Geldbuße in Millionenhöhe an Projekte zur Verringerung von Jugendkriminalität nicht sinnvoller und gerechter gewesen? Schließlich hat Hoeneß das Gemeinwohl geschädigt! Stattdessen ist er nun im offenen Vollzug und kümmert sich beim FC Bayern um die Jugendarbeit. Er hat sein altes Chefbüro wieder bezogen und seinen Fahrer wieder, er ist nun ein "Edelknacki", wie es viele andere gibt. Verstehen wir das unter Resozialisierung? Das ist doch kein sozial gerechtes Urteil und keine konstruktive Konfliktlösung.

Es gibt auch ja die Idee, dass ein Straftäter hinter Gittern seine Lektion lernt. Dass er seine Tat bereut, ein anderer Mensch wird. Nur eine naive Hoffnung?

Ganz und gar nicht. Das gibt es immer wieder. Der Fall eines Steuerhinterziehers aus Bayern ist bekannt, der im Gefängnis zu Gott gefunden und sein Leben verändert hat. Aber es kann nicht die Aufgabe des Staates sein, dass ein Einzelner möglicherweise Sühne empfindet. Staatliches Ziel ist die Resozialisierung - das sagt auch das Bundesverfassungsgericht. Zudem werden jedes Jahr etwa 50.000 Menschen aus dem Gefängnis entlassen - das entspricht etwa der Einwohnerzahl Passaus. Insgesamt leben heute mehr als 800.000 Entlassene in Deutschland, das sind unsere Nachbarn, manchmal auch unsere Freunde. Das ist eine starke Integrationsleistung der Gesellschaft. Aber viele von ihnen werden wieder rückfällig. Da muss man sich schon fragen, ob wir die Milliarden, die der Strafvollzug kostet, richtig investieren.

Und das tun wir nicht?

Ich glaube nicht mit ausreichender Rationalität und Wirksamkeit. Es gibt Berechnungen, wie hoch der volkswirtschaftliche Schaden durch Rückfälle ist. Im ersten Jahr nach der Entlassung ist die Gefahr besonders hoch. Wir brauchen kriminologisch abgesicherte Ziele: weniger Gefangene, mehr ambulante Betreuung. Wir müssen bei den "richtigen" Gefangenen die Sozialtherapie und den offenen Vollzug intensivieren und den Übergang in die Freiheit professioneller gestalten. Schleswig-Holstein ist ein gutes Beispiel für eine rationale Kriminalpolitik. Das Land hat eine ähnliche Sozialstruktur wie Rheinland-Pfalz, auch die Kriminalitätsstatistik ist vergleichbar. Doch statt 80 haben wir nur noch 40 Gefangene pro 100.000 Einwohner. Entsprechend weniger kostet der Vollzug, wir konnten die Ausgaben dadurch umschichten: Wir haben die Bewährungshilfe, die Gerichtshilfe und die freie Straffälligenhilfe ausgebaut. Die Kriminalitätsrate ist nicht angestiegen.

Wurden so auch die Rückfallquoten gesenkt?

Das glaube ich schon. Allerdings kann ich das nicht empirisch beweisen. Es gibt dazu leider keine kriminologische Forschung. Ein weiterer Schwachpunkt unseres Systems. Aber die Formel stimmt: Viele Gefangene bedeuten viele Rückfälle, weniger Gefangene weniger Rückfälle.

"Unser System vernachlässigt die Opfer"

Sie schreiben, auch die Kriminalität von jugendlichen Intensivtätern könnte massiv reduziert werden. Das klingt so einfach.

Den Nachweis haben wir in Köln mit dem RESI-Projekt erbracht. Im Zentrum stand für jugendliche Intensiv- und Wiederholungstäter eine eins-zu-eins-Betreuung. Sozialarbeiter waren rund um die Uhr erreichbar, haben die Jugendlichen, wenn nötig, morgens zum Arbeiten geweckt, haben sie auch im Drogen- oder Prostitutionsmilieu nicht allein gelassen. 8500 Euro hat das im Jahr pro Jugendlichen gekostet. Im Vollzug wären das jeweils 40.000 Euro gewesen. Nach dem Knast wird knapp die Hälfte der Jugendlichen wieder rückfällig, im RESI-Projekt waren es nur 13 Prozent. Ein Erfolg, dennoch wollte das Land NRW die Finanzierung nicht übernehmen. Wir können Rückfälle nicht verhindern, aber wir können sie mit Projekten wie RESI massiv reduzieren. Die Politik muss nur mehr Verantwortung übernehmen.

Viele Politiker fordern lieber "Wegsperren für immer".

Das bringt Mehrheiten. Roland Koch in Hessen zum Beispiel oder Ronald Schill in Hamburg haben damit Wahlen gewonnen. Unter kriminologischen Kriterien sind ihre Forderungen absolut irrational und auch unverantwortlich. Natürlich verringert eine Inhaftierung erst einmal das Risiko. Wir haben in Deutschland die sichersten Gefängnisse der Welt. Nur werden fast alle Häftlinge irgendwann wieder entlassen. Zum Glück gibt es auch andere Politiker und immer mehr Leuchtturmprojekte. Aber flächendeckend gibt es noch immer kein optimales Resozialisierungssystem.

Ihr Buch dreht sich vor allem darum, wie wir Täter erfolgreicher resozialisieren können. Was ist mit den Opfern?

Unser System vernachlässigt auch die Opfer. Sie sind vor Gericht häufig nur Mittel zum Zweck, um den Täter verurteilen zu können. Auch heute könnten die zivilrechtlichen Ansprüche schon im Straf-Prozess geklärt werden. Der Täter-Opfer-Ausgleich ist bei uns jedoch nur bei Bagatelldelikten verbreitet. Selbst in den USA gibt es eine breite Bewegung für mehr Mediation zwischen Opfer und Täter.

Manche Opfer wollen das lieber nicht ...

Ich kann die Menschen gut verstehen, die nur noch wollen, dass der Täter bestraft wird. Immerhin haben Opfer mittlerweile das Recht zu erfahren, wann der Täter wieder entlassen wird. Viele müssen dann begleitet und stabilisiert werden. Das Problem ist, dass in Deutschland die Opferhilfe zu wenig finanziell unterstützt wird. Aber die Straffälligenhilfe nutzt auch Opfern: Gerade sie haben ein Interesse daran, dass die Resozialisierung funktioniert. Damit sie dauerhaft sicherer leben können.

Bernd Maelicke: Das Knast- Dilemma. Wegsperren oder resozialisieren? Eine Streitschrift. Erschienen bei C. Bertelsmann.

© SZ.de/vs/rus
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