Reden wir über Liebe:"Liebe ist die beste Medizin"

Reden wir über Liebe: Münstersche Wieselmeerschweinchen können so etwas wie Liebe emfinden, glaubt Norbert Sachser, Professor für Verhaltensbiologie.

Münstersche Wieselmeerschweinchen können so etwas wie Liebe emfinden, glaubt Norbert Sachser, Professor für Verhaltensbiologie.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Verhaltensbiologe Norbert Sachser erklärt, was wir Menschen von der tierischen Liebe lernen können. Und warum es auch bei Meerschweinchen so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt.

Interview von Anna Fischhaber

Norbert Sachser ist Professor für Verhaltensbiologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Dort hat er auch Meerschweinchen beobachtet - mehr als irgendjemand sonst wahrscheinlich. Herausgefunden hat er unter anderem: Es gibt auch bei Nagetieren "Softie"-Männer und "Macho"-Frauen und so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Derzeit schreibt er ein Buch über den Menschen im Tier. Ein Gespräch über Liebe unter Tieren - und was wir Menschen davon lernen können.

Lieben Tiere wie wir, Herr Sachser?

Bei Küchenschaben bin ich da eher skeptisch. Oder bei Quallen und Seeigeln. Aber Säugetiere haben ziemlich sicher Emotionen.

Emotionen wie sie ein Mensch auch hat?

Zumindest die einfachen Emotionen sind ähnlich, wenn nicht gar identisch. Angst oder Freude zum Beispiel: Wenn man Ratten kitzelt, zeigen sie dabei alle Charakteristika des menschlichen Lachens. Auch wenn man das Kichern nur im Ultraschallbereich hören kann, merkt man ihnen an, wie sie es genießen und wieder einfordern. Aber auch etwas kompliziertere Emotionen wie Eifersucht scheint es zu geben: Es gibt Versuche mit einem Hunderoboter, auf den Hunde mit Knurren oder Wimmern reagieren. Streichelt das Frauchen oder Herrchen stattdessen einen Halloween-Kürbis, passiert nichts.

Kann man von dieser Eifersucht auch auf das Vorhandensein einer Emotion wie Liebe schließen?

Theoretisch ja. Allerdings unterscheiden wir beim Menschen zwischen Emotion und Gefühl. Ein Gefühl, so sehen es die Philosophen, ist das Wissen um die Emotion. Es könnte also durchaus sein, dass ein Biber liebt, es aber nicht weiß. Beim Mensch kommt der Kopf dazu, die Zukunftsplanung. Das hat durchaus Vorteile: Wir haben die Chance, an der Beziehung zu arbeiten, wenn die Liebe mal nachlässt oder das gemeinsame Leben nicht mehr funktioniert. Tierische Liebe dagegen kennt nach heutigem Wissensstand solche kognitiven Elemente nicht.

Was können Menschen von der tierischen Liebe lernen?

Manchmal überrascht es, wie lange Menschen an einer unglücklichen Beziehung festhalten. Erwachsene Tiere bleiben nur zusammen, wenn die Beziehung funktioniert, wenn ihnen die Beziehung nutzt.

Das klingt nicht gerade romantisch. Dennoch sprechen Sie bei Meerschweinchen von Liebe?

In Lehrbüchern der Verhaltensforschung finden Sie den Begriff Liebe nicht; eigentlich taucht er nur bei Papageien auf. Da gibt es Paare, die unzertrennlich sind. Sie sind ständig im Körperkontakt, hocken ein Leben lang zusammen, und wenn einer stirbt, stirbt auch der andere. Im Englischen heißt diese Art passenderweise "Lovebirds". Ähnliche dauerhafte soziale Bindungen kennen wir allerdings auch bei einigen Säugetierarten, den Spitzhörnchen oder den von uns vor einigen Jahren entdeckten Münsterschen Wieselmeerschweinchen. Auch hier würde ich den Begriff Liebe gelten lassen. Zumal diese Tiere genau wissen, wen sie wollen und wen nicht.

Das müssen Sie genauer erklären.

Die Münsterschen Wieselmeerschweinchen führen ein einfaches Leben, sie interessieren sich vor allem für ihr Futter und die Fortpflanzung. Dennoch gehen sie dauerhafte Beziehungen ein. Bei der Wahl des Partners zeigen sie deutliche Präferenzen. Wenn man ein unbekanntes Männchen und Weibchen zusammensetzt, sieht man, dass sie sich längst nicht immer mögen. Im Gegenteil: Sie gehen sehr selektiv vor. Nur in etwa zehn Prozent der Fälle sehen sie sich - und es passt sofort.

Das klingt wie Liebe auf den ersten Blick. Zählt wie beim Menschen der erste optische Eindruck?

Das wissen wir nicht genau, es könnte auch der Geruch sein. Oder sie geben Töne ab, die wir nicht hören. Was wir wissen, ist, dass, wenn sie sich mögen, sie sehr schnell kuscheln und sich auch reproduzieren - und wie gut ihnen das tut. Wenn das Paar harmonisch ist, wirkt sich das auf den Gesundheitszustand aus. Oder anders ausgedrückt: Liebe ist die beste Medizin. Die Beziehung regelt das Stresslevel herunter und steigert das gesamte Wohlbefinden. Von anderen Arten, wie den Spitzhörnchen, wissen wir, dass eine harmonische Beziehung auch dem Herzkreislaufsystem und dem Immunsystem gut tut.

Wann ist ein Paar harmonisch?

Ob die Chemie stimmt, liegt vor allem am Oxytocin. Beim Menschen spricht man ja auch von dem Liebes- und Bindungshormon - erforscht wurde es allerdings ursprünglich an den amerikanischen Präriewühlmäusen. Wenn sie bei der Paarung Oxytocin ausschütten, sind die Weibchen hinterher sehr nett zu den Männchen, und die beiden bleiben in der Regel zusammen. Wenn die Oxytocinrezeptoren hingegen geblockt werden, sind die Weibchen hochaggressiv und verscheuchen die Männchen nach dem Sex.

Bei den Menschen spielen meist noch andere Dinge in einer Beziehung eine Rolle. Treue zum Beispiel.

Richtig, Tiere sind ihrem Paarungspartner aber selten treu. Nur drei bis fünf Prozent der Säugetierarten sind monogam und interessanterweise sind das nicht die nächsten Verwandten des Menschen, sondern beispielsweise Münstersche Wieselmeerschweinchen, Biber, Spitzhörnchen. Und man muss zwischen monogamer sozialer Beziehung und monogamem Paarungssystem unterscheiden. Früher dachte man, Singvögel seien der Inbegriff der Treue. Sie sitzen zusammen im Nest, brüten gemeinsam die Eier aus und ziehen die Jungen auf. Mit dem DNA-Fingerabdruck kam die große Überraschung. Bei den Kohlmeisen etwa stammen bis zu 80 Prozent der Kinder gar nicht von dem Männchen im Nest. Erst dachte man: Die Männchen gehen fremd, aber es sind die Weibchen.

Warum tun sie das?

Wahrscheinlich, weil sie mit höchster Effizienz ihre Gene weitergeben wollen. Wenn die besten Reviere und Männchen schon besetzt sind, dann müssen sie eben per Fremdbefruchtung ihre Fortpflanzung optimieren. Zur Aufzucht brauchen sie dann ein anderes Männchen.

Stört es die Vögel nicht, wenn sie ständig betrogen werden?

Zumindest haben manche clevere Gegenstrategien entwickelt, die Rauchschwalben etwa. Wenn das Männchen das Weibchen nicht im Nest vorfindet, gibt es einen Warnruf von sich. Das Männchen täuscht also einen Feind vor, damit das Weibchen sofort nach Hause kommt. Denn wenn es Gefahr fürchtet, unterbricht das Weibchen alles, was es gerade tut - selbst die Kopulation.

Tut der männliche Vogel das aus Eifersucht wie der Mensch?

Das wissen wir nicht. Klar ist nur, dass sich diese Strategie im Laufe der Evolution entwickelt und durchgesetzt hat, weil sie den Fortpflanzungserfolg der Männchen erhöht.

Wenn die Strategie der Kuckuckseier sich in der Tierwelt bewährt hat, warum hat sie sich nicht auch in der menschlichen Fortpflanzung etabliert?

Da wäre ich mir nicht so sicher! Auch in menschlichen Gesellschaften gibt es dieses Phänomen, wenn auch - nach den vorliegenden Zahlen - nicht in dem Ausmaß.

Wenn man sich manche Vögel anschaut, kann man fast neidisch werden: Da werden Räder geschlagen, Lieder gesungen und kunstvolle Nester gebaut, um das andere Geschlecht zu beeindrucken.

Das gibt es bei Säugetieren einschließlich des Menschen auch. Schauen Sie sich beispielsweise den röhrenden Hirschen an. Allerdings muss man aufpassen, das Verhalten der Tiere nicht eins zu eins auf den Menschen zu übertragen. Wenn das Meerschweinchen seinen Balztanz aufführt - und der sieht wirklich beeindruckend aus, fast wie Rumba - will ich das nicht mit dem Typ in der Disko gleichsetzen, der die Hüfte schwingt, um eine Frau auf sich aufmerksam zu machen.

Aber geht es nicht in beiden Fällen um Sex?

Nicht unbedingt. Beim Mensch wie beim Tier kann es auch darum gehen, erst einmal eine Bindung aufzubauen. Der Unterschied ist, dass beim Menschen erneut kognitive Elemente hinzukommen: Hoffnung etwa, Fantasie und möglicherweise Selbstreflexion. Der Typ in der Disco könnte denken, dass die Frau denkt, den finde ich gut. Solche Gedankengänge würde ich beim Tier eher nicht erwarten.

Immer wieder kommt es auch bei Tieren zu ungewöhnlichen Konstellationen: Da liebt ein Schwan ein Tretboot oder ein Tiger kuschelt mit einer Ziege.

Im Fall des Schwans aus Münster wurde viel über romantische Liebe auf den ersten Blick geschrieben, aber das ist Quatsch. Höchstwahrscheinlich handelt es sich um einen Fall sexueller Fehlprägung, die auf Erfahrungen in der Kindheit zurückging. Vielleicht hat der Schwan in der entscheidenden Phase etwas Ähnliches wie das Boot vor Augen gehabt. Beim anderen Beispiel würde ich bestenfalls von temporärer Freundschaft reden. Die Ziege in dem russischen Zoo war eigentlich als Futter für den Tiger gedacht. Doch die beiden verstanden sich ganz gut. Meine Einschätzung war damals: Das geht nicht lange gut, und so war es dann auch. Menschen wollen so etwas manchmal nicht sehen.

Was ist für Sie wahre Liebe?

Als Biologe würde ich sagen: Liebe fällt nicht vom Himmel, sondern ist ein natürliches Phänomen. Und wahre Liebe gibt es bei Mensch und Tier nur dann, wenn sie dauerhaft mit mehr positiven Emotionen verbunden ist als alles sonst auf der Welt.

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