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Rape Culture:Nein heißt Nein - und jetzt?

Seit Kurzem gilt nach deutschem Recht der feministische Grundsatz "Nein heißt Nein". Eine Errungenschaft?

Juristisch finde ich das richtig und sinnvoll. Das Problem am Grundsatz liegt eher abseits der Rechtsprechung: Mädchen lernen in der Schule Nein zu sagen und Jungs lernen, ein Nein zu akzeptieren. Wir sollten alle beides lernen. Und natürlich zuerst einmal überhaupt herausfinden, was wir überhaupt wollen und wie wir das kommunizieren.

Welche Rolle spielt das Urteil im Fall Gina-Lisa Lohfink in der Debatte?

Da heißt es jetzt im Nachhinein, es wurde bewiesen, dass sie gelogen hat. Aber bewiesen ist gar nichts. Es musste eben jemand eine Entscheidung treffen, so ist das in Prozessen. Richter sind keine Hellseher, sie versuchen herauszufinden, was nachweisbar ist. Ein Urteil sagt nichts über Wahrheit und Unwahrheit aus.

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Befürworten Sie eine Konsensregelung, wie sie etwa in Großbritannien proklamiert wird?

Dort gilt der Slogan " Ja heißt Ja". Das ist emotional erst einmal schön als Botschaft. Da sich aber die Geschlechtervorstellungen nicht verändert haben, heißt das in der Praxis in England: Wenn zwei Betrunkene miteinander Sex haben und es danach zu einer Anzeige kommt, kann der Mann verurteilt werden, weil er immer die Kontrolle über seine Sexualität haben und erkennen müsse, dass sie keine "informierte Einwilligung" geben konnte. Das finde ich schwierig.

Wie können wir Vergewaltigungen dann verhindern?

Die feministische Forderung ist: Man soll nicht Menschen beibringen, nicht vergewaltigt zu werden, man soll Menschen beibringen nicht zu vergewaltigen. Wir alle sollten also lernen, besser zu kommunizieren und nicht einfach - so wie es mir eingeimpft wurde - einzufrieren und den Kontakt abzubrechen, wenn eine Grenze überschritten wurde. Wenn wir mit richtiger Sexualbildung anfangen würden, könnte sich viel ändern. Das müssen Experten übernehmen, die in die Schulen gehen, nicht immer die armen Lehrer, sondern zum Beispiel Konsens-Trainer, es gibt für sowas ja ganze Ausbildungen.

Im Buch beschreiben Sie auch kulturelle Faktoren, die Vergewaltigung fördern können.

Es gibt Studien, die das belegen. Hierarchische Strukturen gehören dazu, und ein Umfeld, in dem Empathie nicht so wichtig erscheint - wie zum Beispiel beim Militär. Alles, was unsere Gesellschaft egalitärer macht, ist ein Schritt zur Vergewaltigungsprävention.

Das klingt utopisch.

Was ich damit sagen will: Vergewaltigung kann nicht aus dem gesellschaftlichen Kontext herausgeschnitten werden. Es ist alles miteinander verbunden.

Der Begriff "Rape Culture", den einige Feministinnen häufig verwenden, hat also seine Berechtigung?

Ja, es gibt Faktoren, die auch in Deutschland Vergewaltigung fördern. Aber im Vergleich zu anderen Ländern stehen wir gar nicht so schlecht da. Wir haben keine absoluten Zahlen, aber es haben sich schon Dinge verbessert - zum Beispiel im Umgang von Gerichten oder der Polizei mit den Opfern. Außer in Fällen wie Gina-Lisa Lohfinks. Die Veränderung des Vergewaltigungsparagraphen, dass jetzt Nein heißt Nein gilt, ist ein ganz großer Schritt. Das heißt nicht, dass alles prima geworden ist. Aber es bewegt sich was.

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