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La Boum:Die Landflucht

La Boum

Illustration: Steffen Mackert

Unsere Pariser Kolumnistin hat Fieber und wird von ihrem historischen Gewissen getadelt. Immerhin gibt es Trüffel.

Von Nadia Pantel

Ich konnte die Frau gut sehen, aber kaum hören. Für einen Telefonanruf ist das ungewöhnlich. Die Frau saß hinter der Fensterscheibe eines Baucontainers, in einem improvisierten Corona-Testzentrum in einem sehr kleinen Dorf im Périgord. Das ist eine Region im Südwesten Frankreichs, in der anscheinend auf jeden tausendsten Trüffel ein Handymast kommt. Es gibt hier viele Trüffel, aber mehr als tausend dann wohl doch nicht. Am Fenster des Corona-Testcontainers stand, man möge bitte anrufen, bevor man hereinkommt. Auf der halbstündigen Fahrt zum Container hatte ich nicht ein einziges Mal genug Netz für diesen Anruf, nun stand ich davor und versuchte es erneut. Zum Glück hörte die Frau irgendwann den entscheidenden Satz: "Ich habe einen roten Pulli an und bin genau vor ihrem Fenster." Es wurde dann eine nette Unterhaltung ohne Telefon, in der wir schnell klären konnten, dass die Frau auch fand, Fieber sei ein guter Anlass für einen Corona-Test. Dass es ihr aber leider unmöglich sei, mich jetzt zu testen, weil gleich Mittagspause sei. Hier ist nämlich auch Steinpilz- und Nussregion.

Die Frage ist natürlich: Was macht die dumme Frau aus Deutschland mitten in der Pandemie im berühmten "désert médical", in der medizinischen Wüste? In Frankreich gilt die Regel: Je schöner die Landschaft, desto weniger Ärzte. Im Périgord ist es sehr schön. Aber weltweit gilt eben auch die Regel: Wollen Sie die Ansteckung mit einem Virus vermeiden, isolieren Sie sich. Als Emmanuel Macron vergangene Woche den dritten Lockdown verkündete, forderte er sogar aktiv dazu auf. Man möge sich in den nächsten Tagen bitte an den Ort begeben, an dem man sich für die kommenden vier Wochen zu isolieren gedenke. Gemeinsam mit einer befreundeten Familie beschlossen wir, die Kinderbetreuung von Paris aufs Land zu verlegen, bis die Schulen wieder aufmachen.

Ein bisschen blöd fanden die Freunde die Idee mit der Landflucht von Anfang an. Das lag an ihrem historischen Gewissen. "Die Bourgeoisie verlässt die Stadt, genau wie vor 150 Jahren", schrieb mir die Freundin, nachdem ich meine Bauernhof-Idee unterbreitet hatte. Die Freundin forscht zur Pariser Commune, zu der Zeit also, als die Arbeiter der Stadt die Republik ausriefen. Die Nicht-Revolutionäre verzogen sich damals zu befreundeten Land-Aristokraten. Und wer will in Frankreich schon Nicht-Revolutionär sein? Doch mangels brennender Barrikaden fanden wir uns alle im Périgord wieder. Kurz bevor wir uns dort bourgeoisen Tätigkeiten wie Homeschooling zuwenden konnten, schickte das Virus einen Gruß. Fieber und Panik. Ein Zustand, an den wir uns eigentlich gut gewöhnt haben, der aber unangenehm bleibt. "Wird schon nichts sein", sagt die Frau im Covid-Test-Container zum Abschied. Es stimmte zum Glück auch dieses Mal.

© SZ/chrm
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