Milch:Eine Wissenschaft für sich

Bio? Vollfett? Laktosefrei? Oder gleich Soja? Warum der Kauf einer Tüte Milch so schwierig ist

Christian Mayer

Mit der Milch verhält sich die Sache ein wenig so wie mit dem Privatfernsehen: Es gibt immer mehr Angebote, immer weitere Sparten, tolle Verpackungen uns sehr viel Marketing.

milch

Lange vorbei sind die Zeiten, als der Milchmann kam und einem keine Wahl ließ.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Irgendwann blickt gar keiner mehr durch, der nicht mit dem nötigen Tunnelblick auf sein Lieblingsprodukt zusteuert. Ein Besuch in einem Supermarkt am Münchner Marienplatz zeigt das Dilemma des staunenden Kunden.

Allein das Frischmilch-Sortiment füllt ein ganzes Kühlregal; die Hersteller scheinen einen total zersplitterten Markt bedienen zu wollen. Einfach nur eine Tüte Milch zu kaufen, geht schon lange nicht mehr, weil es unterschiedliche Fett- und Haltbarkeitsstufen, Verarbeitungsmethoden, Sicherheitsverschlüsse und Gütesiegel von Bio- und Ökobauernhöfen gibt.

Bleiben wir mal kurz vor der sogenannten Frischmilch stehen, die neuerdings auch wochenlang haltbar sein kann. Das Angebot reicht hier von der eher konventionellen Alpenvollmilch-Packung mit über modische Soja-Produkte bis hin zur naturbelassenen "Kuhmilch" einer Biomarke, die sich im schönsten Anthroposophen-Deutsch als "biologisch-dynamisch" bezeichnet. Und was, bitteschön, ist eine "Acidophilus-Milch" mit probiotischen Kulturen? Klingt eher nach Medikament, wozu der deutlich höhere Preis passt.

Als Kunde komplett verloren

Überhaupt Milchpreise - ein unendliches Thema! Die freundliche Angestellte zuckt bedauernd mit den Schultern. Angeblich soll die rechtsdrehende Milchsäure hilfreich sein im Kampf gegen Kalorien, wie auf Internet-Foren und Fett-Weg-Seiten kolportiert wird.

Komplett verloren ist der Kunde vor dem H-Milch-Regal, bei dem er sich erst mal für oder wider die Lactose entscheiden muss - den Milchzucker, den manche Erwachsene nicht mehr gut vertragen, was wiederum eine ganze Industrie erfreut, die mit laktosefreien Milchprodukten gute Geschäfte macht.

Als nächstes geht es wieder um Prinzipielles: Zu welcher Fettstufe soll man nur greifen? (Je mehr Personen in einem Haushalt leben, um so heikler wird diese Frage, besonders wenn auch noch Kinder kritische Konsumentscheidungen treffen.) Welche Sorte eignet sich am besten, wenn man gar keine Milch mag, sondern die Flüssigkeit nur in verdünnter Form verwendet, als weiße Grundlage zum Cappuccino? Latte-macchiato-Ideologen können darüber mit überschäumender Hingabe streiten.

Eine letzte Überlegung, bevor man eine Bauch- oder eine Kopfentscheidung trifft: Darf man ultrahocherhitzte Milch, die nur 0,3 Prozent Fett aufweist, überhaupt noch so nennen - oder handelt es sich nicht vielmehr um eine sterilisierte Scheinflüssigkeit, die Illusion eines ehemaligen Naturprodukts, das sich schon lange entmaterialisiert hat?

Ältere Menschen erinnern sich vielleicht mit Wehmut an die gute, alte Milchkanne, die man im Laden um die Ecke täglich auffüllen konnte. Oder an den Milchmann, der uns keine Wahl ließ. Ist schon lange her, dass Milch auch sauer werden konnte und nicht einfach nur muffig schmeckte wie ein abgestandenes Glas H-Milch. Schmeckt sie noch? Sie schmeckt am Ende noch immer, unsere individualsierte Lifestyle-Milch, auch wenn die Auswahl ein wenig schwieriger geworden ist.

© SZ vom 10.01.2009
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