Medizin und Wahnsinn (133):Malen nach Schmerzen

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Anstatt Sparmaßnahmen auf Kosten des Patienten durchzusetzen, sollte sich das Gesundheitswesen neuen Therapien öffnen. So ließe sich unter Umständen die "Kraft der Symbole" mobilisieren.

Werner Bartens

Dem Gesundheitswesen drohen Defizite in Milliardenhöhe. Die Kaufleute in den Gesundheitsministerien werden bereits zu modernen Kopfgeldjägern. Da der von ihnen angerührte Fonds wenig gebracht hat, planen sie Pauschalen und Pauschälchen. Demnächst werden in Krankenhäusern nicht nur wie bisher Sparschweine für die Kaffeekassen der Pflegekräfte stehen, sondern auch Spendendosen und Klingelbeutel für den Erhalt der Kliniken. Werden sie in Herzform modelliert oder anderen lebenswichtigen Organen nachempfunden, müsste jedem Angehörigen und jedem Patienten, der das Krankenhaus aufrecht verlassen kann, die Dringlichkeit klarwerden.

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Die neuen malenden Therapiemethoden versichern: "Jedes Zeichen hat eine eigene Schwingung". 

(Foto: ag.ddp)

Es ist schade, dass die Gesundheitsbürokraten so wenig auf Vorschläge aus der Mitte der Gesellschaft hören. Sparmöglichkeiten im Gesundheitswesen gibt es schließlich genug. Sie würden nicht mal auf Kosten der Patienten gehen, sondern sogar zur Genesung beitragen. Gemeint ist diesmal nicht die Stärkung der sprechenden Medizin, obwohl in diesem Bereich noch immense Effizienzreserven zu mobilisieren sind, wie das im Gesundheitsminister-Sprech gerne heißt. Gemeint ist vielmehr eine relativ neue Therapiemethode - die schreibende oder auch die malende Medizin.

In der schreibenden Medizin geht es nicht darum, in Arztbriefen, auf Rezepten und Verordnungen entscheidende Begriffe oder Medikamente wegzulassen, um Kosten zu sparen. Der Zugang ist viel direkter, näher am Patienten. Unter "Heilen mit Zeichen" wird beispielsweise "die Kraft ganz gezielt gesetzter Symbole" verstanden. Letztlich geht es wohl um so etwas wie gute Vibrationen, denn "jedes Zeichen hat eine eigene Schwingung", verrät die einschlägige Literatur. Offenbar gibt es aber auch viele Schwingungen, die wir nicht vertragen. Man muss nur das richtige Zeichen setzen, dann geraten die Schwingungen wieder in Einklang.

Schon der ewige Ötzi habe solche Heilzeichen aufgewiesen, argumentieren die Autoren. Der Gletschermann war ja, nach allem, was wir wissen, zu Lebzeiten nicht immer ganz auf der Höhe seiner Gesundheit, und besonders alt ist der Kollege vom Alpenhauptkamm ja wohl auch nicht geworden. Aber wer weiß: Vielleicht dienten seine Heilzeichen dem feigen Mörder, der ihm einen Pfeil in die linke Schulter schoss, als Zielscheibe und wirkten sich auch noch lebensverkürzend aus.

Wem die Zeichensprache zu abstrakt ist, der versuche es mit "Medizin zum Aufmalen". Die oft belächelte Grundschultechnik "Malen nach Zahlen" wird hier endlich ins Therapeutische erweitert, auch wenn der Ansatz ins Waldörfliche lappt. Letztlich geht es dabei ebenfalls um Schwingungen, wenngleich von der ignoranten Schulmedizin bisher wenig Resonanz auf die Methode kam. Das Volkswissen ist da längst weiter und weiß, dass es nicht nur für Maler ungesund ist, wenn einem etwas gegen den Strich geht.

Die Medizin zum Aufmalen lässt sich mühelos erweitern, auch wenn orthodoxe Kreise darauf beharren, nur esoterische Zeichen zu verwenden oder auf das Gekrakel vom Schamanen schwören, der direkt aus dem Reservat eingeflogen wurde. Auf Gipsbeinen haben Genesungswünsche zum Aufmalen ja schon lange ihren Platz. Organnäher, direkt auf der Haut, ist die Wirkung aber größer. Auf den rechten Oberbauch über die verfettete Leber kann man schreiben: "Du schaffst das!", neben das rasende Herz "Nur die Ruhe". Zynische Kommentare wie "keine Chance" sind kontraproduktiv. Kinder können auch Symbole wie Sonne, Blume und Wiese malen. Dann sollte man aber aufpassen, dass sie beim Malen eines freundlichen Sterns nicht unterbrochen werden, sodass nur ein Kreuz übrig bleibt.

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