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Reden wir über Liebe:"Sich zu trennen, ist eine reife Leistung"

Auch wenn's weh tut: Manchmal ist ein sauberer Schnitt die bessere Lösung.

(Foto: Illustration: Jessy Asmus)

Wer verlassen wird, hat das Mitgefühl auf seiner Seite. Dabei leiden meist beide. Ein Gespräch über den Mut, zu gehen. Und was daran feministisch ist.

Das Ende einer Beziehung ist häufig mit Angst, Schuld und Scham besetzt, vor allem bei Frauen. Deshalb verharren viele lieber in ihrem Unglück. Die dreifache Mutter Heike Blümner weiß aus Erfahrung, wie hart der Weg bis zu der Erkenntnis ist, dass man ohne den anderen besser dran ist. Und wieviel Mut und Kraft es benötigt, das auszuhalten. Gemeinsam mit der Autorin Laura Ewert hat Blümner der Freiheit, sich zu trennen, ein Buch gewidmet: "Schluss jetzt", erschienen bei hanserblau. Im Gespräch mit der SZ erklärt die 48-Jährige, wann es Zeit ist zu gehen. Und was Trennung mit Feminismus zu tun hat.

SZ: Bleiben oder gehen - was ist mutiger?

Heike Blümner: Sich zu trennen ist auf jeden Fall mutiger, als dauerhaft in einer Beziehung zu verharren, die unglücklich macht. Natürlich sind Beziehungen selten das reine Glück. Zu einer Partnerschaft gehören Kompromisse. Gute Kompromisse erkennt man daran, dass nicht immer nur einer profitiert. Wer sich aber über Jahre hinweg in einer Schleife des Aushaltens befindet, ohne Raum für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, verhält sich nicht mutig, sondern destruktiv. Auch Trennung kann aus Liebe geschehen - der Liebe zu sich selbst.

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Wie erkenne ich, dass es Zeit ist für die Trennung?

Das ist individuell verschieden. Manche scheitern an einer unterschiedlichen Auffassung von Sauberkeit, andere kommen mit sexueller Untreue klar. Paare können alles mögliche überstehen, solange sie miteinander kommunizieren. Wenn aber einer auf der Strecke bleibt und trotzdem an der Beziehung festhält, steht die Frage im Raum: Warum tut man sich das an? Auch bei Missbrauch, emotionaler oder physischer Gewalt sollte Trennung keine Frage sein. Mit einem Partner, der ein Doppelleben führt und den anderen systematisch betrügt, kann man keine Beziehung führen. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Menschen es nicht schaffen, sich zu lösen. Stattdessen überlegen sie: Was kann ich noch tun, um die Beziehung zu retten?

Können Sie erklären, warum Menschen in unglücklichen Beziehungen ausharren?

Zwei Gründe spielen eine Rolle: Angst und Schuldgefühle, vor allem bei Frauen. Viele fürchten sich vor dem, was danach kommt, dem Alleinsein, der finanziellen Ungewissheit. Dass da auch etwas Positives wartet, entzieht sich ihrer Vorstellungskraft. Hinzu kommt ein schlechtes Gewissen - dem Partner, den Kindern, oft auch den Eltern gegenüber. Weil man es nicht geschafft, nicht genug daran gearbeitet, nicht alles versucht hat. Gerade Frauen geraten durch eine Trennung häufig in einen moralischen Konflikt. Im Alter von 30 bekommen sie zu hören, dass ihre biologische Uhr tickt und die Wahrscheinlichkeit, einen Vater für ihre Kinder zu finden, schwindet. Sind sie älter, gelten sie als schwer vermittelbar. Haben sie Kinder, wird ihnen vermittelt, dass sie unverantwortlich handeln. Und dass sie als Alleinerziehende ohnehin keine Chance haben.

So gesehen wäre eine Trennung in gewisser Hinsicht ein feministischer Akt?

Zumindest bringt sie wichtige Aspekte des Feminismus ans Licht. Zum Beispiel wird erst nach einer Trennung klar, wie groß die finanzielle Benachteiligung von Frauen durch die traditionelle Rollenaufteilung sein kann. 63 Prozent aller verheirateten Frauen verdienen weniger als 1000 Euro im Monat. Sobald der schützende Kokon wegbricht, der das Einkommensgefälle abfedert, werden diese Frauen mit den Konsequenzen konfrontiert. Dann ist es nicht mehr "nur" ungerecht, dass der Kollege für dieselbe Funktion mehr verdient. Sondern existenzbedrohend.

Womit wir wieder in den Fünfzigerjahren angekommen wären, wo viele Frauen es sich einfach nicht leisten konnten, ihren Mann zu verlassen.

Mit dem Unterschied, dass sie heute die Wahl haben. Indem sie es gar nicht so weit kommen lassen, sich abhängig zu machen. Die meisten wissen das. Nur klappt die Umsetzung bisher nicht. Solange beide studieren oder arbeiten, ist alles gleich. Doch sobald Kinder ins Spiel kommen, werden Vorsätze und persönliche Lebensplanung zurückgeschraubt - noch immer vorwiegend von Frauen. Männer erarbeiten sich berufliche Karriere nach wie vor mit eingebauter Vorfahrt, während ihre Frauen sich freiwillig um Haus und Kinder kümmern. Das ist gefährlich.