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Lebenshilfe:"Gönn dir ab und zu eine kleine Versuchung"

Lebensfreude
Foto: Jakob Berr
Collage: SZ

Überraschend erfolgreich: Der Lebensfreude-Kalender.

(Foto: Foto: Jakob Berr, Collage: SZ)

Sprüche wie dieser finden sich im "Lebensfreude-Kalender", 3,5 Millionen Mal wurde der in den letzten 30 Jahren verkauft. Die Geschichte eines erstaunlichen Erfolgs.

Die Welt kann so digital sein, wie sie will, wenn eines zur Jahreswende verlässlich passiert, dann dies: Deutsche kaufen Kalender. Wandkalender, Abreißkalender, Kalender mit Perserkatzen, Backrezepten, Kalender für "clevere Kids" und cleverer werden wollende Erwachsene, "Sudoku für jeden Tag". Auf Kalender, schrieb vor Kurzem der Buchreport frohlockend, sei "weiterhin Verlass", die "Saison 2020" entwickle sich "erfreulich".

Seit Jahren wächst der Umsatz in dem Segment kontinuierlich im einstelligen Prozentbereich. Man könnte natürlich spekulieren, warum das so ist, wenn man doch jeden Tag auch in seinem Smartphone verwalten kann. Die Sehnsucht, die so schnell verfliegende Zeit wenigstens auf Papier in den Griff zu kriegen? Indem man rumkritzelt, umblättert, den Lauf der Jahre Seite für Seite mitgeht? Vielleicht ist es auch einfach eine eingeführte Tradition, der Kalender als sichtbar Struktur gebender Jahresbegleiter: Ach, bald ist ja schon wieder Ostern. Wohin fahren wir im Sommer?

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Aber womöglich ist das zu kurz gegriffen. In diesem so "erfreulich" steigenden Markt gibt es nämlich seit Jahren einen erstaunlichen Bestseller: den "Lebensfreude-Kalender", aktuell auf Platz drei der Amazon-Bücher-Charts, seit zwölf Jahren Deutschlands "meistverkaufter Kalender", so steht es auf dem Deckblatt, aber die Zahlen sind seriös erhoben vom Börsenblatt, dem Wochenmagazin für den deutschen Buchhandel. In 30 Jahren hat er sich etwa 3,5 Millionen Mal verkauft, zuletzt jährlich etwa 400 000 Mal.

Dabei sieht der Lebensfreude-Kalender, 7,80 Euro das Stück, aus, als habe ihn jemand zu Hause auf dem Heimcomputer entworfen. Und tatsächlich haben ihn die beiden Psychotherapeuten Doris Wolf und Rolf Merkle zunächst im Eigenverlag herausgebracht, weil niemand den Kalender drucken wollte. Die Grundfarbe ist weiß, auf dem Deckblatt prangen zwei Heißluftballons, die Bilder innen zeigen an Blumen schnuppernde Eichhörnchen, Waldszenen im Gegenlicht, aber auch mal ein verrostetes Türschloss in einer leicht sterilen Optik.

"Ein Bild von einem Schnitzel kann dir nicht vermitteln, wie es schmeckt"

Wenig hat sich verändert über die Jahre, außer dass die Leser inzwischen nicht mehr gesiezt, sondern geduzt werden, und geblieben ist vor allem der Markenkern: Sprüche, erdacht von den Erfindern, die promoviert haben in Bibliotherapie, welche wiederum auf die Heilkraft von Sprache setzt. "Gönn dir ab und zu eine kleine Versuchung. Wer weiß, ob sie wiederkommt?" (Januar) "Jede Person, der du begegnest, hat eine Aufgabe für dich." (April) "Ein Bild von einem Schnitzel kann dir nicht vermitteln, wie es schmeckt." (August) Manche mögen das als esoterisches Achtsamkeitsgeraune abtun, aber dem hält Doris Wolf entgegen: "Unsere Sprüche findet man nicht an jeder Ecke. Sie basieren auf psychotherapeutischem Wissen" - weswegen sie Leservorschläge grundsätzlich nicht berücksichtigen würden. Und überhaupt gäbe es ja zu den meisten Sprüchen noch eine "ausführliche Erläuterung, die den Transfer in den Alltag erleichtert".

Beim Schnitzel-Spruch liest sich das so: "Fernseher, Handys und Tablets verführen uns dazu, mit ihnen unsere Zeit zu verbringen." Und weiter: "Doch wo bleiben unsere anderen Sinne: Unser Geruchs-, Geschmacks- und Spürsinn?" Schließlich der Rat: "Nutze alle Sinne, die dir geschenkt wurden, und hab Spaß dabei."

Der "Lebensfreude-Kalender" unterteilt das Jahr in Zehn-Tages-Abschnitte, man wolle damit, sagt Doris Wolf, "aus dem gewohnten Denken, unser Alltagsleben in Wochen aufzuteilen, ausbrechen". Das ist ein fast schon aufrührerischer Ansatz. Im französischen Revolutionskalender, eingeführt nach der Revolution, dauerte eine Woche auch zehn Tage. Diese Einteilung hatte aber deutlich weniger Bestand als im "Lebensfreude-Kalender": Sie wurde nach 16 Jahren wieder abgeschafft.

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