Laufsport Hit für Schritt

Was Bon Jovi und die Manic Street Preachers mit Marathon zu tun haben? Mit ihnen im Ohr trainiert es sich leichter. Sagen Sportler - und jetzt auch Wissenschaftler.

Von Jochen Temsch

Claudia Dreher ist eine der erfolgreichsten deutschen Marathonläuferinnen und ein bisschen liegt das wohl auch an Bon Jovi. Mehrmals gewann die 37-jährige Magdeburgerin den Köln-Marathon.

Mit Musik geht alles leichter? Diese Platitüde stimmt.

(Foto: Foto: Jupiterimages)

Als sie sich nach einem dieser Siege das Video vom Endspurt anschaute, waren die Szenen mit dem Song "Runaway" der amerikanischen Poprocker unterlegt.

Seitdem steht das Stück auf Platz eins in Claudia Drehers persönlichen Trainings-Top-Ten und ist aus ihrer Wettkampfvorbereitung nicht mehr auszublenden. "Dieses Lied pusht mich einfach. Etwas härtere Musik gehört für mich jeden Tag zum Leben und zum Sport dazu", sagt sie.

Ansporn übers Ohr

Damit ist Claudia Dreher nicht allein. Auch andere prominente Läufer holen sich einen extra Ansporn übers Ohr. Der ausdauernde Schriftsteller Haruki Murakami zum Beispiel läuft abends zu Stücken der Manic Street Preachers und morgens zu Creedance Clearwater Revival - weil ihm Erstere eine schnelle Gangart und Letztere einen simplen Rhythmus vorlegen.

Die amtierende Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe nennt "Rock DJ" von Robbie Williams als Motivations-Hit Nummer eins, weil der Song für sie so viel Energie ausstrahlt. Zehntausend-Meter-Star Jan Fitschen mag die "California Girls" von den Beach Boys, weil sie ihn an Urlaub im Wohnmobil erinnern.

Claudia Dreher meint: "Läufer, die keine Musik hören, sind inzwischen eher Außenseiter". Dank kostengünstiger, erschütterungsresistenter Mp3-Player und ausgeklügelter Halterungen an der Trainingskleidung schwören auch immer mehr Hobbyjogger auf Sound beim Sport. Spätestens seit den Achtzigerjahren, als "Rocky" im Kino dramatisch zu aufpeitschender Musik trainierte, weiß jeder, wie wichtig der richtige Klang zur Selbstkasteiung ist.

Doch erst vor Kurzem haben amerikanische und britische Sportpsychologen mit Studien belegt: Musik steigert tatsächlich die Motivation, verbessert die Koordination, übertönt leichte Belastungsschmerzen und lässt den Sportler Monotonie und Müdigkeit fürs Erste vergessen.

130 Schläge pro Minute

Für Professor Wolfgang Tiedt, Leiter des Instituts für Tanz- und Bewegungskultur der Deutschen Sporthochschule Köln, liegt dem Menschen der Rhythmus von klein auf im Blut. Er sagt: "Alle Kinderspielformen sind rhythmische Verbindungen von Text, Bewegung und Musik, darauf baut unsere ganze Pädagogik auf". Vom Ringelreigen zum Aerobic-Kurs ist es so gesehen nur ein kleiner Hopser. Aerobic wurde von amerikanischen Soldaten auf Kriegsschiffen erfunden.

Die Musik spielt dabei eine ähnliche Rolle wie soldatische Marschgesänge oder Karnevalstrommeln: Man kann sich ihrem Rhythmus kaum entziehen, wie von selbst synchronisiert man seine Schritte damit, auch wenn es einem peinlich ist. Die beste zivile Variante des zwingenden Bewegungsanreizes ist laut Wolfgang Tiedt die Samba. Aber auch jede Art von Pop- und Rockmusik und sogar dynamische, nicht zu verkopfte Klassik kann Beine machen.

Auf das Tempo der Stücke kommt es an: Etwa 130 Schläge pro Minute entsprechen der Herzfrequenz eines halbwegs zügigen Laufs. So, wie ein Tänzer nicht aus dem Takt tanzt, passt sich auch ein Läufer der Musik an. Dazu kommen der persönliche Geschmack und schöne Erinnerungen. Lieblingslieder wie Claudia Drehers "Runaway" oder Jan Fitschens "California Girls" lösen positive Gefühle und gute Assoziationen aus.

Musik strukturiert das Training

Wolfgang Tiedt sagt: "Die innere Stimmung beeinflusst die Ausführung der Bewegung. Der Läufer merkt, wie er sich elastischer, leichter, federnder bewegt - das ist sogar für Außenstehende sichtbar". Und noch einen Vorteil hat Musik: Sie strukturiert die Trainingseinheiten durch bestimmte Abfolgen, Längen und Refrains bis zum finalen Belohnungs-Song.

Wer keine Ohrstöpsel mag, kann sogar im Geiste still vor sich hin singen oder in der Phantasie Musik abspielen. "Innere akustische Bühne" sagen die Wissenschaftler dazu - damit funktionieren Ablenkung und Durchhalteverstärkung genauso.

Bei harten Läufen lässt Claudia Dreher manchmal ihren Trainer im Auto nebenher fahren und ihre Hits auflegen. Nur in jüngster Zeit mochte sie es lieber ohne. Der tolle Sound der Vögel zu Frühlingsanfang war für sie nicht einmal von Bon Jovi zu toppen.