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Kulturdroge Alkohol:Wasser predigen, Wein trinken

Dennoch ist es in der Alten Welt nie recht gelungen, dem Alkoholkonsum Einhalt zu gebieten. Die Macht der Tradition war zu stark, und schließlich mochten jene, die dem Exzess durch Verbote wehren wollten, ja selbst ungern vom Kulturgut Alkohol lassen. Wasser predigen, Wein trinken: Das verbindet frühneuzeitliche "Zechrechte", später die offiziellen Vorstöße, den "Kneipen" nachnapoleonischer Studentenverbindungen Einhalt zu gebieten, mit den heutigen Versuchen mancher Kommunen, die Jugend mittels eines Ausschankverbots in der City auf den Weg der Läuterung zu führen.

Ernsthafte Versuche der Prohibition gab es nur in den besonders sittenstrengen Kulturen der protestantischen Welt; in Skandinavien etwa, wo trotz, oder vielleicht gerade wegen aller Sondersteuern und Kontrollen ein Alkoholproblem blieb, von dem sich jeder Fahrgast einer Ostseefähre leicht überzeugen kann - oder auch der Besucher einer griechischen Strandbar, wenn dort Schweden zechen.

Am weitesten sind die USA gegangen. Schon bei Tom Sawyer ist vom wohlmeinenden, jedoch nicht von der Sonne des Erfolgs beschienenen Wirken puritanischer Damenzirkel wider die Sauferei die Rede. 1920 bis 1933 verboten die USA den Genuss alkoholischer Getränke grundsätzlich - und förderten nur den Schwarzmarkt und den Aufstieg des organisierten Verbrechens. Legendär wurden Bandenchefs wie Al Capone in Chicago, deren Macht und Reichtum auf dem Alkoholschmuggel beruhte.

Sigmund Freud betrachtete die Prohibition mit herablassender Neugier. 1927 schrieb er in "Die Zukunft einer Illusion" über "einen Vorgang in Amerika . . . Dort will man jetzt den Menschen - offenbar unter dem Einfluss der Frauenherrschaft - alle Reiz-, Rausch- und Genussmittel entziehen und übersättigt sie zur Entschädigung mit Gottesfurcht. Auch auf den Ausgang dieses Experiments braucht man nicht neugierig zu sein."

Wahrscheinlich lässt sich, 85 Jahre später, dasselbe vom Alkoholverbot in S-Bahnen und Innenstädten sagen. Nach wie vor wird der Alkohol trotz der hinlänglich bekannten Gesundheitsrisiken als Kulturdroge anerkannt. Sie dient der Entspannung, Euphorisierung, der gemeinschaftlichen Flucht aus der Realität. Doch Droge bleibt Droge, auch wenn sie Teil der Kultur ist. Und es ist das Wesen der Droge, sich der Kontrolle zu entziehen - jener des Zechers, aber auch der Kontrolle der Autoritäten, die den Zecher zur Besserung anhalten wollen.