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Kolumne: Die Paar Probleme (2):"Großzügiger mit sich selbst umgehen"

Wilchfort: Er muss ihr dazu verhelfen, dass sie es besser kann. Indem er ihr genau das gibt, was er ihr im Moment verweigert, nämlich Selbstwert. Wenn er lernt, ihr Fehler zuzugestehen, dann kann er auch lernen, mit sich selbst großzügiger umzugehen.

sueddeutsche.de: In der Reihenfolge? Sollte er nicht erst einmal mit sich selbst im Reinen sein?

Wilchfort: Er könnte natürlich zuerst in einer Einzeltherapie seinen Drehschwindel und Tinnitus aufarbeiten. Aber er kann auch durch die Partnerbeziehung lernen. In dem Fall sehe ich diese Reihenfolge als neue Idee für ihn: Wenn er es schafft, sie lockerer wahrzunehmen, wird er es relativ einfach haben, sich selbst lockerer zu nehmen.

sueddeutsche.de: Aber auch Eva wird etwas ändern müssen.

Wilchfort: Ich denke, sie muss sich Gedanken über sich selbst machen: Zum Beispiel: Wollte sie diesen "Job" überhaupt annehmen und die Route planen?

sueddeutsche.de: Vermutlich hat sie es gemacht, weil sie nicht so gut Auto fährt, und irgendwas muss sie ja tun.

Wilchfort: Genau, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte und nicht nein sagen konnte. Sie sollte sich aber lieber überlegen: Was ist eigentlich meine Stärke? Besser noch: Was mache ich gerne? Das ist nicht immer dasselbe.

sueddeutsche.de: Dass sie sich das nicht gefragt hat, liegt wohl daran, dass auf seiner Stirn steht: "Ich nehme ohnehin schon alles auf mich, also kannst du wenigstens erledigen, was wichtig ist und nicht, was du gern tust".

Wilchfort: Und deshalb muss sie sich lösen von dem, was er sagt, und in sich hineinschauen. Das Allerbeste wäre natürlich, wenn er ihr sagen würde, wo ihre Stärken liegen.

sueddeutsche.de: Das setzt voraus, dass er diese auch erkennt.

Wilchfort: Meine Erfahrung sagt mir, dass man am Partner immer welche findet. Wenn nicht, ist das auch ein Signal, um eine Entscheidung zu treffen.

sueddeutsche.de: In dem Fall wäre der Urlaub ein Fehler gewesen? Immerhin hat er die Erkenntnis gebracht, dass etwas passieren muss.

Wilchfort: Richtig. Und ich bin davon überzeugt, die beiden haben eine unheimlich große Chance, in dieser Partnerschaft etwas zu entwickeln.

sueddeutsche.de: Selbst nach fünf Jahren Beziehung, in dieser verfahrenen Situation?

Wilchfort: Oh ja, gerade nach fünf Jahren! Weil die kritischen Momente immer deutlicher herauskommen. Deshalb sage ich: Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Vielleicht können Adam und Eva das nächste Mal eine schönere Expedition miteinander gestalten.

sueddeutsche.de: Und diese Urlaubsvorbereitung beginnt: JETZT.

Wilchfort: Sie sagen es.

Haben auch Sie und Ihr Partner ein Problem, das Sie uns gerne - jeder aus seiner Perspektive - mitteilen möchten? Dann senden Sie uns eine E-Mail an leben@sueddeutsche.de, Betreff: Paarprobleme. Bitte beachten Sie, dass wir nur Zuschriften beantworten können, in denen beide Partner ihr Anliegen formulieren. Sämtliche Angaben werden anonym und vertraulich behandelt, für eventuelle Rückfragen benötigen wir jedoch eine gültige E-Mail-Adresse.

Damit wir auf Ihren Konflikt möglichst genau eingehen können, sollten Sie folgende Punkte beachten: 1. Einigen Sie sich miteinander auf einen vor kurzem stattgefunden Streit. 2. Schildern Sie - unabhängig voneinander - in wenigen Sätzen, wie sich Ihr Partner verhalten hat und was Sie daran gestört hat. 3. Lassen Sie uns wissen, welches Verhalten Sie sich in dieser Situation vom Partner gewünscht hätten.