Kirche im Internet "Magst du für mich beten?"

Gut zu wissen, dass andere für einen beten.

(Foto: dpa)
  • Auf der Website Amen.de haben Gläubige bisher mehr als eine halbe Million Mal per Mausklick für mehr als 20 000 Anliegen gebetet.
  • Die User der Plattform teilen ihre Wünsche und Nöte anonym mit. Sind die Anliegen beunruhigend, greift das Forum ein und vermittelt Hilfe.
Von Katrin Langhans

Als Nadja im Internet nach jemandem sucht, dem sie ihre Sorgen anvertrauen kann, steckt sie in einer Glaubenskrise. Ihr Kindergartenfreund ist zwei Jahre zuvor an Leukämie gestorben. Und dann ist da noch die Sache mit ihrer Ferienliebe, die plötzlich den Kontakt abgebrochen hat.

Nadja beschließt, Gott noch einmal eine Chance zu geben. Sie gibt "beten" bei Google ein und stößt auf die Plattform Amen.de. "Gib deine Sorgen ab" steht da. Nadja tippt ihr Anliegen in das Nachrichtenfeld und klickt auf "Betet für mich". Bald darauf erhält sie aufmunternde Worte und Gebete. Von Fremden, die sie nie zuvor gesprochen oder gar getroffen hat.

Seit April 2013 teilen Menschen ihre Sorgen auf der interaktiven Plattform "Amen.de", die vom SCM Bundes-Verlag betrieben wird und sich aus Spenden finanziert. Mehr als eine halbe Million Mal haben Gläubige bisher per Mausklick für etwa 23 000 Anliegen gebetet. Sie haben ihre Wünsche und Ängste geteilt und sich gegenseitig mit kurzen Nachrichten aufgemuntert. Von Computer zu Computer, ganz anonym.

Screenshot von Amen.de

(Foto: Quelle: amen.de)

Die Fürbitte im digitalen Zeitalter

Die Mitarbeiter der Website prüfen jedes Anliegen und schicken es danach per Mail an die registrierten Beter. Mit wenigen Klicks zeigen diese, dass sie für ein spezielles Anliegen gebetet haben. Derjenige, der sich Anteilnahme für seine Sorgen gewünscht hat, kann jederzeit nachsehen, wie oft an ihn gedacht wurde. In der Regel kommen pro Anliegen zehn bis 20 Gebete zusammen, manchmal schicken sich die User auch kurze Aufmunterungen, informieren über den neuesten Stand oder bedanken sich für das Mitgefühl.

"Viele Nutzer lassen für ihre Partnerschaft und ihre Gesundheit beten", sagt Initiator Rolf Krüger. Es gebe Dinge, über die man mit Freunden nicht sprechen könne oder wolle, sagt er. "Wer Eheprobleme hat, wendet sich damit nicht an seinen Hauskreis, während der Partner daneben sitzt. Vielleicht will er aber trotzdem, dass jemand für ihn betet", sagt Krüger. Mit der Plattform wolle er die Fürbitte ins digitale Zeitalter übersetzen.

Kirche im Internet, das gehört für viele Gläubige längst zum Alltag. Sie lesen die Tweets vom Papst, beten in virtuellen Gebetsräumen, trauern auf speziellen Online-Plattformen oder zünden im Internet Kerzen an. Selbst in der 3-D-Spielewelt Second Life ist die Kirche vertreten, die Anglikanische Kirche bietet regelmäßig Gottesdienste auf "Epiphany Island" an. "Wenn Sie nicht persönlich in die Kirche gehen können, besuchen Sie eine Online-Kirche" heißt es dort. In einer virtuellen Kathedrale sitzen die User dann beisammen - in Gestalt einer Elfe, als Geschäftsmann oder alte Dame - und beten miteinander.

Von 2008 bis 2010 führte auch das Bistum Freiburg regelmäßig Gottesdienste in Second Life durch und organisierte regelmäßig Gesprächsrunden und Debatten für die Gläubigen, etwa zum Thema Sterbehilfe. Inzwischen halten Ehrenamtliche noch zwei Mal in der Woche eine Messe in der virtuellen Welt.

"Online und offline ergänzen sich"

Sitzt bald keiner mehr in einer Kirche aus Stein? Kerstin Radde-Antweiler glaubt das nicht: "Online und offline ergänzen sich zumeist", sagt die Religionsforscherin. "Das Internet kann den Kirchgang für die meisten Gläubigen nicht ersetzen." So seien manche religiöse Handlungen im Netz gar nicht möglich, wie zum Beispiel der Empfang der Sakramente im Katholizismus. Die Internet-Angebote würden vielmehr jene abholen, die Religion einmal versuchen wollten.

"Man erreicht im Internet eher junge Leute, die bisher weniger mit der Kirche zu tun hatten. Wenn die Hemmschwelle nicht so hoch ist, sind sie eher bereit, etwas auszuprobieren", erklärt die Wissenschaftlerin von der Universität Bremen. Die Erfahrung zeige, dass Gläubige weniger von der "echten" Kirche zur virtuellen wechseln würden, sondern umgekehrt. "Man bindet die Leute an das Portal und erzeugt so ein Gemeinschaftsgefühl, das den Glauben stärkt", sagt Radde-Antweiler.

Ähnlich ist es auf Amen.de. Viele User kommen mehrmals, um zu beten oder für sich beten zu lassen. Oft sind ihre Anliegen nicht besonders konkret formuliert, manchmal bekommen die Mitglieder der Community aber auch Einblick in ein Gefühlschaos: Einer hat Angst, durch die Prüfung zu fallen, ein anderer sorgt sich um die hochfiebrige Nichte. Zum Teil sind die Anliegen von beunruhigender Dringlichkeit. Ein Mädchen beschreibt, wie sie immer wieder Panikattacken im Unterricht bekommt. Das Herz rast, sie schwitzt, der Bauch rumort. Ist Gott da wirklich der richtige Ansprechpartner?

Bei krassen Anliegen vermitteln die Betreiber Hilfe

"Wenn wir das Gefühl haben, dass jemand Hilfe braucht, dann reden wir mit ihm", sagt Amen.de-Leiter Rolf Krüger. Das sei schon ein paar Mal vorgekommen. Der Fall, der ihn bisher am meisten berührt hat, war der eines Mädchens, das von mehreren Familienmitgliedern geschlagen und vergewaltigt wurde. "Wir haben Kontakt zu ihr aufgenommen und ihr eine Hilfestelle vor Ort vermittelt", sagt er.

Um noch gezielter junge Menschen anzusprechen, will Krüger die Seite Praybox.net konzipieren, eine virtuelle Anlaufstelle speziell für Teenager. Der Ableger von Amen.de soll Mitte 2015 online gehen. Auch Amen.de will Krüger erweitern. Noch in diesem Frühjahr sollen User auch für öffentliche Anliegen beten können - also beispielsweise für Opfer von Terroranschlägen und deren Angehörige.

Bis dahin bleiben es private Gebetswünsche, wie der von Nadja, die eigentlich anders heißt. Drei Monate lang haben die User immer wieder dafür gebetet, dass sie ihre Ferienliebe wiederfindet. "Das hat mir Hoffnung gegeben. Es war schön zu wissen, dass jemand an mich denkt." Geholfen hat das, wenn man so will, dann auch ganz konkret: Im neuen Jahr kam tatsächlich wieder eine Nachricht von dem Mann, in den sie sich auf Bali verliebt hat.