Jugendhilfe-Einrichtung in Hamburg Alles hier muss etwas aushalten können

Im Obergeschoss sind die Schlafzimmer. Jedes mit einer anderen Farbe und verschieden hohen Fenstern versehen, damit jedes Kind das Gefühl hat, in einem besonderen Zimmer zu wohnen. Schränke und Türen sind fest montiert und aus besonders widerstandsfähigem Material. Sie müssen was aushalten können, wenn die Kinder ihre Krisen bekommen. Alles in der Mattisburg muss was aushalten können. Die Paneelen an den Wänden. Der PVC-Boden, der wie Holzparkett aussieht. Der gepolsterte Toberaum im Keller.

Auch die Erwachsenen hier müssen was aushalten. Das "Ausagieren", wie Bierbaum die Ausraster der Kinder nennt, kann gefährlich sein. Und ihre traumatischen Erlebnisse drücken sich manchmal in drastischen Alltagserfahrungen aus. Ruoff erzählt, dass sie im Hannoverschen Kinderhaus mal mit einem Mädchen am Küchentisch saß. Sie fragte das Kind arglos, ob es schon eine Freundin gefunden habe. Und mit irritierender Selbstverständlichkeit sagte die Sechsjährige: "Ja, aber die will mich immer poppen wie mein Vater."

Missbrauch Zahl der misshandelten Kinder nimmt zu
Gewalt gegen Kinder

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Täglich werden in Deutschland etwa 50 Jungen und Mädchen misshandelt oder sexuell missbraucht. So steht es in der Kriminalstatistik. Doch von den meisten Fällen bekommt die Polizei gar nichts mit.   Von Friederike Zoe Grasshoff

Geschundene Seelen können anstrengend sein

Es gibt kein klassisches Mattisburg-Kind. Ein Vierjähriger kam her, der kein Wort sprach. Ein Zehnjähriger bewaffnete sich mit Küchenmessern. Andere haben depressive Züge. Aber alle zeigen Auffälligkeiten, die normal sind, wenn man ihre nicht normalen Geschichten bedenkt. "Da ist alles dabei, was sie sich denken und nicht denken können", sagt Bierbaum. Opfer von häuslicher Gewalt, Sex, Kinderpornografie. "Schwerstgeschädigte", sagt Ruoff.

Nach sechs Monaten und vielen gemeinsamen Erfahrungen schreiben die Mattisburg-Pädagogen für jedes Kind einen Abschlussbericht. Sie geben Antworten zu den Fragezeichen, zumindest ein paar, und dazu die Vorschläge, wie es weitergehen kann für das Kind. In einer weiteren Jugendhilfe-Einrichtung? In einer Pflegefamilie? Vielleicht sogar wieder bei den leiblichen Eltern? Und dann geht es ans Abschiednehmen. "Manche sind froh, wenn sie raus sind", sagt Bierbaum. Aber manche Abschiede sind auch traurig nach den vielen Wochen in der Mattisburg. "Manchen Kindern wachsen wir ans Herz, und sie uns auch", sagt Thorsten Bierbaum.

Geschundene Seelen können anstrengend sein. Aber Seelen sind sie eben doch.